Knapper Impfstoff in Europa Was ist eigentlich mit CureVac?

Stand: 02.02.2021 12:31 Uhr

Die USA wollten sich den Impfstoff von CureVac angeblich exklusiv sichern, Investor Hopp hoffte auf erste Lieferungen im Herbst. Mittlerweile ist es still geworden um CureVac, den US-Markt gab der deutsche Konzern bereits auf.

Von Andrej Reisin, NDR

Am 2. März 2020 war die Pandemie-Lage bereits so bedrohlich, dass US-Präsident Donald Trump sich genötigt sah, die Chefs der führenden Impfstoff-Entwickler ins Weiße Haus einzuladen. Unter ihnen: Daniel "Dan" Menichella, damals Chef des Biotech-Unternehmens CureVac aus Tübingen. Die versammelten Pharma-Vertreter traten in dem Treffen betont optimistisch auf, zumal der US-Präsident mit Blick auf die Wahlen im November permanent nachfragte, ob man nicht "in ein paar Monaten" einen Impfstoff haben werde. Menichella versicherte, man könne wahrscheinlich "im Juni" mit den ersten klinischen Tests starten.

Kurze Zeit später berichtete "Die Welt", Trump wolle sich den CureVac-Impfstoff "exklusiv" für die USA sichern. Die Bundesregierung zeigte sich aufgeschreckt, mehrere Minister, unter ihnen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Innenminister Horst Seehofer und Außenminister Heiko Maas  bestätigten, dass die Regierung über den Vorgang informiert und mit CureVac im Gespräch sei.

Hopp-Aussagen sorgen für Aufsehen

Der Hauptinvestor von CureVac, SAP-Gründer und Multimilliardär Dietmar Hopp, gab in diesem Zusammenhang einige Statements ab - meistens gegenüber Sportjournalisten in seiner Rolle als Mehrheitseigner des Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim. So versprach Hopp unter anderem, ein Impfstoff könne, wenn alles ideal laufe, "bis zum Herbst" 2020 verfügbar sein. Eine exklusive Vermarktung in den USA schloss Hopp kategorisch aus. CureVac-Boss Menichella jedenfalls war seinen Job wenige Tage nach dem Treffen im Weißen Haus los. Der Amerikaner wurde durch seinen Vorgänger ersetzt: den CureVac-Gründer Ingmar Hoerr.

Ob es das Angebot zur "feindlichen Übernahme" des Impfstoffs jemals gab, ist umstritten. Das Unternehmen selbst dementierte, ebenso wie der damalige US-Botschafter in Deutschland Richard Grenell im Namen seiner Regierung. Bis heute ist es im Übrigen weltweit zu keinem exklusiven US-Deal gekommen, noch nicht einmal mit amerikanischen Unternehmen.

Bundesregierung steigt bei CureVac ein

CureVac aber galt in Deutschland als ein führendes Unternehmen der Covid-19-Impfstoffentwicklung. Am 15. Juni vermeldete die Bundesregierung, dass sie sich mit 300 Millionen Euro an CureVac beteiligen werde - ein direkter Einstieg des deutschen Staates in das Unternehmen. Verkündet wurde der Schritt gemeinsam mit Hopp.

Die Bundesregierung erhielt damit über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einen Anteil von rund 23 Prozent (der durch eine Kapitalerhöhung später auf 17 Prozent schrumpfte) an CureVac. Im Sommer brachten Hopp und CureVac das Unternehmen an die Börse, genauer gesagt an die amerikanische Nasdaq.

Fünf Milliarden Euro Vermögenszuwachs

Mehr als 1,4 Milliarden Euro hatte Hopp nach eigenen Angaben bereits in sein Biotech-Portfolio investiert, auf einen durchschlagenden Erfolg wartet er seit Jahren. Vor allem durch den CureVac-Börsengang vergrößerte sich sein Vermögen 2020 laut "Manager Magazin" um rund fünf Milliarden Euro - von 8,1 auf 13,2. Kein anderes deutsches Vermögen sei derart angestiegen, so das Magazin. Auch der Bund hätte sein Investment vorerst vergoldet: Umgerechnet wären die staatlichen Anteile derzeit rund 2,5 Milliarden Euro wert.

Doch der Börsenwert eines Unternehmens kann schnell wieder sinken, wenn ein erwarteter Erfolg ausbleibt. Denn während mit Biontech und Moderna bereits zwei mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 auf dem Markt sind, und mit AstraZeneca ein weiterer Hersteller mit einer anderen Technologie, lässt CureVacs Impfstoff auf sich warten.

CureVac rechnet mit Zulassung im zweiten Quartal

Zudem könnten die vorläufigen Ergebnisse der ersten Phase weniger gut sein, als das Unternehmen gehofft hatte: Im Vergleich mit Moderna und Biontech erreichte der CureVac-Impfstoff zum Teil niedrigere Antikörper-Konzentrationen im Blut und zeigte trotz geringerer Dosierungen höhere Nebenwirkungsraten, bis hin zu schwerem Fieber - auch, wenn alle Symptome nach Angaben des Unternehmens nach 48 Stunden abgeklungen waren.

Ein Unternehmenssprecher sagte auf Anfrage von tagesschau.de, man sehe "mit unserer mRNA eine gute und ausgewogene Immunisierung". Zudem lägen die Nebenwirkungen "mit zunehmenden Verlauf der klinischen Studien deutlich unter den Resultaten der Phase 1". Man sei "zuversichtlich, mindestens die Ergebnisse anderer Impfstoffe" zu erzielen. Das Unternehmen rechnet nach eigenen Angaben mit einer Zulassung im zweiten Quartal dieses Jahres - und hat sich kürzlich mit dem Pharmariesen Bayer zusammengetan, um von der Infrastruktur und der Erfahrung des Industriegiganten bei der Zulassung und Produktion von Medikamenten in erheblicher Stückzahl zu profitieren.

Man beabsichtige "dieses Jahr bis zu 300 Millionen Dosen und nächstes Jahr bis zu 600 Millionen Dosen herzustellen". Laut Bundesgesundheitsministerium ist allerdings "derzeit noch nicht absehbar", wann eine mögliche Zulassung erfolge.

Welchen Einfluss übte Deutschland auf EU-Bestellungen aus?

Die EU-Kommission hatte erst im November 225 Millionen Dosen von Curevac bestellt und sich eine Option für weitere 180 Millionen Dosen gesichert. Zu diesem Zeitpunkt war CureVac allerdings noch nicht in der sogenannten Phase 3 der klinischen Studien angekommen, bei der der Impfstoff an einer großen Anzahl von Menschen getestet wird. Sowohl Biontech als auch Moderna standen dagegen wenige Wochen vor der Zulassung.

Von Biontech musste die EU mittlerweile noch einmal 300 Millionen Dosen nachbestellen, von Moderna wurden maximal 160 Millionen Dosen geordert. Als Gründe für das hohe Bestellvolumen bei Curevac im November gelten Vorteile, die der Impfstoff nach der Zulassung haben soll: Zum einen soll er über Wochen im Kühlschrank lagerbar sein, zum anderen soll CureVac größere Produktionskapazitäten in Europa haben.

Doch die deutsche Staatsbeteiligung, sowie weiterer Fördergelder des Bundes in Höhe von bis zu 252 Millionen Euro lassen auch die Frage aufkommen, welchen Einfluss Deutschland ausgeübt haben könnte. Das Bundesgesundheitsministerium verwies auf Anfrage an die EU, die für die Bestellungen zuständig sei. Der Sprecher der EU-Kommission für Gesundheit, Stefan De Keersmaecker, sagte im Gespräch mit tagesschau.de, die EU habe "streng nach wissenschaftlichen Kritierien gehandelt", um eine "breite Abdeckung an Impfstoffen und Herstellern" zu erzielen. Man habe nicht wissen können, wer das Rennen machen werde, die Anzahl der Dosen pro Hersteller bewegten sich in ähnlichem Rahmen. Alle Mitgliedsstaaten hätten ihre Interessen angemessen vertreten.

Impfstoff-Knappheit unvermeidbar?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte zuletzt mehrfach betont, die momentane Impfstoff-Knappheit wäre nicht zu verhindern gewesen. Der SPD-Europaabgeordnete Tiemo Wölken, der im Gesundheitsausschuss des EU-Parlaments sitzt und sich seit Monaten für mehr Transparenz bei der Impfstoff-Vergabe einsetzt, sieht dies anders.  Gegenüber tagesschau.de betont Wölken, dass das gemeinsame europäische Handeln zwar "absolut richtig" gewesen sei. Aber: "Hätte die EU bei allen Herstellern, mit denen man im Sommer weitergehende Verhandlungen geführt hat, mehr Risikofreude gezeigt und bis zu 600 Millionen Impf-Dosen bestellt, hätten durchaus früher Produktionskapazitäten aufgebaut werden können."

Zudem sei das Gesundheitsministerium im EU-Lenkungsausschuss für die Bestellungen vertreten gewesen. "Der Bundesgesundheitsminister kann deshalb die Verantwortung nicht einfach nach Brüssel abschieben."

CureVac gibt US-Markt auf

Den US-Markt, den CureVac nach Medienberichten angeblich exklusiv beliefern sollte, hat das Unternehmen unterdessen offiziell aufgegeben: Laut dem Vorstandsvorsitzenden Franz-Werner Haas habe "die jetzige Administration sehr schnell und sehr viele Dosen vorbestellt und reserviert", der Markt sei damit gesättigt. Die Frage ist, wann dies auch für viele andere kaufkräftige Staaten gelten könnte.

In der EU könnte noch im Januar ein weiterer Impfstoff zugelassen werden - von AstraZeneca. Damit stünde neben den Präparaten von Biontech und dem US-Hersteller Moderna bereits ein dritter Impfstoff zur Verfügung.

Außerhalb der EU gibt es laut der WHO-nahen Covid-19-Impforganisation COVAX zudem momentan keine bestätigten Bestellungen bei CureVac. Das Unternehmen sagte dazu lediglich, man sei "mit zahlreichen Regierungen, Organisationen und Institutionen im Gespräch", gebe zu Details derzeit aber keine Auskunft.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 05. Januar 2021 um 08:40 Uhr.

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