Eingang zur Gedenkstätte Sachsenhausen | Bildquelle: dpa

Holocaust-Überlebende Wunsch nach Bestattung in ehemaligem KZ

Stand: 21.01.2020 19:07 Uhr

Am Ende ihres Lebens hegen einige Holocaust-Überlebende den Wunsch, auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager beigesetzt zu werden. Ausgerechnet ein Gesetz der Nationalsozialisten erschwert das.

Von Christian Bergmann, MDR, und Marcus Weller, rbb

Christina Carmi ist 87 Jahre alt und weiß um die Zumutung, die Ihr letzter Wille für Ihre Familie bedeutet. Dennoch hat sie sich entschieden: Sie will an jenem Ort beerdigt werden, an dem ihre Familie ermordet wurde. Sie will nach ihrem Tod ins ukrainische Obertyn zurückkehren. 

In Obertyn wurden sie und ihre Familie von den einmarschierten Deutschen enteignet und gequält. 1943 wurde Ihre ganze Familie bei einem Massaker ermordet. Die damals Zwölfjährige war die einzige Überlebende des Massenmordes. Seither quälen Carmi Erinnerungen und Schuldgefühle.

"Ich habe das Gefühl, ich habe meine Eltern dort gelassen, ich habe es nicht geschafft, sie zu retten und ich möchte nun einfach bei ihnen sein. Der Grund, warum ich dort begraben sein will, ist, dass dies ein Mahnmal und eine Mahnung sein soll. Einmal für die, die dort begraben sind, und zum anderen, damit so etwas es nie wieder passiert."

Anfragen häufen sich

Die Holocaust-Überlebende Christina Carmi
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Christina Carmi will sich in der Ukraine bestatten lassen.

Seit vielen Jahren lebt Carmi in Israel. Ihr Wunsch in Obertyn begraben zu werden, soll ein letzter Aufschrei in einer Welt sein, in der der Holocaust immer schamloser instrumentalisiert, geleugnet oder schlicht vergessen wird. Carmi will zeigen, dass ein Zivilisationsbruch wie der des Holocaust auch heute jederzeit möglich ist.

Sie ist nicht die Einzige, die sich wünscht in die Hölle zurückzukehren. Immer wieder erreichen Gedenkstätten im ehemals besetzten Polen, aber auch in Deutschland, Anfragen mit Bitten um Genehmigung zur Beisetzung auf dem Gelände der ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager.

Alle Anfragen bisher abgelehnt

Genaue Zahlen gibt es nicht, denn außer zwei genehmigten Beisetzungen in Außenlagern des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, gab es keine offiziellen Begräbnisse - weder in Deutschland noch in Polen. Ausnahmslos alle diesbezüglichen Anfragen wurden bisher abgelehnt. Das stellt die Hinterbliebenen vor ernste Probleme und führt zuweilen zu bizarren Situationen.

So wie 2010 auf dem Gelände des Vernichtungslagers Treblinka. Alexander Weber war mit Schwester und Sohn aus Israel angereist, um seiner Mutter den letzten Willen zu erfüllen. Sie wollte bei Ihrer Familie sein, die an diesem Ort ermordet und verbrannt worden war. Doch statt der gewünschten würdevollen Beisetzung müssen die Kinder die Asche Ihrer Mutter heimlich verstreuen - aus einer mitgebrachten Plastiktüte.

Es musste schnell gehen, der Sicherheitsdienst der Gedenkstätte war aufmerksam. Weber empfand diese Art von Abschied als würdelos. Er glaubt, Einkehr und Ruhe seien dem Vermächtnis der Überlebenden und den Gefühlen der Hinterbliebenen angemessener, als die Angst, erwischt und von Wachleuten zur Rede gestellt zu werden. 

"Wenn man so einen letzten Willen ausführt, sollte man nicht gestresst sein oder sogar verängstigt, weil man etwas Illegales tut. Als wir in Treblinka waren, wussten wir nicht, ob wir dies tun dürfen. Und in diesem Moment denkst du nicht über die Bestattung nach. Du bist nur froh, wenn du damit durchkommst. Ich denke, wenn man offen mit vielen Menschen Abschied nimmt, wäre dies viel besser und auch würdevoller."

Gedenkstätten wollen keine aktiven Friedhöfe sein

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Gedenkstätten auf ihrem Gelände die Beisetzung von Überlebenden nicht zulassen. Der Wichtigste: Die Gedenkstätten wollen an die Opfer der Nationalsozialisten erinnern und nicht als letzte Ruhestätte für die Überlebenden dienen - sie wollen Erinnerungsorte an ein Menschheitsverbrechen und keine aktiven Friedhöfe sein. Diese Haltung schließt Beerdigungen nach jüdischem Ritus grundsätzlich aus, denn im Judentum darf nur ein ganzer Körper auf geweihtem Boden beigesetzt werden.

Das führt zur eigentlichen Tragik des Problems: Will man als verstorbener jüdischer Holocaust-Überlebender dennoch an den Ort des Schreckens zurückehren, geht das nur heimlich. Und heimlich heißt als Asche. Doch die Verbrennung der Toten ist im Judentum strikt verboten. Nicht nur das: Für viele Juden kam die Verbrennung ihrer Angehörigen durch die Mörder einer weiteren - auch spirituellen - Demütigung gleich. Im Ergebnis bedeutet diese Situation für viele Hinterbliebenen ein unauflösbares Dilemma, das zuweilen ganze Familien zerreißt.

Weg für eine würdevolle Beisetzung finden

Für dieses Problem gibt es keine Lösung - auch in Deutschland nicht. In der Bundesrepublik herrscht noch immer fast überall der Friedhofszwang. Das bedeutet, dass Überreste Verstorbener, egal ob als Körper oder Urne, nur auf Friedhöfen beigesetzt werden dürfen. Für die Gedenkstätten ein doppeltes Problem: Selbst wenn man Beisetzungen auf dem Lagergelände zulassen wollte, müsste die zuständige Verwaltung einen Friedhof genehmigen. Ein Vorgang, der zu Diskussionen zwingt.

In der Gedenkstätte Sachsenhausen zum Beispiel gab es in den vergangenen Jahren mindestens fünf Anfragen um Beisetzung auf dem Lagergelände. Alle Anfragen wurden abgelehnt. Der neue Leiter der Gedenkstätte, Axel Drecoll, ist sich der Sensibilität des Themas bewusst. Eine pauschale Ablehnung soll es in Sachsenhausen nicht mehr geben.

Für ihn zeigen die Anfragen, wie groß die Bedeutung solcher Orte für die Überlebenden heute noch ist. Deswegen will seine Gedenkstätte nicht mehr dazu beitragen, unwürdige Beisetzungssituationen zu erzwingen. Denn das, was die Gedenkstätten tun, tun sie auch um das Andenken der Überlebenden zu wahren. Bei jeder Anfrage will er nun das Gespräch mit allen Beteiligten suchen und einen Weg für eine würdevolle Beisetzung finden.

Gesetz geht auf Nationalsozialisten zurück

Eine der wichtigsten Hürden, wenn es um die Beisetzung auf dem Gelände der Gedenkstätten geht, ist der Friedhofszwang. Dieses Gebot geht ausgerechnet auf ein Gesetz zurück, das die Unterschrift Adolf Hitlers trägt. Am 15. Mai 1934 erließen die Nationalsozialisten das erste deutsche Feuerbestattungsgesetz. Es stellte erstmals Feuer- und Erdbestattung gleich, führte den Friedhofszwang ein und beendete damit die Tradition der Erdbestattung, die bis zu Karl dem Großen zurückreicht.

Für die Nationalsozialisten war die Einführung der Feuerbestattung ein Signal des Aufbruchs. Begraben galt als christlich, Verbrennen hingegen als urgermanisch. Als Hitler das Reichsgesetz unterschrieb, befürworteten nur knapp zehn Prozent der Deutschen die Feuerbestattung. Die wenigsten ahnten damals wohl, dass Krematorien bald Teil der nationalsozialistischen Mordmaschine werden würden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Januar 2020 um 13:11 Uhr.

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