Martin Sonneborn | Bildquelle: dpa

Digitaler Europawahlkampf Die PARTEI und AfD - im Netz vorn

Stand: 24.06.2019 06:00 Uhr

Die Parteien waren beim Social-Media-Europawahlkampf sehr unterschiedlich erfolgreich - das zeigt eine Studie. Vor allem AfD und Die PARTEI konnten punkten, die Union hingegen trotz großen Aufwands kaum.

Von Kristin Becker, ARD-Hauptstadtstudio

Mit ausdrucksloser Miene und nüchternem Ton preist Martin Sonneborn Mitte Mai den "Anti-Allgemeine-Verblödungs-Detektor" an. Das Video, das zugleich ein Wahlaufruf für Die PARTEI ist, wurde seitdem mehr als 350.000 Mal auf YouTube aufgerufen - der beste Wert für einen deutschen Spitzenkandidaten bei der Europawahl.

Der Satiriker und seine Partei sind im digitalen Wahlkampf ganz weit vorn dabei gewesen. Das zeigt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die dem ARD-Hauptstadtstudio exklusiv vorliegt.

Für die Studie wurden 1769 Beiträge und 365.016 Kommentare auf Facebook, 10.077 Tweets mit 17.547 Hashtags, 270 YouTube-Videos mit 41.997 Kommentaren und 902 Instagram-Beiträge mit 72.817 Kommentaren ausgewertet. Im Fokus standen die Accounts der Bundestagsparteien und deren Spitzenkandidaten für die Europawahl sowie die Social-Media-Profile von Die PARTEI und Martin Sonneborn.

Die PARTEI dominiert bei Twitter - die AfD bei Facebook

Auf Twitter konnte Die PARTEI laut der Studie sogar den meisten Zuspruch von allen untersuchten Parteien erreichen. Auf Facebook hingegen dominierte die AfD. Von ihr stammten 81 der 100 Postings im Europawahlkampf, die die meisten Interaktionen hervorriefen - das heißt: am häufigsten geteilt, kommentiert oder gelikt wurden.

Im Vergleich der Social-Media-Accounts der Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten ist der Abstand sogar noch deutlicher: 60 der 100 erfolgreichsten Beiträge stammten von AfD-Chef Jörg Meuthen. Bei Twitter dominierten hingegen Die PARTEI und Martin Sonneborn. Auch auf Instagram lag die Satire-Partei vorne, lediglich bei den Einzelaccounts konnten Katharina Barley von der SPD und Meuthen besser abschneiden als Sonneborn.

Manche Nutzer sind "hyperaktiv"

Allerdings muss eine hohe Interaktionsrate auf den sozialen Netzwerken nicht automatisch bedeuten, dass viele unterschiedliche Nutzer kommentieren - das zeigt eine kürzlich erschienene Studie der TU München auf. Demnach gibt es bei politischen Beiträgen eine kleine Anzahl "hyperaktiver" Nutzer, die sich überdurchschnittlich häufig äußern: In der Untersuchung waren gerade einmal fünf Prozent der Nutzer für mehr als ein Viertel aller Kommentare verantwortlich.

In jedem Fall ist die AfD die Partei mit der größten Facebook-Community, gefolgt von Die PARTEI und der Linkspartei. Bei Twitter liegen die Grünen und die SPD bei den Followerzahlen vorn.

Großes Interesse an Sonneborn

Bei den Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten überragt Sonneborn plattformübergreifend alle anderen: Auf Twitter hat er fast viermal, auf Instagram fast fünfmal so viele Abonnenten wie die Zweitplatzierte Barley. Auf Facebook hat der zweiterfolgreichste Kandidat - Meuthen – nicht einmal halb so viele Fans wie Sonneborn.

Klar ist aber, dass die Facebook-Beiträge der AfD im Europawahlkampf im Vergleich zu denen der anderen Parteien überdurchschnittlich oft gelikt, geteilt und kommentiert wurden. Aus Sicht der Studienautoren der FES spricht das für eine "gut mobilisierbare Community": Während die AfD im Durchschnitt pro Posting 2500 Likes erzielen konnte, schaffte die CDU nur etwa 300. Geteilt wurden die Beiträge der AfD durchschnittlich fast 1800 Mal - das ist fast doppelt so oft wie bei allen anderen zusammengerechnet.

Dialog? Fehlanzeige!

Auch wurden die Postings der AfD sehr viel mehr kommentiert als Veröffentlichungen anderer Parteien. Einen Dialog zwischen Partei und Nutzern aber gab es dabei offenbar eher nicht. Die AfD hatte zusammen mit CDU und Die PARTEI die schlechteste Antwortquote, während SPD und Grüne, vor allem aber die FDP bei den eigenen Beiträgen häufig mitkommentierten.

Bei den Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten beteiligte sich Özlem Alev Demirel von der Linkspartei sehr aktiv am Dialog auf Facebook, auch Ska Keller von den Grünen meldete sich öfter zu Wort, während die anderen kaum auf Nutzerkommentare reagierten.

AfD - kein Dialog mit den Gegnern gewünscht?

Aus Sicht von Martin Fuchs, einem der Autoren der Studie, spiegelt sich in der mangelnden Antwortbereitschaft der AfD die Strategie wider, keinen Dialog mit politischen Gegnern führen zu wollen. Es gehe um die reine Verbreitung der Inhalte, die von den Nutzern in die Breite getragen und untereinander diskutiert würden. Bei Die PARTEI fehle es schlichtweg an Personal, um Community Management zu betreiben.

Überrascht war Fuchs laut eigenen Worten über die insgesamt eher schlechte Onlineperformance von CDU, CSU und ihrem Spitzenkandidaten Manfred Weber. Richtig überzeugen konnte auch die SPD nicht, allerdings war Spitzenkandidatin Barley auf Instagram sehr präsent und dort während des Wahlkampfs erfolgreicher mit ihren Beiträgen als die anderen.

Welchen Effekt aufs Wahlergebnis?

Die unmittelbaren Auswirkungen der Parteistrategien in den sozialen Medien auf das Wahlergebnis seien allerdings schwer zu ermitteln, betont Fuchs. Klar sei, dass Instagram stark an Bedeutung gewinne. Zudem zeigten die Ergebnisse, dass einerseits Satire im Netz besonders gut funktioniere, andererseits die emotionale, zugespitzte Ansprache, wie sie die AfD pflege.

Für Isabelle Borucki, die an der Universität Duisburg-Essen zu Parteien im digitalen Wandel forscht, sind die Ergebnisse der FES-Studie ein Hinweis auf die Bedeutung der Onlinekommunikation für Wahlen. Ihrer Einschätzung nach werden soziale Medien für Wahlentscheidungen immer wichtiger werden, weil sich die heute jungen Menschen hauptsächlich online politisch informieren: "Wenn diese Generationen älter werden", sagt Borucki, "werden sie nicht plötzlich anfangen, klassische Medien zu konsumieren." Aus ihrer Sicht tun sich die großen Parteien aufgrund ihrer Geschichte und Struktur eher schwerer mit den Funktionslogiken des Netzes und vor allem mit Social Media.

Erfolg auch ohne viel Geld

Auch was Onlinewerbung angeht, gehen die Parteien unterschiedliche Wege. Das zeigt die FES-Studie mit Bezug auf den von Facebook veröffentlichten Transparenzbericht zu politischer Werbung. Demnach gaben CDU, SPD und Grüne jeweils 200.000 bis 300.000 Euro für Anzeigen auf Facebook und Instagram aus, die FDP etwas mehr als 100.000 Euro.

Die dort erfolgreichsten Parteien - die AfD und Die PARTEI - schalteten über ihre Hauptaccounts wenig bis gar keine bezahlte Werbung. Das gilt auch für YouTube, wo die CDU mehr als 260.000 Euro in Wahlwerbung investierte, die AfD rund 23.000 Euro und Die PARTEI keinen einzigen Euro.

Dem Erfolg von Martin Sonneborns Wahlvideo tat das keinen Abbruch.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. Juni 2019 um 08:30 Uhr.

Korrespondentin

Kristin Becker | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo SWR

Kristin Becker, SWR

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