Corona-Pandemie Impfdesaster mit Ansage

Stand: 25.02.2021 07:33 Uhr

In ganz Europa fehlt es an Impfstoffen gegen das Coronavirus. Nach Kontraste-Recherchen mangelt es an Produktionskapazitäten, Rohstoffen und Zulieferungen. Nun soll ein Impfkoordinator das Ruder noch herumreißen.

Von Ursel Sieber, Chris Humbs und Marcus Weller, rbb

Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins Kontraste kämpfen die Hersteller von Corona-Impfstoffen in Deutschland derzeit mit Engpässen bei Zulieferungen. "Wir kriegen kaum Maschinen, haben Probleme bei der Beschaffung von Verbrauchsmaterialien, haben Engpässe beim Rohmaterial", sagt Konstantin Matentzoglu, Geschäftsführer der Firma Celonic in Heidelberg gegenüber Kontraste: "Vor allem ist es schwer, von Zulieferern eine Liefergarantie zu bekommen." In Heidelberg soll das mittelständische Unternehmen demnächst millionenfach Impfstoff gegen Covid-19 produzieren. 

Die Probleme beim Aufbau der Produktion kommen nicht von ungefähr und sie erzählen viel über die Hintergründe eines Desasters mit Ansage. Denn die EU hat ausgerechnet die Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna erst Mitte November und Anfang Dezember 2020 bestellt - so spät, dass die Firmen kaum Vorlauf beim Einkauf von Rohstoffen oder für den Aufbau einer Fabrik hatten.

Engpässe zeichneten sich früh ab

Deshalb gibt es in der EU zu wenig Impfstoff - das wurde spätestens an Weihnachten vergangenen Jahres klar. Statt aber anzupacken und die Hersteller beim Aufbau von Kapazitäten mit aller Kraft zu unterstützen, passierte auf Regierungsebene erst einmal nichts. Dabei ist für jeden Ökonomen klar: Wer spät bestellt, wird auch spät beliefert.

"Wir haben sechs Wochen damit zugebracht, das zu leugnen", kritisiert der Bonner Ökonom Moritz Schularick: "Die zuständigen Minister hätten Fehler eingestehen müssen und sich die schnellere Beschaffung von Impfstoff zu eigen machen müssen. Doch sie ducken sich weg, übernehmen keine Verantwortung", so Schularick gegenüber Kontraste. Im Interesse der Gesellschaft sei es, in einer Pandemie die Produktion mit Vollgas hochzufahren. Für Unternehmen sei es aus betriebswirtschaftlicher Sicht aber interessant, die Herstellung über einen längeren Zeitraum zu strecken.

ifo-Institut: Jede zusätzliche Impfdosis erspart 1500 Euro Schäden

Jede Impfdosis, die früher kommt, hat enormen gesellschaftlichen Nutzen. Deshalb fordert Clemens Fuest, Präsident des Münchener ifo-Wirtschaftsinstituts, hohe Prämien auszuschreiben, für jede Dosis, die zusätzlich geliefert wird. "Schätzungen sagen, der Vorteil jeder einzelnen zusätzlichen Impfung, die früher geliefert wird, liegt bei 1500 Euro", rechnet Fuest vor. "Die Kosten pro Impfung liegen irgendwo bei vier bis 18 Euro". Angesichts solcher Zahlen könnte der Staat tatsächlich das Zehnfache oder mehr pro Dosis zahlen - es gäbe volkswirtschaftlich immer noch einen Gewinn. Pro Monat kostet die Pandemie weltweit 420 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung.

Clemens Fuest | Bildquelle: picture alliance / Soeren Stache
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ifo-Chef Fuest konnte sich mit seinem Vorschlag in Berlin nicht durchsetzen.

Doch landen konnte Fuest mit der Forderung nach Prämien in Berlin nicht. "Zu schwierig, das bringt nichts" sei die Reaktion gewesen. Er beklagte sich im Kontraste-Interview über die "Bräsigkeit" der zuständigen Ministerien, über die mangelnde Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

Davon zeugt auch das Rundschreiben, das Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am 9. Februar 2021 an die Impfstoff-Entwickler schickte. Er fragte, ob und wie das Ministerium Hilfe bieten könne und bittet um einen kurzen Bericht, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dass dabei zwei wichtige Impfstoffentwickler, die Firmen Moderna und Novavax fehlten, mag darauf hindeuten, dass es mit dem Überblick im Hause Altmaier noch nicht so weit her war.

Neue Impfstoffe, neue Anforderungen

Probleme gibt es auch bei der Beschaffung von Rohstoffen, die für mRNA-Impfstoffe notwendig sind. Bei diesem Verfahren werden keine Krankheitserreger oder deren Bestandteile für die Immunisierung verwendet, so wie es bisher bei Impfstoffen der Fall war. Stattdessen enthalten sie eine Art genetische Bauanleitung, die es dem Immunsystem ermöglichen soll, gezielt Antigene zur Bekämpfung von Krankheitserregern herzustellen. An diesem Verfahren wurde seit Jahren geforscht.

Und genau für diese neuen Impfstoffe braucht es erstmals spezielle Lipide - winzig kleine Fettkügelchen, nur einen Bruchteil so groß wie die Fettkügelchen in der Milch, die eine Schutzhülle bilden und verhindern, dass die mRNA abgebaut wird, bevor sie die Zellen erreicht, in denen die Immunabwehr aktiviert werden soll. Jeder mRNA-Hersteller benötigt unterschiedliche Lipide. Einige davon sind - zumindest nach der Darstellung von BioNTech-Finanzchef Poetting auf dem Impfgipfel - offenbar Mangelware.

Ohne diese Lipide gibt es aber keine mRNA-Impfstoffe. Dennoch sind die Mengen, die man für die mRNA-Impfstoffe benötigt, vergleichsweise überschaubar. Daher ist es nach Einschätzung von Gustav A. Oertzen, Unternehmensberater und Lehrbeauftragter an der Leuphana Universität Lüneburg, für Zulieferer nicht unbedingt lukrativ, dafür alle anderen Aufträge stehen und liegen zu lassen und die Produktion mit Vollgas hochzufahren. Die Impfstoffe seien für Entwickler wie die BioNTech/Pfizer oder Moderna hochprofitabel - aber das gelte nicht für alle Zulieferer. Darum müssten sich Prämien vor allem an Zulieferer wenden.

Scholz setzt sich durch

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) | Bildquelle: dpa
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Finanzminister Scholz setzte seinen Vertrauten Krupp als Impfkoordinator durch.

Hinter den Kulissen rumorte es in der Bundesregierung. Bundesfinanzminister Olaf Scholz soll sich für die Einsetzung eines Impfkoordinators stark gemacht haben. Und offenbar setzte sich Scholz damit durch - am vergangenen Freitag wurde ein Impfkoordinator berufen: Christoph Krupp, ein Vertrauter von Scholz, derzeit noch Chef der bundeseigenen Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und ehemals Leiter der Hamburger Senatskanzlei.

Ab 1. März soll er offiziell sein Amt antreten - abgesandt ins Bundeswirtschaftsministerium. Krupp ist Naturwissenschaftler und gilt als fähiger Manager. Celonic-Geschäftsführer Matentzoglu hofft, dass er sich schnell Expertise aus dem Pharmabereich dazu holt. Er befürworte seit langem einen Koordinator, sagt er - frage sich aber, warum der erst jetzt komme.

USA nutzen Gesetz aus dem Koreakrieg

Anders läuft es in den USA, wo der Staat den Herstellern massiv unter die Arme greift und bereit war, die Produktion mit Milliarden anzukurbeln. Grundlage dafür ist die "Operation Warp Speed" - eingerichtet noch unter Präsident Donald Trump. Der Staat griff schnell und unbürokratisch ein, wenn es bei der Herstellung der Impfstoffe irgendwo klemmte.

Ein Beispiel: Die Firma SiO2 aus Alabama wurde beauftragt, kleine Glasfläschchen für Corona-Impfstoffe herzustellen. Damit sie eine neue Produktionslinie aufbauen konnte, erhielt die Firma bereits eine Finanzspritze von 142 Millionen Dollar. Als sich keine Baufirma fand, um die neuen Hallen zu erweitern, schritt auch hier die Regierung ein, sagt Lawrence Ganti, Vorstandsvorsitzender von SiO2: "In diesem Teil von Alabama gibt es nicht viele Baufirmen. Und alle wurden angewiesen die Arbeit für SiO2 zu priorisieren, um sicherzustellen, dass wir die Zeitvorgabe einhalten können", so Ganti gegenüber Kontraste, "das war ziemlich beeindruckend."

Geschichten wie aus einer anderen Welt. Das alles spielte sich freilich im Juni 2020 ab. Die EU-Kommission hat seit Mitte Februar 2021 eine Task Force eingerichtet und die Bundesregierung einen Impfstoffkoordinator eingesetzt - offizieller Arbeitsbeginn: 1. März.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 25. Februar 2021 um 06:05 Uhr.

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