Nach dem Dammbruch in Brasilien | Bildquelle: dpa

Nach Dammbruch in Brasilien Strafanzeige gegen TÜV-Süd-Manager

Stand: 16.10.2019 21:00 Uhr

272 Menschen starben im Januar bei einem Dammbruch in Brasilien. Monitor-Recherchen zeigen, dass ein deutscher TÜV-Süd-Manager offenbar von der Instabilität des Damms wusste. Gegen ihn und TÜV Süd wurde nun Anzeige gestellt.

Von Andreas Maus, WDR

Es ist eine der größten Katastrophen in der brasilianischen Bergbaugeschichte: Am 25. Januar 2019 brach der Staudamm einer Eisenerzmine in Brumadinho, im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Eine gigantische Schlammlawine wälzte sich ins Tal, 272 Menschen starben, es gab verheerende Umweltzerstörungen.

Im Zuge von Ermittlungen der brasilianischen Staatsanwaltschaft und eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses stellte sich heraus, dass der TÜV Süd nur wenige Monate vor dem Bruch den Staudamm des Bergbaukonzerns Vale als stabil erklärt hatte.

Stabilitätserklärung offenbar trotz Sicherheitsbedenken

Aus internen E-Mails geht allerdings hervor, dass sich die brasilianischen TÜV-Süd-Mitarbeiter im Vorfeld offenbar über massive Stabilitätsprobleme des Dammes austauschten. Ein Mitarbeiter äußerte dabei Bedenken, was den obersten Bereich des Damms angeht: "Daher können wir die Stabilitätserklärung des Staudamms streng genommen nicht unterzeichnen."

Der Mitarbeiter deutet anschließend daraufhin, dass er offenbar massiven Druck vom Minenbetreiber Vale erwarte: "Jedoch wird uns Vale wie üblich in die Mangel nehmen und uns fragen: 'Und wenn er nicht besteht, werdet ihr trotzdem unterschreiben oder nicht?'", heißt es in einer E-Mail.

Der brasilianische Konzern Vale äußerte sich auf Monitor-Anfrage nicht konkret zu dem Vorwurf. Allgemein teilte der Konzern mit, dass er erwartet hatte, dass der TÜV Süd als "international renommiertes Prüfunternehmen" ordentlich und verantwortungsvoll arbeite.

Dammbruch in Brasilien
02.02.2019, Hora News

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"Sehen die Verantwortung auch bei deutschem TÜV Süd"

Trotz der Sicherheitsbedenken wurde die Stabilitätserklärung vom TÜV Süd schließlich abgegeben. Das European Center for Constitutional and Human Rights in Berlin hat deshalb gemeinsam mit dem kirchlichen Hilfswerk Misereor und Angehörigen von brasilianischen Betroffenen in Deutschland Anzeige erstattet: "Wir sehen die Verantwortung zentral auch bei dem deutschen TÜV Süd", so die Juristin Claudia Müller-Hoff vom ECCHR.

Im Unternehmen sei bekannt gewesen, "dass der Damm nicht stabil war und wider besseres Wissen hat man dennoch die Stabilitätsbescheinigung ausgestellt", so der Vorwurf.

Die Anzeige, die Monitor exklusiv vorliegt, richtet sich aber nicht nur gegen den TÜV Süd, sondern auch namentlich gegen M., einen deutschen Manager. Ihm wird darin unter anderem fahrlässige Tötung, Herbeiführen einer Überschwemmung und Bestechung im geschäftlichen Verkehr vorgeworfen.

Rogerio Coerreia, Sprecher des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Dammbruch in Brasilien | Bildquelle: WDR
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Der Sprecher des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu dem Dammbruch, Rogerio Coerreia, erhebt schwere Vorwürfe gegen den deutschen Manager.

Entscheidung aus München?

Der deutsche Manager kam laut Aussagen der lokalen Mitarbeiter etwa ein Mal im Monat nach Brasilien. Er habe "die Verträge" gekannt und das "lokale Team" überwacht.

Als die Sicherheitsbedenken bezüglich des Dammes von Brumadinho diskutiert wurden, schrieb ein brasilianischer TÜV-Süd-Mitarbeiter in einer E-Mail: "lch glaube, das ist eine Angelegenheit, die an das Unternehmen weitergeleitet werden soll. lch habe es so verstanden, dass (M.) morgen im Büro sein wird. Wir sollen ihm es zeigen, damit er seine Meinung äußern kann."

Die brasilianische Staatsanwaltschaft bestätigt gegenüber Monitor, dass dieses Treffen stattgefunden hat. Das gehe aus WhatsApp-Konversationen hervor, die die Ermittler ausgewertet hatten.

 "Wir sehen den Hauptvorwurf gegen den deutschen Manager, dass er als Vorgesetzter davon wusste, dass der Damm nicht stabil war, und er die Pflicht gehabt hätte zu intervenieren, und das aber unterlassen hat", so Müller-Hoff vom ECCHR.

"Er war der verantwortliche Ingenieur"

Auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zur Katastrophe von Brumadinho kommt zu dem Ergebnis, dass der deutsche Manager offenbar eine zentrale Rolle spielte. "Er war der verantwortliche Ingenieur", sagte der Sprecher des Untersuchungsausschusses, Rogerio Coerreia, gegenüber Monitor. "Er hat die Gewähr für das Gutachten gegeben, das dann von den hiesigen Ingenieuren unterschrieben wurde. Er war der Leiter des gesamten Prozesses."

Auf Monitor-Anfrage wollten sich weder der TÜV Süd noch der Manager zu den schweren Vorwürfen äußern - mit Hinweis auf laufende Untersuchungen.

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Schlammlawine in Brasilien (26.01.2019)

Rettungskräfte suche in der Schlammlawine nach Überlebenden

Nach dem Dammbruch in einer Eisenerzmine in Brasilien haben die Rettungskräfte kaum noch Hoffnung, Überlebende zu finden. | Bildquelle: AFP

Offenbar kein Einzelfall

Doch Brumadinho ist offenbar nicht der einzige Damm, der vom TÜV Süd zertifiziert wurde, obwohl es Sicherheitsbedenken gab. Das legt ein Schreiben des Unternehmens nahe, das nach der Katastrophe von Brumadinho an den Vale-Konzern geschickt wurde.

Daraus geht hervor, dass der TÜV Süd nach dem Dammbruch unabhängige Experten beauftragt hatte, die die bisherigen Damm-Gutachten überprüfen sollten. Ergebnis: Die Experten können die Stabilität in ihrer vorläufigen Untersuchung zu diesem Zeitpunkt in keinem Fall bestätigen, unter andere weil einige Parameter bei den Berechnungen zu "optimistisch" gewesen seien. Sieben Dämme werden konkret benannt, bei denen es Anhaltspunkte für "Besorgnis" gebe.

Susanne Friess vom kirchlichen Hilfswerk Misereor und Expertin für den Energie- und Rohstoffsektor weist darauf hin, dass der Markt für Zertifizierungen in Brasilien umkämpft ist: "Der TÜV Süd wollte in Brasilien in dem Bereich Zertifizierung von Bergbaudämmen richtig einsteigen."

Es gebe 770 solcher Dämme in ganz Brasilien, die jedes Jahr zertifiziert werden müssten. "Angesichts dieses lukrativen Potenzials hat TÜV Süd anscheinend gegen Sorgfaltspflichten verstoßen", so der Vorwurf von Friess. Auch hierzu wollte sich der TÜV Süd gegenüber Monitor nicht äußern.

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