Crystal Meth in Europa Mit dem Segen mexikanischer Kartelle

Stand: 08.12.2020 20:20 Uhr

Mexikanische Drogenbanden scheinen mit Kriminellen in Europa zu kooperieren: In den Niederlanden und Belgien wurden zuletzt häufig Crystal-Meth-Labore entdeckt, in denen Drogenköche aus Mexiko arbeiteten.

Von Philipp Eckstein, Jan Lukas Strozyk und Benedikt Strunz, NDR, sowie Andreas Spinrath, WDR

Mexikanische Drogenbanden scheinen sich über den Verkauf und die Produktion der Droge Methamphetamin in Westeuropa etablieren zu wollen. Die Polizei konnte in den vergangenen Jahren zahlreiche Drogenlabore in Belgien und den Niederlanden aufdecken, in denen Mexikaner Rauschgift hergestellt hatten. Die Ermittler befürchten nun, dass dahinter mexikanische Kartelle stecken, die sich mittelfristig in Westeuropa ausbreiten könnten.

Das ist das Ergebnis einer Recherche von NDR, WDR, "Die Zeit" und "Süddeutscher Zeitung" in Zusammenarbeit mit dem Journalistenzusammenschluss "Forbidden Stories". Gemeinsam haben 60 Reporterinnen und Reporter aus 18 Ländern zu Drogenkriminellen aus Mexiko und ihren Verbindungen recherchiert. Die Ergebnisse werden unter dem Schlagwort "Cartel Project" gemeinsam veröffentlicht.

Ein Frachtkahn als Drogengroßlabor

In einem besonders spektakulären Fall wurde im Mai 2019 ein solches Labor auf einem Frachtkahn im Hafen von Moerdijk entdeckt. Bei einer Routinefahrt bemerkte die Polizei in der kleinen Stadt südlich von Rotterdam ein Schiff, von dem ein beißend-chemischer Geruch ausging. Bei der folgenden Kontrolle fanden die Ermittler ein professionelles Drogenlabor - ausgestattet, um große Mengen der Droge Methamphetamin herzustellen. Auf dem Schiff nahmen sie drei Mexikaner fest.

Methamphetamin, auch bekannt als Crystal oder Crystal Meth, gilt als ausgesprochen gefährliche Droge, die schnell süchtig macht und bei dauerhaftem Konsum schwere körperliche Schäden verursacht. Sie wird in einem chemischen Prozess aus unterschiedlichen Vorstoffen gewonnen, man spricht auch davon, dass die Droge "gekocht" wird.

Das Schiff MS Arsianco liegt im Hafen von Moerdijk | Bildquelle: NDR
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Auf diesem Schiff im Hafen von Moerdijk wurden drei Mexikaner verhaftet.

Der Fall von Moerdijk reiht sich ein in eine lange Liste von Ermittlungen: Allein in den vergangenen zwei Jahren wurden in Belgien und den Niederlande mehr als 40 Methamphetamin-Labore entdeckt, dabei wurden 19 Mexikaner verhaftet. Zwar sind in der Vergangenheit immer wieder Drogenküchen in Belgien und den Niederlanden aufgeflogen. Bislang wurden dort aber in der Regel Partydrogen wie Ecstasy und Amphetamin hergestellt, die über lokale Banden in den Verkehr gebracht wurden.

Revierkämpfe der Kartelle drohen

Nun mehren sich die Anzeichen auf eine Einmischung mexikanischer Kartelle. Sollten die sich mittelfristig etablieren wollen, könnten brutale Revierkämpfe mit bestehenden Drogenbanden die Folge sein.

Die Drogenköche aus Mexiko seien keineswegs zufällig in Europa, sagt etwa Max Daniel von der niederländischen Polizei: "Wenn Mexikaner hier in Niederlande auftauchen, dann sind das keine Cowboys, die auf eigene Rechnung arbeiten. So etwas ist immer organisiert."

Kooperation mit europäischen Banden

Es wirke auf ihn so, als "suchten sie nach Möglichkeiten, ihre Aktivitäten auf Europa auszuweiten, über Verbindungen mit lokalen Banden", sagt Jari Liukku, der bei Europol die Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität leitet. Noch gehe von Mexikanern in Europa keine Gewalt aus. "Aber natürlich stellen Kartelle eine Bedrohung dar, sie gehören zu den Hochrisiko-Gruppen der Organisierten Kriminalität."

Bei allen Indizien für Aktivitäten mexikanischer Kartelle in Europa: Wie weit sie in das Geschäft der Drogenbanden eingreifen und welche Interessen sie dabei verfolgen, ist bislang noch eine offene Frage. Experten sind sich allerdings einig, dass niemand aus Mexiko nach Europa reist, um hier Crystal im großen Stil herzustellen, ohne dafür den Segen der Drogenbosse in seiner Heimat zu haben.

Expertise aus Mexiko

Die niederländische Polizei weiß aus abgehörten Telefonaten, dass lokale Drogenbanden derzeit sogar ganz gezielt ihre Drogenproduktion auf Methamphetamin umstellen und dafür in Mexiko Expertise einkaufen. Mittelsmänner in Mexiko vermitteln dann offenbar geschulte Drogenköche, die genau wissen, wie man die Droge am besten kocht, so die These der Ermittler.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die mexikanischen Drogenköche mit Touristenvisa über Spanien in die Niederlande und nach Belgien reisen. Dort produzieren sie einige Monate große Mengen Crystal Meth, um dann wieder zu verschwinden. Sie werden dabei offenbar aus Mexiko beaufsichtigt und stehen teilweise mit Kriminellen in Mexiko in direktem Kontakt.

Beschlagnahmtes Chrystal Meth bei der Zollfahndung Nordhorn | Bildquelle: NDR
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Von deutschen Zollfahndern beschlagnahmtes Crystal Meth.

In Gerichtsverfahren wurde öffentlich, dass einige der Mexikaner per Handy-Nachrichten sich über die Arbeit ausgetauscht und Bilder ihrer Produktion versendet haben, an Nummern aus Mexiko. Inwiefern die Kontaktleute lediglich Vermittler sind oder dieser Prozess direkt von den Kartellen gesteuert wird, ist bislang unklar.

"Broker der Unterwelt" vermitteln

Andy Kraag, Chef der niederländischen zentralen Ermittlungseinheit, und seine Kollegen gehen davon aus, dass es weitgehend selbstständig tätige Vermittler zwischen den niederländischen Kriminellen und den mexikanischen Kartellen gibt. "Das sind die Broker der Unterwelt, mexikanische Broker", sagte Kraag. "Sie stellen sicher, dass die mexikanischen Drogenköche eingeflogen werden und in den Laboren arbeiten. Sie stellen auch sicher, dass der ganze Prozess reibungslos abläuft (...) und sie vereinbaren einen Preis."

Das Geld gehe an den Broker, der dann den Drogenkoch bezahle und einen Teil behalte. "Diese Vermittler kommen auch hierher und inspizieren Labore", so Kraag. "Die niederländischen Gruppen stellen die Rohstoffe und die Ausrüstung. Alles muss korrekt sein. Dann sagen die Mexikaner: Ja, so können wir euch was produzieren", erklärt Kraag.

Produktion auch für den Export nach Australien und Asien

Bislang wurde Crystal Meth in Osteuropa vor allem in kleinen Küchenlaboren für den regionalen Markt produziert. In den vergangenen Jahren haben mexikanische Kriminelle chemische Verfahren perfektioniert, mit denen sich sehr große Mengen Methamphetamin von hoher Qualität herstellen lassen.

Durch ihre Unterstützung haben Kriminelle in den Niederlanden und Belgien nun offenbar die Fähigkeit, mehr Crystal zu produzieren, als auf dem europäischen Markt konsumiert wird. Ermittler gehen davon aus, dass ein großer Teil der Drogen für den Export bestimmt ist, insbesondere für Australien und Asien. 

Drogenlabor in Holland | Bildquelle: NDR
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Die Drogenlabore in den Niederlanden werden immer professioneller.

Gehackte Kryptohandys lieferten Spuren

Andy Kraag erklärt im Interview, dass das Methamphetamin der mexikanischen Köche reiner und hochwertiger sei, als jene Varianten, die man bis dato in den Niederlanden kannte. "Die Mexikaner sind die Großmeister" so Kraag. Besonders detaillierte Einblicke in das Geschäft erhielt die Polizei, nachdem verschlüsselte Telefone der Firma Encrochat gehackt werden konnten, mit denen viele Kriminelle kommunizierten. "In einigen Fällen konnten wir nur Labore sicherstellen und keine Person. Aber später haben wir dann über die Encrochat-Daten erfahren, dass auch dort Mexikaner gearbeitet haben", so Kraag.

Auch beim Bundeskriminalamt beobachtet man die Entwicklung mit großer Sorge. "Wir haben einfach die Befürchtung, dass Crystal Meth in Europa künftig in enorm großen Mengen verfügbar ist", sagte BKA-Ermittler Lutz Preisler. Er befürchtet, dass die höhere Verfügbarkeit von Methamphetamin in Europa auch zu einem höheren Konsum führen könnte.

Beim Zoll wird die Entwicklung ebenfalls aufmerksam verfolgt. Die Zollfahndung Essen bestätigte, dass an der deutsch-niederländischen Grenze zunehmend mehr Crystal sichergestellt wird. Das BKA geht davon aus, dass sich dieser Trend auch europaweit fortsetzen dürfte.

Mexikanische Drogenkartelle in Europa
Benedikt Strunz, NDR
09.12.2020 09:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in "Europa heute" am 03. Juli 2020 um 09:10 Uhr.

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Philipp Eckstein, NDR

Jan Strozyk, NDR | Bildquelle: NDR/Christian Spielmann Logo NDR

Jan Lukas Strozyk, NDR

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Andreas Spinrath | Bildquelle: WDR Logo WDR

Andreas Spinrath, WDR

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