Online-Formular für Corona-Soforthilfen in NRW | Bildquelle: dpa

Corona-Soforthilfen Tausendfach Verdacht auf Betrug

Stand: 07.05.2020 18:00 Uhr

Offenbar sind in nur vier Wochen bereits 2300 Verdachtsmeldungen in Zusammenhang mit den Corona-Soforthilfen eingegangen. Nach Recherchen von WDR, NDR und SZ laufen bundesweit mehr als 530 Ermittlungsverfahren.

Von Massimo Bognanni und Andreas Spinrath, WDR, Peter Hornung, NDR, und Nils Wischmeyer

Angestellte, Arbeitslose, Beamte - Tausende Menschen haben womöglich versucht, sich die Corona-Soforthilfe des Staates zu erschleichen, obwohl ihnen das Geld gar nicht zusteht. Bei der deutschen Anti-Geldwäscheeinheit, der Financial Intelligence Unit (FIU), sind nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) in nur vier Wochen rund 2300 Verdachtsmeldungen mit den Stichworten "Covid-19" und "Soforthilfe" eingegangen.

Die Meldungen stammen von Geldinstituten, die auf den Konten ihrer Kunden verdächtige Vorgänge beobachtet haben - etwa, wenn auf einem Konto, auf dem sonst ein paar hundert Euro liegen, ohne nachvollziehbaren Grund plötzlich 15.000 Euro eingehen. In solchen Fällen schrillen bei den Banken die Alarmglocken, eine Meldung an die FIU geht raus.

Normalerweise erhält die Anti-Geldwäscheeinheit im Monat 6000 bis 10.000 Meldungen, davon stehen rund ein Drittel im Zusammenhang mit Betrugsdelikten. Der Leiter der Behörde, Christof Schulte, beobachtet wegen der Corona-Fördergelder einen deutlichen Anstieg: "Bei der Soforthilfe sehen wir schon einen sehr signifikanten Ausschlag, besonders, wenn man den kurzen Zeitraum bedenkt."

Häufig betrügen sogenannte Finanzagenten

Besonders häufig verzeichnen Schulte und sein Team Betrügereien mithilfe sogenannter Finanzagenten. Die mutmaßlichen Kriminellen spannen dafür Menschen in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen ein, beispielsweise solche, die gerade ihren Job verloren haben oder schon lange von Arbeitslosengeld leben. Mutmaßliche Betrüger überreden sie, Soforthilfe zu beantragen, obwohl sie gar nicht selbstständig sind. Ist das Geld auf deren Konto eingegangen, sollen die Antragsteller es ihnen im besten Fall in bar auszahlen. Im Gegenzug erhalten sie eine kleine Belohnung. "Die finanziell prekäre Lage der Menschen wird damit schamlos ausgenutzt", sagt Schulte.

Die Beobachtungen der FIU decken sich auch mit ersten Ermittlungsergebnissen deutscher Staatsanwaltschaften. Nach Recherchen von WDR, NDR und SZ sind bundesweit mindestens 536 staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Subventionsbetruges bei der Corona-Soforthilfe eingeleitet worden.

Soforthilfen an Hartz-IV-Empfänger und Beamte

Allein in Nordrhein-Westfalen ermitteln die Strafverfolger derzeit in mindestens 351 Verfahren. Das ergab eine Umfrage, auf die 17 der 19 Ermittlungsbehörden geantwortet haben. Geld floss demnach möglicherweise zu Unrecht auch an Hartz-IV-Empfänger, Festangestellte und Beamte. Mehrfach wurden auch Firmen für Hilfsanträge genutzt, die nicht mehr aktiv sind oder die es gar nicht gibt. Der mögliche Schaden aus diesen Taten liegt bei geschätzten 3,5 Millionen Euro. Täglich kommen neue Fälle hinzu.

Dass in Nordrhein-Westfalen die überwiegende Mehrheit der deutschlandweiten Verfahren eingeleitet worden sind, hängt womöglich mit dem Ermittlungsdruck zusammen, unter dem die Behörden des Landes stehen. Nordrhein-Westfalen kämpft seit Wochen mit Problemen bei der Auszahlung seiner Soforthilfen. So war die Ausschüttung der Gelder von der Landesregierung in Düsseldorf am 9. April zwischenzeitlich gestoppt worden, weil sich Betrugsversuche gehäuft hatten.

Allein in Berlin 125 Verfahren

Auf Fake-Webseiten war das Antragsformular des NRW-Wirtschaftsministeriums nachgebaut worden, die Betrüger griffen offenbar tausendfach die Daten von getäuschten Selbständigen und Unternehmen ab. Anders als die anderen Bundesländer hatte NRW auf einen rein digitalen Antragsprozess gesetzt. Mittlerweile ist die Beantragung wieder möglich.

Außerhalb von Nordrhein-Westfalen sind mindestens 185 weitere Verfahren eingeleitet worden. Das ergab eine Umfrage unter Ermittlungsbehörden in ganz Deutschland. Allen voran Berlin: Hier sind derzeit mehr als 125 Verfahren mit einem geschätzten Schaden von über 1,5 Millionen Euro anhängig. An diesem Donnerstag durchsuchten Fahnder bei einer Razzia deshalb sogar Gebäude der Berliner Salafisten-Szene. Der Verdacht: Subventionsbetrug mit Corona-Soforthilfen.

Staatsanwaltschaften erwarten hohe Fallzahlen

In Hessen prüft derweil die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt momentan 50 Verdachtsfälle, macht aber noch keine Angaben darüber, wie viele Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden. In den meisten anderen Bundesländern gibt es momentan nur eine Handvoll Verfahren.

Viele Staatsanwaltschaften betonen, dass sie in Zukunft mit deutlich höheren Fallzahlen rechnen. Man sei noch in einem sehr frühen Stadium, viele Anzeigen oder Verdachtsmomente würden noch geprüft. Andere seien noch nicht an die Staatsanwaltschaften weitergeleitet worden.

Oft funktionieren Prüfmechanismen

Wie in Berlin wurden vielerorts auch die landeseigenen Investitionsbanken oder die Finanzbehörden selbst auf die Betrugsversuche aufmerksam. In vielen Fällen konnte die Auszahlung noch verhindert werden - die Prüfmechanismen wirkten offenbar.

In einem extremen Fall wurden Auszahlungen gestoppt, mit denen mutmaßliche Betrüger über zahlreiche Einzelanträge mehr als eine Million Euro an staatlichen Corona-Hilfen abgreifen wollten. Das sei eine "besonders rücksichtslose Gewinnsucht" und müsse strengstens geahndet werden, heißt es aus Kreisen der Strafverfolger. Das Strafmaß betrage in besonders schweren Fällen von Subventionsbetrug bis zu zehn Jahren Gefängnis.

Corona-Soforthilfe-Betrug: Über 500 Ermittlungsverfahren
Peter Hornung, NDR
07.05.2020 17:43 Uhr

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