Digitalisierung der Gesundheitsämter "Den Sommer verschwendet"

Stand: 26.11.2020 06:00 Uhr

Noch immer erfolgt der Datenaustausch der Behörden in der Corona-Krise mit ineffizienten und uneinheitlichen Methoden. Dabei gab es bereits im Frühjahr mehrere vielversprechende Lösungsansätze.

Von K. Riedel, WDR, sowie J. Edelhoff, A. Kammerer und S. Pittelkow, NDR

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) klang begeistert: Er danke herzlich für die "eindrucksvolle Präsentation", schrieb Lothar Wieler in einer E-Mail am Abend des 23. März zu Beginn der Corona-Pandemie.

Lothar Wieler | Bildquelle: AFP
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RKI-Präsident Wieler konnte bereits im März eine digitale Plattform begutachten-

Das im Auftrag der Björn-Steiger-Stiftung (BSS) entwickelte Tool, von dem sich der Präsident offenbar zu diesem Zeitpunkt so beeindruckt zeigte, war ein digitales Werkzeug, das sich schlicht "Covid-19-Plattform" nannte. Die Plattform sollte für Bürger wie für Behörden einfach zugänglich sein und nach Stiftungsangaben kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Sie sollte unter anderem Termine an Bürger vergeben, die Testergebnisse speichern und an Bürger wie Ämter weitermelden sowie Kontakte mithilfe der Bürger nachverfolgen können, um Gesundheitsämter zu entlasten und die Ämter sowie das RKI bundesweit miteinander zu vernetzen.

Mehrere Lösungen standen bereit

Im Frühjahr gab es zudem auch Angebote von staatlich finanzierten Stellen, die die Gesundheitsämter nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) sowie des ARD-Magazins Panorama schon während der ersten Corona-Welle personell hätten entlasten und das Management der Pandemie erleichtern können. Insbesondere das Helmholtz-Institut hatte den Recherchen zufolge bereits im März eine Plattform zur Hand, die vieles von dem bereits im Einsatz erprobt hatte, was die BSS gerade erst unter Laborbedingungen entwickelte.

Und dennoch: Bis heute arbeiten viele Gesundheitsämter noch wie zu Beginn der Pandemie, mit Papier und Excel-Tabellen, die sie per Fax oder E-Mail versenden - oder mit individuellen Lösungen, die sich im Kampf um eine bessere Organisation der Pandemiebekämpfung vielerorts entwickelt  haben.

Stückwerk und Improvisation statt einheitlicher Plattform

Spätestens mit Beginn der zweiten Welle im Herbst scheiterten viele Gesundheitsämter an Überlastung, zum Beispiel in Köln: Dort waren etwa 800 Bürger mit positivem Testergebnis ein Wochenende lang von den Ämtern nicht informiert worden.

Erst am 16. November, auf dem Höhepunkt der Pandemie, haben sich die Bundesländer und das Kanzleramt darauf verständigt, die digitale Plattform des Helmholtz-Instituts namens SORMAS einzusetzen - eine Plattform, die vieles von dem kann, wofür sich die BSS stark gemacht hatte.

Bereits in mehreren Ländern erfolgreich eingesetzt

SORMAS wurde in Deutschland mit staatlichen Mitteln entwickelt. Bereits seit 2017 ist es international zur Bekämpfung von Epidemien im Einsatz. Unter anderem in Nigeria, Ghana, Nepal und auf den Fiji-Inseln. Die Schweiz, Frankreich und weitere Länder haben sich inzwischen auch für SORMAS entschieden.

Bis Jahresende soll SORMAS in 90 Prozent der deutschen Gesundheitsämter zum Einsatz kommen. Bisher haben es nur 76 der rund 400 freiwillig angewendet. Nach Recherchen von WDR, NDR und SZ hätte dies jedoch schon zu Pandemiebeginn Anfang März in einer ersten, vereinfachten Version auch in Deutschland flächendeckend eingeführt werden können.

Appell an Länder kam zu spät

Ein eindeutiger Appell der Bundesregierung an die Länderchefs, dass dieses gut getestete Projekt bundesweit angewendet werden sollte, unterblieb offenbar - bis zur Sitzung von Kanzlerin und Ministerpräsidenten am 16. November. Dies sorgt nun bei einigen Gesundheitsämtern für Verärgerung, weil sie nun mitten in einer Hochphase der Pandemie ihr Softwaresystem wechseln sollen.

"Man hätte Schnittstellen für die vorhandene Software bereitstellen sollen, statt uns jetzt zu zwingen, ein zusätzliches Computerprogramm zu benutzen", beklagt beispielsweise der Gesundheitsdezernent der Städteregion Aachen, Michael Ziemons, im Interview mit dem ARD-Magazin Panorama.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Wurde also der Sommer verpasst, blieb die Phase der vorübergehenden Beruhigung, der niedrigeren Fallzahlen, ungenutzt, um das Management der Pandemie zu vereinheitlichen und so die komplette Infektionsmeldekette mit technischer Unterstützung zu entlasten?

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) verweist auf Anfrage auf die Zuständigkeit der Länder und der Kommunen, die sich und ihre örtlichen Gesundheitsämter selbst verwalten. Man hätte diesen schon lange verschiedene digitale Programme und Werkzeuge angeboten, aber die Länder hätten davon nur zögerlich Gebrauch gemacht.

Mangelndes Engagement des Bundesgesundheitsministeriums?

Vieles deutet aber auch darauf hin, dass das BMG es unterließ, sich frühzeitig für ein einheitliches System, etwa SORMAS, stark zu machen. Dabei war das Ministerium schon zu Beginn der Pandemie mit SORMAS und verschiedenen anderen digitalen Initiativen in Austausch getreten, um zu bewerten, inwiefern diese in der Pandemie unterstützend eingesetzt werden können, so heißt es auf Anfrage vom Helmholtz-Institut.  

Darauf deutet auch der Umgang mit dem Angebot der Björn-Steiger-Stiftung im März und April hin. Nach einem Termin im BMG verwies das Ministerium an Bremen, um dort einen Testlauf zu starten. Dort wurde ein Versuch zunächst erwogen, den Recherchen zufolge aber wegen Datenschutzbedenken und wegen eines aus Bremer Sicht zu großen Arbeitsaufwands verworfen.

RKI verweist auf eigene Bemühungen

Das RKI teilt auf Anfrage mit, dass eine stärkere digitale Vernetzung und einheitlichere Systeme sehr wünschenswert seien. Das von der Björn-Steiger-Stiftung vorgestellte Tool sei im Frühjahr jedoch "noch nicht ausreichend konkret" gewesen und "daher nicht in Angriff genommen" worden.

Ob der Sommer verschlafen wurde, dazu will das RKI keine Stellung beziehen. Es weist jedoch darauf hin, dass mit der Digitalisierung des Meldewesens bereits vor der Corona-Pandemie auch durch Entwicklungen des RKI selbst begonnen worden sei, und dass Corona die Digitalisierung eher beschleunigt habe.

Kritik von Ärztevertretung

Der Leiter der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen, Jörg Hermann, der sich gegenüber dem BMG in einer E-Mail damals sehr positiv zu einem Testlauf der Steiger-Software geäußert hatte, bilanziert inzwischen: "Mit einem bundeseinheitlichen Tool hätten wir wahrscheinlich etwas früher brauchbare Daten an das RKI melden können, sodass der Überblick besser gewesen wäre."

Karl Lauterbach | Bildquelle: dpa
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Gesundheitspolitiker Lauterbach beklagt die verlorene Zeit.

Auch Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagt im Interview mit dem ARD-Magazin Panorama: "Der Sommer über hatten wir sehr wenig Fälle. Das wäre eine sehr gute Gelegenheit gewesen, eine einheitliche Software einzuführen. Leider haben wir den Sommer quasi verschwendet." Niemand habe sich, so Lauterbach, politisch zuständig gefühlt. Es habe nicht an Entwicklungen gefehlt, sondern an der Umsetzung.

Bela Anda, Sprecher der Björn-Steiger-Stiftung, hätte sich ebenfalls eine schnelle Entscheidung für ein einheitliches System gewünscht. "Der Sommer wurde verschlafen, weil die Komponenten da waren, die Anbieter da waren, die Lösung vorgezeichnet war, aber keiner damals den Mut hatte, zu sagen: O.K., den Weg gehen wir."

Gemeinsame Lösung soll nun doch kommen

In der vergangenen Woche wurde nun nach Informationen von WDR, NDR und SZ ein offizieller Kooperationsvertrag für die Weiterentwicklung und Einführung von SORMAS zwischen BSS und HZI geschlossen. Die BSS soll dort einige ihrer Komponenten einbringen, die ihre Plattform besser konnte als SORMAS. Die Überprüfung auf Datensicherheit ist jedoch noch nicht abgeschlossen. 

Digitalisierung der Gesundheitsämter: Der verpasste Sommer
Annette Kammerer, NDR
26.11.2020 12:13 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 26. November 2020 um 09:35 Uhr.

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