Logo der Deutschen Bank an der Konzernzentrale in Frankfurt | Bildquelle: picture alliance / Fabian Sommer

FinCEN Files Zweifelhafte Gelder flossen nach Deutschland

Stand: 21.09.2020 19:08 Uhr

Interne Dokumente zeigen, dass im Rahmen der Spiegelgeschäfte der Deutschen Bank, den sogenannten Mirror Trades, auch zweifelhaftes Geld nach Deutschland floss. Die Aufsichtsbehörden hier blieben erstaunlich passiv.

Von Petra Blum, WDR

Im Jahr 2015 hat die Deutsche Bank die Aufsichtsbehörden und Bankenregulierer in Moskau, London und New York darüber informiert, dass ein möglicher Geldwäsche-Skandal in der Deutschen Bank Moskau aufgefallen sei. Sofort begannen die Behörden in den verschiedensten Ländern mit ihren Untersuchungen.

Delegationen wurden geschickt, Material gesichtet, Forensiker schauten sich lange Listen von Transaktionen an, um zu bewerten, woher das verdächtige Geld kam, wohin es floss - und noch wichtiger: wem es eigentlich gehörte. Nicht zuletzt wurde auch die deutsche Bankenaufsicht Bafin darüber informiert, dass es den Verdacht auf einen Geldwäscheskandal gibt.

Keine Strafe in Deutschland

Zuerst war die Untersuchung der russischen Zentralbank als Aufsichtsbehörde in Russland mit der dortigen Niederlassung der Deutschen Bank abgeschlossen: Eine Strafe von 300.000 Rubel, umgerechnet nicht viel mehr als 4000 US Dollar, sollte die Bank dort für ihre Fehler im Rahmen des Mirror-Trade-Skandals zahlen - ein Betrag, den eine Bank aus der Portokasse begleichen kann.

Deutlich heftiger fiel der Betrag in Großbritannien aus, wo die Deutsche Bank umgerechnet rund 200 Millionen US-Dollar zahlen sollte. Schmerzhaft wurde es in den USA: Dort überwies die Deutsche Bank 425 Millionen US-Dollar für ihre  Versäumnisse rund um die Compliance- und Geldwäsche-Präventionsmaßnahmen.

Nur in einem Land erhielt die Bank gar keine Strafe für den Skandal um die Mirror Trades: in Deutschland. Bereits im Oktober 2016 verlautete aus Kreisen der deutschen Bankenaufsicht Bafin, die Untersuchungen zum Fall der Spiegelgeschäfte der Deutschen Bank seien fast abgeschlossen - so wurde in Deutschland der Bank wohl lediglich die Auflage erteilt, ihr Risikomanagement zu verbessern. Die Bafin teilte mit, sie könne sich zu dem Sachverhalt nicht äußern.

Was wohl damals kaum jemand ahnte: Gelder von Firmen, die Mirror Trades und andere der Geldwäsche verdächtige Geschäfte betrieben hatten, flossen offenbar auch nach Deutschland. Wie in den USA, Russland oder Großbritannien ist es auch in Deutschland eigentlich ein Fall für die Bankenaufsicht, hierzulande für die Bafin, solchen verdächtigen Geschäften nachzugehen. Die Bafin wollte sich nicht dazu äußern, warum keine weiteren Maßnahmen auf diesen Skandal hin ergriffen wurden.

Gelder zu Filialen in Deutschland geschleust

Die Deutsche Bank hatte jedenfalls schon im Frühjahr 2015 eine Untersuchung durchgeführt, bei der es auch um verdächtige Geldflüsse von Firmen aus dem Mirror-Trade-Skandal nach Deutschland ging. Das geht aus internen Unterlagen hervor, die WDR, NDR und "Süddeutsche Zeitung" einsehen konnten. Im Zentrum dieser Geldflüsse stand demnach eine Firma namens Seawall Associates. Inhaberin der Firma soll laut internen Untersuchungen der Deutschen Bank ausgerechnet die Ehefrau des Angestellten sein, der die Spiegelgeschäfte in Moskau maßgeblich mitbetrieben haben soll: Tim Wiswell, ein Amerikaner, der bis 2015 den Aktienhandel der Deutschen Bank in Moskau leitete.

Seine Frau Natalia Wiswell ist nach eigenen Angaben Künstlerin. Ihre Firma Seawall soll den Untersuchungen der Deutschen Bank zufolge Milliarden US-Dollar verschoben haben: So soll Seawall, das zeigen interne Dokumente, seit 2003 aktiv gewesen sein, und bis ins Jahr 2015 allein fast 700 Millionen US Dollar aus Russland herausgeschleust haben, oft erst nach Estland, dann in weitere EU-Länder oder die USA.

Gelder sollen demnach nach Lettland, Zypern, aber auch in die Schweiz und nach Deutschland gegangen sein. Filialen der Deutschen Bank in Duisburg, Bensheim, Konstanz, Villingen, Arnsberg, Aalen und Kassel sind ebenfalls als Zielort der Transaktionen aufgelistet. Die Absender des Geldes: Neben Seawall Associates meist weitere Briefkastenfirmen, in anonymen Steueroasen registriert, die Eigentümer bleiben im Dunkeln.

Verdächtige Zahlungen auch über die Bundesbank

Eine weitere Institution steht auf der Liste der Transaktionen, die aufhorchen lässt: Die Deutsche Bundesbank. Die Zentralbank taucht laut den internen Untersuchungsergebnissen der Deutschen Bank fünf Mal bei Überweisungen an Seawall auf. Mehr als eine halbe Million Euro sollen an Seawall von einer anonymen Firma aus den britischen Jungferninseln geflossen sein und zwischendrin findet sich - die Deutsche Bundesbank.

Diese Zahlungen bewertet die Untersuchung der Deutsche Bank, wie alle anderen Seawall-Transaktionen auch, als verdächtig. Die Bundesbank teilte in einer Stellungnahme mit, man könne die Zahlungen nicht nachvollziehen. Die Bundesbank ist laut Gesetz verpflichtet, Geldwäscheprävention zu betreiben, um zu verhindern, dass sie in möglicherweise illegale Geschäfte verwickelt wird. Auch auf mehrmalige Nachfragen von WDR, NDR und SZ sah sich die Bundesbank allerdings nicht in der Lage, Auskunft darüber zu geben, wie viele - oder ob überhaupt - Mitarbeiter bei der Bundesbank mit Anti-Geldwäsche- oder Compliance-Maßnahmen beschäftigt sind.

"Die Aufsichtsbehörden bei uns funktionieren leider nicht, wie sie sollten", sagt Geldwäscheexperte Andreas Frank. "Deshalb sehen wir bei solchen Skandalen immer, dass sie im Ausland aufgedeckt und Strafen verhängt werden, und so gut wie nie bei uns in Deutschland."

Reger Geldverkehr

Insgesamt, so zeigt es jedenfalls die Untersuchung der Deutschen Bank, soll die Firma Seawall ein munteres Eigenleben bei der Bank geführt haben, und das insgesamt mehr als zehn Jahre lang: Die Überweisungen summieren sich laut der internen Untersuchung der Deutschen Bank nicht nur auf rund 1,5 Milliarden, sondern offenbaren auch einen regen Geldkreislauf zwischen Dutzenden Briefkastenfirmen und Offshorekonten, bis am Ende aus Rubel vermeintlich saubere Dollar, Euro, Pfund oder Schweizer Franken wurden.

Wie die Künstlerin Natalia Wiswell zu 1,5 Milliarden US-Dollar gekommen sein könnte, bleibt unerklärlich. Experten meinen, in solchen Konstruktionen ein bekanntes Muster zu erkennen: Oftmals sind die Eigentümer solcher Briefkastenfirmen wie Seawall gar nicht die wirklichen Eigentümer, sondern fungieren nur als Strohleute, damit die wahren Eigentümer des verdächtigen Geldes anonym bleiben können.

"Aus Fehlern gelernt"

Die Deutsche Bank teilte auf Anfrage generell zum Mirror Trade Skandal mit, es seien kriminelle Handlungen von Einzelpersonen gewesen, die ein Modell nutzten, um Kapitalflucht aus Russland zu ermöglichen. Man habe seitdem aus den Fehlern gelernt und massiv in Geldwäschepräventionsmaßnahmen investiert. Die Vergehen lägen viele Jahre zurück. Heute sei man eine neue Bank.

Die Deutsche Bank bestreitet jedoch auf Anfrage die Ergebnisse ihrer eigenen bankinternen Untersuchung, die WDR, NDR und SZ einsehen konnten: "Die Angaben in Bezug auf die Seawall-Untersuchung stimmen nicht mit den Informationen der Bank überein. Das betrifft sowohl die Rolle, die Seawall bei den Spiegelgeschäften gespielt hat, als auch das Volumen, das nur einen Bruchteil betrug."

Wiswell musste 2015 nach Bekanntwerden der Mirror Trades die Deutsche Bank verlassen. Weder er noch seine Frau Natalia äußerten sich auf Anfrage zu den Sachverhalten rund um die Firma Seawall. In einem Rechtsstreit mit der Deutschen Bank um seine Kündigung hatte er gesagt, er fühle sich als Sündenbock.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. September 2020 um 18:00 Uhr.

Darstellung: