Polizeibeamte auf dem Campingplatz in Eichwald | Bildquelle: dpa

Missbrauchsfall Lügde Wie ein Zeuge in Misskredit gebracht wird

Stand: 03.05.2019 17:28 Uhr

Im Missbrauchsfall Lügde hatte ein Unternehmer auf mögliche Ermittlungsversäumnisse der Polizei aufmerksam gemacht. Nun gibt es Berichte, er stehe den Reichsbürgern nahe. Er weist das zurück.

Von Britta von der Heide und Stella Peters, NDR

Im Fall des mutmaßlich hundertfachen sexuellen Missbrauchs von mehr als 40 Kindern auf dem Campingplatz in Lügde gibt es neue Unstimmigkeiten. In dem Verfahren hatte es zahlreiche Fehler und Pannen bei den Ermittlungen der nordrhein-westfälischen Polizei gegeben.

NDR, WDR und SZ hatten berichtet, dass der Abrissunternehmer Christopher Wienberg beim Abriss der Wohnparzelle des Hauptbeschuldigten weitere Datenträger mit möglicherweise belastendem Material gefunden hatte. Die Parzelle war zuvor von der Polizei Lippe und Bielefeld mehr als sechs Mal durchsucht worden, anschließend hatte die Staatsanwaltschaft den mutmaßlichen Tatort bereits Ende März  freigegeben.

Diesen Schuppen hatten die Ermittler übersehen.
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Diesen Schuppen hatten die Ermittler unter anderem übersehen.

Nun berichten mehrere Medien, Wienberg habe eine Nähe zur Reichsbürgerszene und ziehen damit die Glaubwürdigkeit des Unternehmers in Zweifel. Die Informationen dazu stammten aus "Polizeikreisen" beziehungsweise von "mit dem Vorgang Vertrauten der NRW-Polizei", heißt es in den Zeitungsberichten.

Unternehmer widerspricht

Gegenüber NDR, WDR und SZ widerspricht Wienberg diesen Vorwürfen entschieden: "Ich bin definitiv kein Reichsbürger. Ich zahle meine Steuern. Ich habe mit solchen Leuten keinen Kontakt. Und ich bin auch strikt dagegen". Er arbeite für den Staat, so der Unternehmer weiter, und lebe auch von öffentlichen Aufträgen.

Anonyme Ermittler werden zudem mit dem Hinweis zitiert, dass der Abrissunternehmer die Datenträger "theoretisch auch selbst in den Schutt gemischt haben könnte, um die Polizei zu diskreditieren, die den Campingplatz zuvor mehrfach durchsucht hatte. Das sei eine für Reichsbürger typische Motivation". 

Als Indiz für die Reichsbürgernähe von Wienberg schildern die Zeitungsberichte den Umstand, dass der Abrissunternehmer seinen Personalausweis abgegeben habe - ein für Reichsbürger übliches Vorgehen, die die Legitimität des deutschen Staates in Frage stellen.

Wohnwagen und Polizeiband | Bildquelle: dpa
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Der Unternehmer nahm den Abriss der Wohnwagen vor.

Falsche Angaben über Ausweis

Auch diese Behauptung sei falsch, so Wienberg. Er habe seinen Ausweis nie abgegeben. "Ich trage ihn wie so fast jeder normale Mensch in meinem Portemonnaie", sagte der 29-Jährige und legte den Ausweis Reportern von NDR,WDR und SZ vor. Das Dokument ist bis zum 16.11.2027 gültig.

Den Behörden in Niedersachsen - wo Wienberg gemeldet ist - liegen nach Recherchen von NDR, WDR und SZ ebenfalls keine Erkenntnisse vor, nach denen Wienberg der Reichsbürgerszene zuzuordnen ist.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul hatte bereits am Dienstag im Innenausschuss erklärt, dass Christopher Wienberg in Niedersachsen nicht als Reichsbürger eingestuft ist.

Herbert Reul (CDU), Innenminister in Nordrhein-Westfalen, beantwortet in Bottrop Fragen von Journalisten. | Bildquelle: dpa
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Reul hatte erklärt, Wienberg sei in Niedersachsen nicht als Reichsbürger eingestuft.

Verwechslung möglich

Möglicherweise handelt es sich bei den Vorwürfen um eine Personenverwechslung. Der Vater von Christopher Wienberg räumte gegenüber Reportern von NDR, WDR und SZ ein, er habe seinen Personalausweis einmal beim Amt abgegeben.

Er habe probieren wollen, was passiert. Er habe den Ausweis drei oder vier Wochen beim Amt liegen lassen, aber nach einer angeblichen Strafandrohung von 3000 Euro lieber wieder abgeholt. Aber auch er bestreitet, ein Reichsbürger zu sein.

Nach Recherchen von NDR, WDR und SZ steht der Vater in Niedersachsen im Verdacht, der Reichbürgerszene nahe zu stehen, wird von den Behörden aber noch nicht als extremistisch beurteilt.

Zahlungsaufforderung für Verkehrsvergehen

Weiter wurde - mit Verweis auf Quellen aus Sicherheitskreisen - berichtet, Wienberg habe sich gegen eine behördliche Zahlungsaufforderung für ein Verkehrsvergehen mit einer für Reichsbürgerszene typischen Begründung gewehrt. Wienberg räumte ein, dass sein Vater ein entsprechendes Schreiben aufgesetzt habe. Dies habe er dann wohl unterschrieben, weil er den Gebührenbescheid habe abwenden wollen, da nicht er, sondern einer seiner Mitarbeiter das Fahrzeug gefahren und das Vergehen begangen habe. 

Polizeibeamte der Spurensicherung | Bildquelle: dpa
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Wienbergs Anwalt sieht einen Zusammenhang zwischen den Gerüchten und dessen Angaben zu den Ermittlungen.

Roman von Alvensleben, der Anwalt von Christopher Wienberg, zeigt sich über den Vorgang irritiert. Für ihn stehen die Vorwürfe gegen seinen Mandanten in einem Zusammenhang mit den fehlerhaften Ermittlungen im Fall des mutmaßlich massenhaften Kindesmissbrauchs auf dem Campingplatz in Lügde: "Wir haben CDs, die verschwinden in Polizeibehörden. Wir haben einen Tatort, der gar nicht richtig durchsucht worden ist, obwohl sechs Mal Polizeikräfte dort im Einsatz waren (…) Und wenn man jetzt denjenigen, der das auch noch zusätzlich ans Tageslicht bringt, diskreditieren kann, dann lenkt man natürlich von sich selbst ab."

Die Polizei im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe teilte auf Anfrage mit, ihr sei nicht bekannt, dass Informationen über eine mögliche Nähe von Christopher Wienberg zu den Reichsbürgern von Lippe aus an Medien gelangt seien. Für die Pressestelle der Polizei Lippe "schließe ich das aus", teilte ein Sprecher mit.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Mai 2019 um 16:00 Uhr.

Korrespondentin

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Britta von der Heide, NDR

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