Pendler kommen mit Masken aus dem Düsseldorfer Hauptbahnhof | Bildquelle: dpa

Masken gegen Corona "Hätten Todesfälle verhindern können"

Stand: 10.07.2020 18:19 Uhr

Während Länder in Asien früh zu Masken rieten, taten WHO und das Robert-Koch-Institut dies lange nicht. Eine fatale Entscheidung, die zu unnötigen Todesfällen geführt habe, kritisieren jetzt Mediziner.

Von Christian Baars, Markus Grill und Frederik Jötten, NDR/WDR

Zu Beginn der Pandemie schien der Ratschlag klar: Hände waschen hilft! Masken in der Öffentlichkeit zu tragen wurde dagegen lange Zeit nicht empfohlen. Noch Ende März erklärte April Baller, die für Infektionsprävention zuständige Mitarbeiterin der WHO, kategorisch: "Wenn Sie kein Fieber, Husten oder eine laufende Nase haben, brauchen sie keine medizinische Maske zu tragen".

Der Nothilfedirektor der Weltgesundheitsorganisation Michael Ryan unterstrich einige Tage später auf einer der weltweit viel beachteten Pressekonferenzen, es gebe keinerlei Hinweise, dass mit einem allgemeinen Mundschutz irgendetwas gewonnen wäre.

RKI-Chef Lothar Wieler bei einer Pressekonferenz | Bildquelle: REUTERS
galerie

Noch im März riet RKI-Präsident Wieler vom Maskentragen ab.

Und auch in Deutschland riet das Robert-Koch-Institut lange nicht zur Maske in der Öffentlichkeit. Im Gegenteil: RKI-Chef Lothar Wieler hielt es noch bis Mitte März für nicht nötig, Masken in der Öffentlichkeit zu tragen: "Wenn Sie draußen als Mensch mit einer Maske rumlaufen, suggerieren Sie einen Schutz davor, aber es gibt keine Evidenz dafür." Auch viele Wissenschaftler vertraten diese Position und zweifeln teils heute noch am Nutzen von Alltagsmasken.

Schutzwirkung von Masken war bekannt

Doch sie haben sich wahrscheinlich geirrt. Denn neuere wissenschaftliche Übersichtsarbeiten zeigen, dass Masken einen enormen Schutz vor Infektionen bieten. Brisant: Die darin ausgewerteten  Studien sind keineswegs neu. Aber nur in asiatischen Ländern wurden sie ernst genommen. War der Westen blind? Mehr als eine halbe Million Menschen sind mittlerweile weltweit an Covid-19 gestorben, viele Infizierte leider unter den Folgeschäden der Erkrankung. Was wäre zu vermeiden gewesen, wenn die Welt frühzeitig Maske getragen hätte?

Karl Lauterbach | Bildquelle: dpa
galerie

Für Lauterbach war schnell klar: Maske zu tragen kann das Virus eindämmen.

"Ich würde vermuten, dass wir in Deutschland Tote hätten verhindern können", sagt der SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach im Interview mit NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung". Er selbst hatte schon deutlich früher empfohlen, Masken aufzusetzen. "Die Studienlage gab das ganz klar her", sagt Lauterbach. Es habe etliche Untersuchungen gegeben, "die schon Jahre zuvor gezeigt hatten, dass Masken einen erheblichen Anteil von Viren zurückhalten."

Diese Studien haben sich in den vergangenen Monaten auch Forscher der McMaster Universität in Kanada genau angesehen. Die Uni gilt als Wiege der evidenzbasierten Medizin. Holger Schünemann leitet dort das "Department of Health Research Methods". Der Professor kommt ursprünglich aus Deutschland und hat im Mai im Auftrag der WHO zusammen mit einem internationalen Team alle Studien zur Frage ausgewertet, ob Masken gegen SARS, MERS oder Covid-19 helfen.

Infektionsrisiko um 80 Prozent reduziert

Insgesamt hätten sie 29 Studien dazu ausfindig gemacht, sagt Schünemann. Anfang Juni veröffentlichten die Forscher ihre Ergebnisse im angesehenen Wissenschaftsmagazin "Lancet". "Wir haben einen überraschend großen Effekt festgestellt - nach unserer Analyse reduzieren Masken das Risiko, sich zu infizieren, um etwa 80 Prozent", sagt Schünemann.

Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung änderte die WHO am 5. Juni ihre Empfehlungen zum Maskentragen. Seither rät sie zum Tragen von Masken in der Bevölkerung, wenn es viele Infektionen in einem Land gibt und körperlicher Abstand schwierig einzuhalten ist. In Deutschland führten die meisten Bundesländer Ende April eine Maskenpflicht ein. Nach offiziellen Angaben waren da bereits mehr als 150.000 Menschen infiziert, mehr als 6000 gestorben.

Warum kam die Änderung so spät? Konnte man das nicht früher wissen? Schünemann selbst sagt, dass man die Erkenntnis durchaus früher hätte gewinnen können, denn die meisten der Studien, die er und seine Kollegen ausgewertet hätten, seien Jahre vor dem aktuellen Ausbruch erschienen. Durch den frühen Gebrauch von Masken hätte es deshalb weltweit "möglicherweise zu einer großen Verminderung der Todesfälle kommen können", sagt Schünemann.

Auch Selbstschutz ist wahrscheinlich

"Das ist absolut plausibel", sagt auch Dirk Brockmann, Professor für epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten an der Humboldt-Universität Berlin und am RKI. Selbst einfache Bedeckungen von Mund und Nasen hätten wohl geholfen. "Wenn sie frühzeitig gegen Covid-19 eingesetzt werden, können bereits Masken, die nur 50 Prozent aller Infektionen verhindern, die Ausbreitung stoppen," sagt Brockmann.

Denn das Tückische an dem neue Coronavirus ist: Infizierte können bereits andere anstecken, bevor sie selbst Symptome bemerken. Etwa 40 Prozent aller Ansteckungen sind darauf nach bisherigen Erkenntnissen zurückzuführen. Und mittlerweile haben verschiedene Laborversuche verdeutlicht, dass auch einfache Stoffmasken einen gewissen Schutz bitten. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie schreibt in einer Stellungnahme: Aus Stoff hergestellte Masken würden nachgewiesenermaßen andere schützen, und auch ein Selbstschutz sei wahrscheinlich.

Eine Frau trägt eine nicht medizinische Maske in einem Supermarkt | Bildquelle: picture alliance/dpa
galerie

Auch einfache Stoffmasken können offenbar durchaus die Trägerin schützen.

"Ziehen Sie sich irgendetwas über Mund und Nase"

Dieser Meinung ist auch Klaus-Dieter Zastrow, Professor für Hygiene an der THM Gießen und bis 1995 Fachgebietsleiter beim Robert-Koch-Institut. "Mit Masken für alle wäre die Pandemie im Keim erstickt worden. Es ist ein Skandal, dass sich WHO und RKI dagegen gestellt haben. Stattdessen hätte die Botschaft sein müssen: Ziehen Sie sich irgendetwas über Mund und Nase, alles ist besser als nichts." Er hält die Kommunikation des RKI für "katastrophal".

Versuch zeigt Speichelpartikel

Dass Masken schützen können, legt ein Video der US-Gesundheitsbehörde NIH nahe, das Mitte April um die Welt ging. In einem abgedunkelten Raum spricht ein Mann mit lauter Stimme - und auf dem Bildschirm erscheinen für einen Moment grüne Punkte. Es sind Tröpfchen, sichtbar gemacht mit einem Laser.

Jedem Betrachter wird klar: Beim Sprechen sondern Menschen Speichelpartikel in großer Menge ab. Jedesmal wenn der Mann lauter spricht, erscheinen mehr grüne Punkte. Dann folgt ein weiterer Versuch mit Maske: Das Bild bleibt dunkel, auch bei größter Lautstärke - jetzt werden also keine Tröpfchen mehr freigesetzt. Dabei verwendete der Mann in dem Video keine hochwertige Maske, noch nicht mal einen Mund-Nasen-Schutz, sondern nur einen feuchten Waschlappen.

Jena als Vorreiter

Auch Sabine Trommer hat sich das Video aufmerksam angeschaut. Die Teamleiterin Hygiene von Jena in Thüringen fühlte sich in ihrem Kurs bestätigt. Zwei Wochen zuvor, Ende März, hatte die Stadt eine in vielen Teilen Deutschlands zunächst verlachte Entscheidung getroffen: Sie verfügte, dass alle vom 6. April an eine Mund-Nasen-Bedeckung in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften tragen müssen.

Der Erfolg war durchschlagend: "Wir hatten seitdem fast keine Fälle mehr", sagt Trommer. In anderen Städten mit ähnlicher Größe und vergleichbaren Voraussetzungen stiegen die Infektionen dagegen weiter an, etwa in Gera.

In mehreren asiatischen Ländern, wo viele Menschen seit Beginn des Ausbruch Masken trugen, blieben die Fallzahlen sehr niedrig. Mittlerweile zeigen mehrere Studien, dass weltweit viele Ansteckungen hätten verhindert werden können, wenn frühzeitig überall eine Maskenpflicht eingeführt worden wäre. In Italien wären allein 78.000 Infektionen zu verhindern gewesen, in New York City 66.000 - so eine Berechnung von US-Wissenschaftlern.

"Es wäre sehr hilfreich, wenn RKI und WHO eingestehen würden, dass sie da einen Fehler gemacht haben," sagt der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach. Doch beide Institutionen rechtfertigen ihre früheren Empfehlungen. Es habe damals nicht genügend Belege für einen Nutzen gegeben, heißt es von der WHO. Und das RKI verweist darauf, dass es seit Anfang April eine Mund-Nasen-Bedeckung empfehle. Sie könne ein "Baustein sein, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Covid-19 in der Bevölkerung zu reduzieren". 

Auch einfacher Mund-Nasen-Schutz hilft

Aber noch heute empfiehlt das RKI, dass OP-Masken dem "medizinischem und pflegerischem Personal vorbehalten bleiben" sollen. Für den Gebrauch in der Öffentlichkeit rät es zu einfachen "Mund-Nasen-Bedeckungen". Aber bei diesen gebe "für einen Eigenschutz keine Hinweise", schreibt das RKI noch immer - obwohl Laborstudien zeigen, dass sogar einfache Baumwollstoffe einen großen Teil der Partikel in Tröpfchen und Aerosol-Größe herausfiltern können. Und ob jemand und wie schwer erkrankt, hängt auch davon ab, wie hoch die Dosis der Erreger ist, die in Nase oder Mund gelangt.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 11. Juli 2020 um 08:50 Uhr im Morgenecho.

Darstellung: