Eine Patientin wird für eine MRT-Untersuchung vorbereitet | Bildquelle: picture alliance / Stefan Sauer/

Kontrastmittel-Skandal Ermittlungen gegen Radiologie-Kette

Stand: 13.08.2020 18:00 Uhr

Staatsanwälte ermitteln nach Informationen von NDR, WDR und SZ gegen den Chef der größten Radiologie-Kette Deutschlands. Er und seine Frau sollen sich am Geschäft mit Kontrastmitteln bereichert haben.

Von Markus Grill, NDR/WDR

Der Leverkusener Radiologe Winfried Leßmann hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren zum größten Betreiber von radiologischen Praxen in Deutschland gemausert. Schritt für Schritt kaufte seine Unternehmensgruppe Med360° eine Arztpraxis nach der anderen in Deutschland auf. Heute gehören ihm Praxen nicht nur in ganz Nordrhein-Westfalen, sondern auch von Bayern und Baden-Württemberg bis nach Mecklenburg-Vorpommern.

Doch inzwischen hat Leßmann Ärger mit der Justiz. Nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln gegen ihn und seine Ehefrau Dagmar Diwo-Leßmann wegen des Verdachts auf Betrug. Die Leßmanns sollen mit Röntgen-Kontrastmitteln unrechtmäßig mehrere Millionen Euro nebenher verdient haben. "Weitere Informationen können aus ermittlungstaktischen Gründen nicht gemacht werden", teilt die Staatsanwaltschaft auf Anfrage mit.

"Kein Kommentar zum Verfahren"

Konkrete Fragen zum Fall lässt auch Leßmann unbeantwortet. Über seinen "Medienberater" Klaus Kocks, der auch seine Frau vertritt, lässt er lediglich mitteilen: "Sie werden keine öffentliche Kommentierung in einem schwebenden Verfahren erwarten."

Auch zu Branchengerüchten, dass Leßmann trotz des Ermittlungsverfahrens in diesem Jahr vor einer weiteren größeren Übernahme steht, teilt Kocks nur mit: "Kein Kommentar". NDR, WDR und SZ hatten im Februar 2020 das Geschäftsgebaren des Ehepaars Leßmann aufgedeckt. Nach Bekanntwerden des Falls erstattete die Krankenkasse KKH Strafanzeige gegen Leßmann.

Im Kern geht es um Folgendes: Die zahlreichen zu Leßmann gehörenden radiologischen Praxen sollen jahrelang ihre Röntgenkontrastmittel bei der kleinen Firma "Radiomed - Service für radiologische Großpraxen" bestellt haben. Die Firma gehörte zu über 90 Prozent Leßmanns Ehefrau Diwo-Leßmann. Heute hält sie laut Bundesanzeiger noch gut die Hälfte, die restlichen Anteile besitzen die Kinder des Paares.

5000 Euro Gewinn pro Flasche

Kontrastmittel waren für Händler lange Zeit ein äußerst lukratives Geschäft in Deutschland. Firmeninterne Unterlagen von Herstellern belegen, dass Zwischenhändler zum Beispiel einen Liter MRT-Kontrastmittel für 1000 Euro einkauften, aber für 6000 Euro bei den Krankenkassen abrechneten, was einen Gewinn von 5000 Euro pro Flasche ergab. Bereits 2019 hatten NDR, WDR und SZ diese Gewinnspannen aufgedeckt. In der Folge kürzten die Krankenkassen bundesweit die Erstattungspreise zum Teil drastisch.

In einem Interview mit dem ARD-Politikmagazin Panorama hatte Leßmann vor einem Jahr versichert, "dass alle diese Dinge, die hier in der Vergangenheit gemacht wurden, nach deutschem Recht und Gesetz völlig in Ordnung sind".

Gleichzeitig räumte er aber ein, dass die Kontrastmittel-Rezepte aus seinen Radiologie-Praxen "bis Ende 2016" an die Firma seiner Frau flossen, die als Großhändlerin die Kontrastmittel bei Pharmafirmen günstig einkaufen und bei den Kassen zum deutlich höheren Listenpreis abrechnen konnte.

Jahresüberschuss von 17 Millionen Euro

2018 habe die Firma seiner Frau die Großhandelserlaubnis aber zurückgegeben, so Leßmann. Heute handele Radiomed nicht mehr mit Kontrastmitteln, sondern unter anderem mit Immobilien und Computerfirmen. Laut der neuesten im Bundesanzeiger veröffentlichten Bilanz verfügt sie über ein erstaunliches Vermögen: Neben einem Jahresüberschuss von 17 Millionen Euro weist sie Finanzanlagen von mehr als 46 Millionen Euro aus - bei nur drei Mitarbeitern. Wie viel des Millionenvermögens aus dem Handel mit Kontrastmitteln stammt, ist unklar. 

Dina Michels, die Korruptionsbeauftragte der Krankenkasse KKH, die nach Bekanntwerden der Firmenverflechtungen Strafanzeige erstattet hat, begrüßt die neue Entwicklung im Fall Leßmann. Kontrastmittel-Einkäufe bei einer Firma, die der eigenen Ehefrau gehört, hält sie für "hochproblematisch". Denn Ärzte sollten ja nicht an der Verordnung von Kontrastmitteln verdienen, so Michels.

Kontrastmittel: Ermittlungen wegen Betrugs
Peter Hornung, NDR
14.08.2020 06:26 Uhr

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