Zahlungsdienstleister Wirecard | Bildquelle: AFP

Wirecard Banken prüfen Milliardenklage

Stand: 17.09.2020 18:00 Uhr

15 Banken hatten dem Konzern Wirecard hunderte Millionen Euro geliehen. Jetzt wollen sie sich nach Informationen von WDR und SZ das Geld wieder holen - wenn nötig auch von den Aufpassern des Konzerns.

Von Massimo Bognanni und Nils Wischmeyer, WDR

Der Skandal um den Wirecard-Konzern hat nicht nur mehr als 5000 Mitarbeiter und Zehntausende Anleger ins Mark getroffen. Auch für ein Konsortium aus 15 Banken ist der Niedergang des einstigen DAX-Konzerns ein schwerwiegendes Problem.

Die Geldhäuser hatten dem Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München Kredite in Höhe von 1,75 Milliarden Euro zugesagt. 1,6 Milliarden Euro kamen offenbar zur Auszahlung. Nachdem der Konzern im Juni einräumen musste, dass 1,9 Milliarden Euro an angeblichen Bankguthaben in Asien reine Luftschlösser waren und er Insolvenz anmelden musste, wollen die Banken ihr Geld wieder haben, einige auf dem Klageweg.

Nach Recherchen von WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) wird eine entsprechende Klage in Milliardenhöhe geprüft. Mögliche Klage-Gegner, so heißt es inoffiziell, seien demnach der Bund, die Finanzaufsicht Bafin, die Wirtschaftsprüfer von EY (früher: Ernst & Young), der Aufsichtsrat und auch der Vorstand des insolventen Konzerns.

Sie alle könnten, so die Sicht betroffener Banken, Aufsichtspflichten verletzt haben. Am aussichtsreichsten schätzen die Banken offenbar eine Klage gegen Vorstände, Aufsichtsräte oder EY ein. Bei Bund und Bafin halten die Juristen der Geldhäuser ihre Chancen demnach für geringer.

Schwieriges Unterfangen

EY weist die Vorwürfe jedoch von sich, beteuert, von Betrügern hereingelegt worden zu sein. Experten erwarten zudem, dass EY sich heftig gegen jegliche Forderungen wehren wird. Ein rechtskräftiges Urteil könnte erst in einigen Jahren fallen.

Schon die Suche nach einem Anwalt gestaltet sich für die Banken wohl kompliziert. Bankenkreisen zufolge gibt es schlicht sehr wenige geeignete Kanzleien, die angesichts der potentiellen Gegenseite nicht befangen sind, weil viele regelmäßig mit Prüfern zusammenarbeiten.

Commerzbank, ING, LBBW und ABN Amro hatten je Kreditlinien von 200 Millionen Euro gewährt, von denen Wirecard den Großteil offenbar ausgeschöpft hat. Es war ein riskantes Geschäft, das mit der Insolvenz zum Desaster wurde.

Großer Schuldenberg in den Wirecard-Büchern

Insolvenzverwalter Michael Jaffé fand in den Büchern des Skandalkonzerns zuletzt wenig an Wert, dafür aber einen großen Schuldenberg. Das Geld der Banken dürfte deshalb zu großen Teilen praktisch weg sein. Auf Anfrage wollten sich weder Konsortialführer Commerzbank noch die anderen Banken äußern, die Teil des Kreditkonsortiums waren.

Inoffiziell ist lediglich zu hören, dass einige Banken die Kredite mit großen Verlusten weiterverkauft haben. Nun werden sich die neuen Eigentümer der Kredite mühen, das Geld wieder einzutreiben.

Wirecard musste im Juni 2020 einräumen, dass 1,9 Milliarden Euro, die eigentlich bei Banken auf den Philippinen liegen sollten, fehlten. Kurz darauf kam heraus, dass viele Geschäfte des Aschheimer Unternehmens nur auf dem Papier existierten und man im tatsächlich existierenden Geschäft Verluste schrieb.

Die Firma musste daraufhin Insolvenz anmelden, die Staatsanwaltschaft ermittelt mittlerweile gegen Manager des Konzerns. Ex-Chef Markus Braun sitzt ebenso wie drei weitere Ex-Manager in Untersuchungshaft. Jan Marsalek, einst Vorstand bei Wirecard, ist auf der Flucht und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Über dieses Thema berichteten am 14. August 2020 die tagesschau um 20:00 Uhr und NDR Info am 11. September 2020 um 18:30 Uhr.

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