Wirecard-Skandal Die Bedenken des Herrn K.

Stand: 26.01.2021 17:51 Uhr

Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek soll gegen den Rat seiner Mitarbeiter durchgesetzt haben, dass ein Oligarch Dutzende Konten eröffnen konnte - obwohl es gegen den Ukrainer massive Geldwäschevorwürfe gab.

Von Markus Grill, Lena Kampf und Nils Wischmeyer, WDR

Markus K. nahm seinen Job ernst. Als Leiter der Compliance-Abteilung und Beauftragter gegen Geldwäsche der Wirecard Bank war es schließlich sein Job, Kunden zu verhindern, die Konten für kriminelle Geschäfte nutzen könnten - oder zumindest ein Reputationsschaden für die Bank bedeuten könnten. So wie Dmytro Firtasch, fürchtete zumindest K.

Dem Vorstand des Wirecard-Konzerns, Jan Marsalek, listete K. in mehreren E-Mails seine Bedenken zu dem ukrainischen Unternehmer Firtasch auf, darunter die Ermittlungen der amerikanischen Justizbehörden wegen Geldwäsche- und Korruptionsverdacht gegen den Oligarchen und angebliche Haftbefehle des FBI und aus Spanien. K. schrieb an Marsalek: Nach solchen Meldungen könne er nur davon abraten, für "den Herrn" ein Konto aufzumachen. Es erschließe sich ihm nicht, was man davon habe.

Trotz Bedenken neun Konten eröffnet

Deutlicher kann eine Compliance-Abteilung kaum werden. Dennoch war die Wirecard-Bank wenige Wochen später offenbar dabei, mindestens neun Geschäftskonten für Firtaschs Firmengruppe einzurichten, und es bestand wohl sogar der Wunsch, Anfang 2020 noch einmal mehr als 30 Konten bei der Wirecard-Bank zu eröffnen. Das legen Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) nahe.

Auf Anfrage teilte Firtaschs Group DF dazu mit: "Als international tätiges Unternehmen unterhält die Group DF zu einer Mehrzahl von Banken in mehreren Jurisdiktionen Geschäftsbeziehungen." Es sei aber Unternehmensrichtlinie, diese weder zu bestätigen noch zu kommentieren. 

Marsalek haben die Bedenken seines Compliance-Beauftragten K. offenbar nicht interessiert. Der heute 55-jährige Firtasch ist mit Gaslieferungen zwischen Russland und der Ukraine zu einem der reichsten Männer der Ukraine geworden. Bis heute soll er über beste politische Verbindungen bis in den Kreml verfügen. Er investiert seine Milliarden in Immobilien, Chemie- und Finanzindustrie, zwischenzeitlich betrieb er acht TV-Sender.

Geldwäscheverdacht in den USA

Vor einigen Jahren geriet Firtasch ins Visier von US-Fahndern. Der Oligarch stand unter Verdacht, mit seiner Unternehmensgruppe "zahlreiche Briefkastenfirmen und Scheindirektoren benutzt zu haben, um Geld in den und durch die Vereinigten Staaten und international unter dem Deckmantel zu waschen, dass er in legitime Geschäfte investiert", schrieb ein Beamter im Mai 2014 in einem Bericht an das FBI. Eine US-Bank hatte den Behörden auffällige Geldtransfers der Nadra Bank für Firtasch und eine Reihe von dubiosen Briefkastenfirmen gemeldet. Die Vorwürfe seien konstruiert, "substanzlos und letztlich politisch motiviert", schreibt dazu Firtaschs Group DF.

Auch gegen Marsalek wird heute ermittelt, er gilt mittlerweile als einer der meistgesuchten Männer der Welt. Die Staatsanwaltschaft München I wirft ihm gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Untreue sowie weitere Vermögens- und Wirtschaftsdelikte vor. Er soll die Bilanzen des Wirecard-Konzerns aufgebläht haben. Nach dem Auffliegen des mutmaßlichen Betruges hat der Konzern Insolvenz angemeldet, auch die Wirecard-Bank wird nun abgewickelt. 

Auch in Deutschland Ermittlungen

Inzwischen interessieren sich auch deutsche Ermittler für die Geschäftsbeziehung zwischen Wirecard und dem Oligarchen Firtasch, besonders für die Vorgänge aus dem Frühjahr 2019. Auf Anfrage von WDR, NDR und SZ bestätigt eine Sprecherin der Münchner Staatsanwaltschaft, dass mehrere Konten des ukrainischen Geschäftsmanns, die "auf Empfehlung von Jan Marsalek eröffnet worden sind", Gegenstand von Geldwäscheermittlungen seien. Die Wirecard-Bank selbst hatte diese im September 2020 gemeldet.

Name stand auf "Marsalek-Liste"

Auch auf der sogenannten "Marsalek-Liste", einer Liste von Kunden, die Marsalek höchstpersönlich an die Wirecard-Bank vermittelt haben soll, soll der Name Dmytro Firtasch stehen. Beim BKA in Wiesbaden arbeitet man diese Liste gerade ab, vergleicht die Namen mit Einträgen in Polizeidatenbanken. Schon jetzt habe man eine "Vielzahl von Treffern", heißt es aus Ermittlerkreisen. Darunter sind auch Leute aus dem Porno- und Glücksspiel-Geschäft, vorwiegend aus Malta, oder Firmen reicher Russen, gegen die internationale Ermittlungen laufen oder die auf Sanktionslisten stehen. Marsalek, so der Eindruck der Fahnder, soll der wahre Strippenzieher auch in der Wirecard-Bank gewesen sein, obwohl er offiziell nicht zur Bank gehörte.

Eine persönliche Beziehung oder Kontakt zwischen Firtasch und Marsalek soll es laut der DF Group nicht gegeben haben. Aber vieles spricht dafür, dass Marsalek bei der Eröffnung der Konten offenbar dennoch die treibende Kraft gewesen ist: So schrieb K., dass er die Kontoeröffnungen für Firtasch prüfen und "Jan Marsalek Rückmeldung" habe geben sollen. Seine Warnrufe jedoch verhallten offenbar.

Weitere Warnungen aus der Bank

Ausweislich der WDR, NDR und SZ vorliegenden E-Mails versuchte der Geldwäschebeauftragte noch Ende März 2019, weitere Konten von Firtasch bei der Wirecard Bank zu verhindern. Besonders der Verwendungszweck "Bereitstellung von Beratungsdienstleistungen für andere Konzernunternehmen" soll ihm Bauchschmerzen bereitet haben. Denn: Beratung sei ein Service, dessen Missbrauch zur Geldwäsche einlade - man könne ja nicht überprüfen, ob wirklich  Beratungsdienstleistungen erfolgen würden. Auch das "Monitoring System", der Bank sei nicht auf Geschäfte in der Gas- und Ölbranche eingestellt. Man habe da keine Expertise, könne Transaktionen nicht richtig einschätzen.

Doch auch Markus K. schien irgendwann zu resignieren. Marsalek lässt ihn offenbar statt der üblichen 25 Euro Kontogebühren mehr als 3000 Euro pro Monat für die Führung und das Monitoring der Firtasch-Konten in Rechnung stellen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 19. November 2020 um 14:30 Uhr.

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