Ex-Wirecard-Vorstand Hat Marsalek Verfassungsschützer bestochen?

Stand: 24.01.2021 13:11 Uhr

Mitarbeiter des österreichischen Inlandsgeheimdienstes stehen im Verdacht, für Wirecard die Zahlungsfähigkeit von möglichen Kunden geprüft zu haben. Sie sollen dafür Schmiergeld erhalten haben.

Von Katja Riedel, WDR

Die Festnahmeanordnung der Staatsanwaltschaft Wien hat gerade mal acht Seiten, doch sie fügt einem der größten Skandale der Wirtschaftsgeschichte nun eine weitere Facette hinzu: Die österreichische Justiz erhebt Bestechungsvorwürfe gegen den ehemals zweiten Mann von Wirecard, Jan Marsalek.

Der konkrete Vorwurf: Mehrere Mitarbeiter des österreichischen Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) könnten nebenberuflich für Wirecard die Hintergründe und damit die Zahlungsfähigkeit möglicher Wirecard-Kunden recherchiert und an Wirecard übermittelt haben - und dafür Schmiergeld erhalten haben.

Verfassungsschützer nebenberuflich bei Wirecard?

So geht es aus der Anordnung zur Festnahme des ehemaligen BVT-Abteilungsleiters Martin W. hervor. W. und mehrere namentlich nicht benannte Mitarbeiter des österreichischen Inlandsgeheimdienstes stehen demnach im Verdacht, nebenberuflich für Wirecard tätig gewesen zu sein. Sie sollten angeblich die Zahlungsfähigkeit von Anbietern pornografischer Internetseiten überprüfen, um für Wirecard zu checken, wie solvent ihre potentiellen Kunden sind. Das ergeben laut Festnahmebeschluss Ermittlungen des österreichischen Bundeskriminalamtes.

Die BVT-Beamten sollen, angestiftet von Marsalek, "hoheitliche" Tätigkeiten vorgenommen, also im Dienst ermittelt haben. Personenbezogene Daten sollen zu ausschließlich privaten Zwecken von ihren Dienstrechnern abgerufen worden sein. Marsalek soll den Beamten für diese "pflichtwidrige Vornahme der Amtsgeschäfte Vorteile gewährt haben", die diese auch angenommen haben sollen. So die Vorwürfe.

Verdacht auf Bestechung und Fluchthilfe

Der ehemalige BVT-Abteilungsleiter Martin W. soll demnach dem Ex-Wirecard-Manager Marsalek überdies zur Flucht verholfen haben, gemeinsam mit dem ehemaligen FPÖ-Abgeordnete Thomas Schellenbacher. Das Flugzeug, das Marsalek von Österreich nach Belarus geflogen hat, soll von den beiden organisiert worden sein. In Minsk verlor sich dann im Juni Marsaleks Spur.

Zur selben Zeit stürzte Wirecard an der Börse ab, der mutmaßliche Milliardenbetrug mit Luftgeldern auf den Philippinen begann sich immer deutlicher abzuzeichnen und Marsalek wurde per deutschem Haftbefehl gesucht.

Schellenbacher soll laut Ermittlungsunterlagen inzwischen eingeräumt haben, dass W. ihn damit beauftragt habe, für Marsalek einen Flug nach Minsk zu organisieren.

W. und Schellenbacher sind in der vergangenen Woche festgenommen worden. Marsalek jedoch bleibt verschwunden. In Deutschland ermittelt die Staatsanwaltschaft München gegen Marsalek. Sein Anwalt möchte sich derzeit zu keinem der gegen ihn erhobenen Vorwürfe äußern. Auch die Anwältin von Martin W. äußerte sich auf Anfrage nicht.

Ermittlungen wegen Geldwäscheverdachts

In der vergangenen Woche hatte die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass aus der Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München regelmäßig hohe Bargeldbeträge hinausgetragen worden seien.

Insgesamt könnten so über mehrere Jahre hinweg Millionenbeträge aus dem Unternehmen gebracht worden sein - die Staatsanwaltschaft München I ermittelt wegen Geldwäscheverdachts. Zum Teil, so ist es zu hören, sollen die Scheinbündel offenbar in Plastiktüten gesteckt haben. Wer das viele Bargeld bekam und zu welchem Zwecke, ist Bestandteil der laufenden Ermittlungen.

Korrespondentin

Katja Riedel  Logo WDR

Katja Riedel, WDR

Darstellung: