Tabletten, Kapseln und Pillen in verschiedenen Farben | Bildquelle: picture alliance / Friso Gentsch

Mangel an Antibiotika Warnung vor "globaler Gesundheitskrise"

Stand: 22.01.2020 13:34 Uhr

Für die Entwicklung neuer Antibiotika wird zu wenig unternommen. Das ist das Ergebnis neuer Studien. Dabei wären solche Mittel dringend nötig. Die Weltgesundheitsorganisation fordert ein Umsteuern.

Von Christian Baars, NDR

Das Engagement der Pharmabranche bei der Entwicklung von Antibiotika geht offenbar weiter zurück. Das zeigen mehrere aktuelle Berichte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat untersucht, welche Antibiotika derzeit weltweit entwickelt werden. Ihr Fazit: Rückläufige private Investitionen und mangelnde Innovationen bei der Entwicklung neuer Antibiotika würden die Bemühungen zur Bekämpfung der Resistenzen untergraben.

Derzeit seien zwar rund 60 neue Produkte in der klinischen Entwicklung, aber diese würden nur einen geringen Nutzen gegenüber vorhandenen Mitteln versprechen. "Nie zuvor war die Bedrohung durch Antibiotikaresistenzen unmittelbarer und die Notwendigkeit von Lösungen dringender", sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Gesundheitsexperten und Mediziner warnen seit Jahren vor der Ausbreitung von resistenten Bakterien. Die WHO bezeichnet sie als "globale Gesundheitskrise". Denn, wenn Antibiotika nicht mehr wirken, steht die gesamte moderne Medizin auf dem Spiel.

"Schleppende Fortschritte"

Auch die niederländische Stiftung Access to Medicine Foundation hat einen neuen Bericht zu dem Thema veröffentlicht. Ihrer Einschätzung nach macht die Pharmaindustrie nur schleppende Fortschritte. Es seien immer weniger Unternehmen in diesem Forschungsgebiet tätig, weil sich nicht genügend Geld mit den Mitteln verdienen lasse.

Große Konzerne ziehen sich zurück

Recherchen des NDR hatten im vergangenen Jahr gezeigt, dass sich fast alle großen Pharma-Unternehmen, die in diesem Bereich aktiv waren, bereits zurückgezogen und dass viele kleinere Firmen mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben. In den vergangenen Monaten meldeten zwei dieser Unternehmen in den USA Konkurs an.

Aus Sicht der Industrie muss die Politik die Rahmenbedingungen ändern und mehr Geld in Aussicht stellen. Ein Zusammenschluss von Firmen, die sich gegen Resistenzen engagieren wollen, hat ebenfalls einen aktuellen Bericht veröffentlicht. Die sogenannte AMR Industry Alliance kritisiert darin, dass bislang kein Land grundlegende Änderungen vorgenommen hätte, wie Antibiotika erstattet würden. Die Folge seien rückläufige private Investitionen im Forschungsbereich.

Regierungen müssen Entwicklungsanreize liefern

Die Zahl der Unternehmen, die an Antibiotika forsche, sei in den vergangenen zwei Jahrzehnten "deutlich zurückgegangen", schreibt die Allianz. Es kommen zwar vereinzelt neue Mittel auf den Markt. Jedoch sei seit 1980 keine neue Klasse von Antibiotika mehr zugelassen worden. "Die Gesamtinvestitionssumme dürfte nicht ausreichen, um die für die Bekämpfung der Antibiotikaresistenz erforderlichen Instrumente bereitzustellen", betont die AMR Industry Alliance. "Und das Investitionsniveau könnte in den kommenden Jahren weiter sinken, wenn die Regierungen nicht dringend Maßnahmen zur Verbesserung der Antibiotika-Erstattungssysteme und zur Umsetzung neuer Entwicklungsanreize ergreifen."

Tatsächlich lässt sich derzeit mit Antibiotika deutlich weniger Geld verdienen als beispielsweise mit Krebsmedikamenten oder Mitteln gegen chronische Erkrankungen. Denn Antibiotika werden in der Regel nur wenige Tage lang eingesetzt. Zudem sollten neue Mittel nur im Notfall verwendet werden, wenn alle herkömmlichen Antibiotika nicht mehr anschlagen. Sie sollen also als Reserve zurückgehalten werden, damit sie ihre Wirkung nicht so schnell verlieren.

Folgen für Krebsbehandlungen

Unabhängige Experten kritisieren jedoch den Rückzug vieler Unternehmen. Der Ausstieg der großen Konzerne sei "nicht verantwortungsvoll", hatte Ursula Theuretzbacher im Interview mit der Sendung Panorama gesagt. Sie arbeitet unter anderem für die Weltgesundheitsorganisation WHO. Aus ihrer Sicht hat die Pharmaindustrie eine Verantwortung für die Gesellschaft, die eingefordert werden sollte. Letztlich würden große Teile ihrer Profite darauf beruhen, dass es Antibiotika gebe, sagte Theuretzbacher. Beispielsweise könnten viele teure Krebsmedikamente nur eingesetzt werden, wenn auch wirksame Antibiotika zur Verfügung stehen, da bei den Patienten ein sehr hohes Infektionsrisiko bestehe.

Über dieses Thema berichtete NDR Info in der Sendung "Redezeit" am 18. September 2019 um 21:00 Uhr.

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