Online-Glücksspiel Duldung mit mäßigem Erfolg

Stand: 14.04.2021 18:00 Uhr

Seit einem halben Jahr gilt eine Testphase für Online-Casinos: Halten sie sich an die Regeln, winkt eine deutsche Lizenz. Doch viele Anbieter tricksen weiter, Kontrollen sind teilweise ungenügend.

Von Philipp Eckstein und Jan Lukas Strozyk, NDR

Sechs Monate nach Inkrafttreten der Duldungsphase für in Deutschland nicht erlaubte Online-Casino-Angebote halten sich viele Anbieter nicht an die Regeln. Spielerinnen und Spieler können trotz anders lautender Vorgaben immer noch hohe Summen einzahlen und verspielen, wie eine Recherche des NDR zeigt. Die Kontrollen der Aufsichtsbehörden sind offenbar nicht ausreichend.

Zu den Vorgaben, die in der Testzeit einzuhalten sind, gehört ein Einzahlungslimit von1000 Euro im Monat. NDR-Reportern wurden Daten zugespielt, aus denen hervorgeht, dass zahlreiche Anbieter diese Limits in der Duldungsphase nicht durchgesetzt haben. Es handelt sich um Konto-Unterlagen von Spielerinnen und Spielern von zehn großen, in Deutschland aktiven Online-Casino-Anbietern, darunter Wunderino, DrückGlück, Lottoland und Bet-at-Home.

Eine Auswertung der Unterlagen ergibt, dass ein Spieler beim Anbieter Wunderino an einem Tag im November des vergangenen Jahres 17 Einzahlungen mit einem Gesamtbetrag von 4500 Euro vorgenommen hatte. Derselbe Spieler hatte ebenfalls im November innerhalb von drei Tagen 63 Einzahlungen mit einer Gesamtsumme von 16.650 Euro vorgenommen. Zum Teil trennten die Einzahlungsvorgänge weniger als zehn Minuten.

Bei Lottoland konnte ausweislich der Unterlagen ein Spieler im Januar innerhalb von zwei Tagen 6750 Euro einzahlen. DrückGlück akzeptierte offenbar im November noch von einem Spieler Einzahlungen in Höhe von 21.000 Euro. Lottoland sagte auf Anfrage zu den Einzahlungen, dass man sich ohne Einblick in die Unterlagen und eine Identifizierung des Spielers nicht äußern wolle. Der NDR lehnte das aus Gründen des Quellenschutzes ab. Die übrigen Anbieter äußerten sich nicht.

Auch bei Tipico und Bwin sind sehr hohe Einzahlungen in den Daten zu finden. Ein Bwin-Kunde zahlte demnach im vergangenen November fast 8500 Euro und im Februar fast 2300 Euro ein. Bei Tipico konnte ein Spieler Ende Oktober - wenige Tage nach Inkrafttreten der Duldungsphase - in einer einzelnen Transaktion 5000 Euro überweisen. Im Januar überwies derselbe Spieler an einem Tag 3000 Euro, das zeigen die Kontounterlagen.

Hier ist allerdings unklar, ob das Geld für Sportwetten oder Casino-Spiele eingesetzt worden ist. Für Sportwetten gilt in Deutschland kein Einzahlungs-, sonder ein Einsatzlimit. Es wäre also theoretisch denkbar, dass die Spieler hohe Summen zwar auf ihr Spielerkonto eingezahlt, aber nie gesetzt haben. Das ist aus den Daten nicht ersichtlich.

Ein Sprecher von Bwin teilte mit, dass man sich an die geltenden Limits halte und verwies darauf, dass es bei Sportwetten keine Begrenzung der Einzahlungen gebe. Ein Sprecher von Tipico sagte: "Das Unternehmen setzt die Vorgaben des Übergangsregimes um. Die Einhaltung ihrer Pflichten als Anbieterin wurde durch das Regierungspräsidium Darmstadt erst kürzlich überprüft und es gab keinerlei Beanstandung." Auch er verwies darauf, dass das Einzahlungslimit von 1000 Euro nicht für alle Angebote von Tipico gelte und das das Gesetz zusätzlich Ausnahmen für einzelne Spieler vorsieht.

Mehrere Innenministerien erklärten, dass sich durch die Duldungsregeln der Spielerschutz grundsätzlich verbessert habe und feststellbar sei, dass viele Veranstalter ihre Angebote an die neuen Vorgaben angepasst hätten. Tatsächlich konnten auch Reporter von NDR Veränderungen der Angebote feststellen, etwa was die zulässige Spieldauer an virtuellen Automaten angeht und den Höchsteinsatz pro Spiel. Auch grundsätzlich verbotene Spiele wie Live-Roulette sind seltener zu finden.

Probleme bei Überprüfung

Inwiefern die Behörden allerdings Einzahlungslimits überhaupt prüfen können, ist unklar. Denn Testspiele bereiten ihnen grundsätzliche Probleme. Die Teilnahme an unerlaubtem Glücksspiel ist in Deutschland verboten. Da auch die geduldeten Angebote formal weiterhin illegal sind, schrecken viele Behörden davor zurück, ihre Mitarbeiter unter echtem Namen Testspiele um Geld durchführen zu lassen.

Die Länder haben die Überwachung der Anbieter untereinander aufgeteilt. Nur Rheinland-Pfalz gibt an, aktuell gesetzlich die Möglichkeit für Spiele unter falschem Namen zu haben. Das Land führt deshalb "auch im Wege der Amtshilfe für andere Länder - unter der Verwendung einer Legende (zu diesem Zweck angelegte veränderte Identität)" Tests durch, wie eine Sprecherin mitteilt. Ob es der Behörde dabei möglich ist, das Limit von 1000 Euro zu überprüfen, ließ die Sprecherin offen.

Das hessische Innenministerium teilte mit, dass in vier Fällen Anbieter wegen Verstößen gegen die Duldungsregeln angehört worden sein, 27 Verfahren stünden noch aus. Eine Strafe sei bislang nicht verhängt worden. Mit Blick auf die Duldungsphase insgesamt jedoch falle "die Bewertung positiv aus", sagte ein Sprecher. Die Bremer Innenbehörde hatte sich im Vorfeld gegen eine Duldung ausgesprochen. Eine Sprecherin sagte nun, die "Bedenken haben sich bestätigt". Es bestehe derzeit "nur in einem Bundesland die rechtlichen und/oder technischen Voraussetzungen zur Durchführung von Testspielen".

Niedersachsens Innenministerium teilte mit, dass man bei allen selbst geprüften Anbietern Verstöße festgestellt habe. Allerdings handle es sich dabei auch nicht um die "marktbeherrschenden Unternehmen".

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. April 2021 um 11:18 Uhr.

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Philipp Eckstein, NDR

Jan Strozyk, NDR | Bildquelle: NDR/Christian Spielmann Logo NDR

Jan Lukas Strozyk, NDR

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