Vom Hauptzollamt Hamburg sichergestelltes Kokain

Drogen in Deutschland So viel Kokain sichergestellt wie nie

Stand: 02.08.2019 11:38 Uhr

Fahnder stellen immer mehr Kokain sicher. Schon jetzt ist 2019 das neue Rekordjahr. Experten schätzen, dass die Kartelle mit immer mehr Ware nach Europa drängen. Das führt auch zu mehr Gewalt.

Von Jan-Lukas Strozyk und Benedikt Strunz, NDR

Deutsche Sicherheitsbehörden haben in diesem Jahr bereits mehr Kokain sichergestellt, als je zuvor in einem Jahr beschlagnahmt wurde. Das ergaben Recherchen des NDR. Demnach wurden vom Zoll im laufenden Jahr deutlich mehr als sieben Tonnen der Drogen aus dem Verkehr gezogen und damit mehr als im bisherigen Rekordjahr 2017.

Die Menge ergibt sich in erster Linie aus zwei großen Funden im Juli. Wie der Hamburger Zoll mitteilte, entdeckten Fahnder Mitte Juli bei einer Containerkontrolle 4,5 Tonnen Kokain. Der Schiffscontainer war auf dem Weg von Montevideo in Uruguay nach Antwerpen und sollte eigentlich Sojabohnen transportieren. Stattdessen fanden die Zollfahnder 211 Sporttaschen mit insgesamt mehr als 4000 Kokainblöcken.

Nach Angaben der Behörde hatte der Fund einen Straßenverkaufswert von annähernd einer Milliarde Euro. Der Zoll vernichtete die Drogen nach eigener Angabe.

Das Hauptzollamt Hamburg stellte 211 Taschen mit mehr als 4200 Paketen Kokain sicher.
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Das Hauptzollamt Hamburg stellte 211 Taschen mit mehr als 4200 Paketen Kokain sicher.

Kokain-Lieferungen nehmen zu

Nach NDR-Informationen konnte der Hamburger Zoll Ende Juli noch eine weitere Kokainlieferung stoppen, mit einem Gesamt-Gewicht von 1,5 Tonnen. Auch dieses Mal sollten die Drogen nach Antwerpen gehen. Sie kamen aus Rio Grande in Brasilien und waren in einer Tabaklieferung versteckt.

Drogenfahnder gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus, mutmaßlich sind die Sicherstellungen nur ein Bruchteil des geschmuggelten Kokains.

Rene Matschke, Leiter des Zollfahndungsamts Hamburg, sagte dem NDR: "In Hamburg gehen wir davon aus, dass sowohl die Zufuhr von Kokain zum deutschen Markt wie auch der Transit zu den Häfen in Belgien und Niederlande stetig zunehmen." So seien 2018 in den Häfen in den Niederlanden, Belgien, Spanien und Frankreich rund 90 Tonnen Kokain sichergestellt worden.

Stetig wachsende Kokainproduktion in Südamerika

Nicht nur in Europa sehen Fahnder diese Tendenz: Zuletzt waren weltweit insgesamt immer größere Mengen Kokain sichergestellt worden und auch immer größere Einzellieferungen.

Im Juni entdeckten US-amerikanische Fahnder auf einem Schiff in Philadelphia rund 18 Tonnen Kokain - der mutmaßlich größte jemals sichergestellte Einzelfund. Das Schiff war auf dem Weg nach Rotterdam.

Drogenfahnder stellten in Philadelphia Kokain im Wert von geschätzt mehr als eine Milliarde Dollar sicher. | Bildquelle: dpa
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Drogenfahnder stellten in Philadelphia Kokain im Wert von geschätzt mehr als eine Milliarde Dollar sicher.

Dass mehr Kokain entdeckt wird, liegt laut Matschke teils daran, dass die Ermittler inzwischen jahrelang Erfahrung mit der Seefracht gesammelt und ihre Methoden verbessert haben.

Andererseits werten Experten die Tatsache, dass Kartelle offenbar immer größere Mengen auf einmal zu schmuggeln versuchen, als Indiz dafür, dass die Banden auch große Verluste mittlerweile problemlos verkraften können.

Ein Grund dafür ist die stetig wachsende Kokainproduktion in Südamerika. Kokain wird laut den Experten heute auf deutlich größeren Flächen und effizienter hergestellt als früher, so dass sich aus einer Ernte mehr von der Droge gewinnen lässt als noch vor einigen Jahren. Das führt zu niedrigeren Preisen und einer höheren Verfügbarkeit.

Machtkämpfe zwischen kriminellen Gruppen

Als eine mögliche Folge der hohen Produktion befürchten Ermittler europäischer Polizeibehörden einen Anstieg der Gewalt in Europa. Auch das Bundeskriminalamt warnt davor. Die hohe Verfügbarkeit sorge für eine neue Dynamik unter den Gruppen der organisierten Kriminalität. In den Niederlanden beispielsweise führe das bereits zu Machtkämpfen zwischen den Gruppen, die gewaltsam ausgetragen würden.

Die Kokaingeschäfte sorgen auch dafür, dass andere Straftaten im Umfeld der Drogenbanden zunehmen. Erst Ende des vergangenen Jahres war in Paris eine Gruppe von Geldwäschern verurteilt worden. Recherchen des NDR hatten gezeigt, dass die Bande Drogengelder vor allem über den Kauf von Luxusuhren in Deutschland gewaschen hatte.

Drogenfahnder beklagen Mangel an Ressourcen

Immer wieder beklagen Drogenfahnder, dass sie für aufwendige Ermittlungen gegen Rauschgiftbanden zu wenige Ressourcen zur Verfügung haben. Ein hochrangiger Drogenfahnder sagte dem NDR: "Die Politik unterschätzt das Problem völlig. In den vergangenen Jahren hat man die Prioritäten auf Terrorismus und Cyberkriminalität gelegt. Dass seit einigen Jahren eine Drogenschwemme über den Westen schwappt, hat man übersehen."

Um an die Hintermänner zu kommen, würden Sicherstellungen nicht helfen, dazu bedürfe es aufwendiger Strukturermittlungsverfahren, so der Fahnder. Aber um solche Verfahren in ausreichendem Umfang führen zu können, fehle Personal.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. August 2019 um 11:00 Uhr.

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