Chinesische Flagge in der Region Xinjiang | Bildquelle: AFP

Zwangsarbeit in China Deutsche Firmen prüfen Vorwürfe

Stand: 04.03.2020 18:00 Uhr

Nicht nur in Xinjiang, sondern auch in anderen Regionen Chinas könnten Unternehmen von Zwangsarbeit profitieren. Eine aktuelle Studie nennt dabei auch deutsche Firmen. Diese reagieren nun auf die Vorwürfe.

Von Stella Peters, NDR

Dutzende internationale und deutsche Unternehmen profitieren einer Studie zufolge von der Zwangsarbeit von Uiguren in China. Die chinesischen Behörden hätten zwischen 2017 und 2019 mehr als 80.000 Angehörige der muslimischen Minderheit, die in Arbeitslagern in der Provinz Xinjiang interniert waren, in andere Teile Chinas gebracht, heißt es in dem Bericht "Uyghurs for Sale" des Australian Strategic Policy Institute (Aspi). Auch sieben deutsche Unternehmen werden mit Zwangsarbeit in Zusammenhang gebracht: Volkswagen, Daimler, Puma, Adidas, BMW, Bosch und Siemens.

In Xinjiang, im Nordwesten Chinas, werden religiöse Minderheiten, vor allem die muslimischen Uiguren, systematisch unterdrückt. Experten gehen davon aus, dass seit 2017 rund eine Million Menschen in Internierungslagern gefangen gehalten werden. Die chinesische Regierung bestreitet die Vorwürfe. Dass auch deutsche Unternehmen von der Unterdrückung der Uiguren in Xinjiang profitieren könnten, halten Experten schon länger für möglich. Der aktuelle Bericht lenkt die Aufmerksamkeit nun auch auf Firmen, deren Zulieferer außerhalb von Xinjiang produzieren.

Viele Zwangsarbeiter wohl auch in andere Region geschickt

Die Autoren der Studie werteten Medienberichte und andere öffentlich zugängliche Quellen in China aus. Demnach gebe es staatlich organisierte Verschickungen von uigurischen Arbeitern und Arbeiterinnen innerhalb ihrer Heimatprovinz Xinjiang, aber auch in andere Teile Chinas. Die Umstände der Arbeitertransfers und die Arbeitsbedingungen legten nahe, dass es sich dabei um Zwangsarbeit handele. Teilweise seien Fabrikgelände mit Wachtürmen und Zäunen ausgestattet. Auch müssten die Uiguren nach der Arbeit Mandarin lernen und die chinesische Nationalhymne singen. Der Tagesablauf sei eng an die Internierungslager in Xinjiang angelehnt, heißt es in dem Bericht.

Die Chinaexpertin Katja Drinhausen vom Mercator Institute for China Studies in Berlin geht ebenfalls davon aus, dass die Arbeitertransfers aus Xinjiang nicht auf Freiwilligkeit beruhen. Das hätten auch zuletzt bekannt gewordene Dokumente bewiesen, über die auch der NDR berichtet hatte. In der sogenannten "Karakaxliste" sei belegt: "Wenn jemand eine vermittelte Arbeit nicht annimmt, entweder am Wohnort oder woanders, kann die Familie dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden", so Drinhausen. Denn viele Angehörige von uigurischen Arbeitskräften befänden sich in Umerziehungslagern oder unter der Kontrolle lokaler Behörden. "In so einer Situation kann man eben sehr schwer von Freiwilligkeit sprechen", sagt die Chinaexpertin.

In dem neuen Bericht haben die australischen Wissenschaftler 27 Fabriken in neun chinesischen Provinzen identifiziert, die seit 2017 Uiguren als Arbeiter nutzen. Diese Fabriken geben an, Teil der Lieferketten von mehr als 80 bekannten internationalen Marken zu sein. Die sieben deutschen Unternehmen, die der Vorwurf trifft, reagierten auf Anfrage von NDR und "Süddeutscher Zeitung" unterschiedlich.

Deutsche Firmen nehmen Thema "sehr ernst"

Der Sportartikelhersteller Puma beispielsweise gab an, zwar keine direkten Geschäftsbeziehungen zu einem fraglichen Garnhersteller zu pflegen, räumte aber ein: "Da Huafu einer der größten Baumwollgarnhersteller der Welt ist, kaufen einige unserer Zulieferer dort Garne." Die Vorwürfe seien in der Tat "sehr schwerwiegend". Puma will in der Sache weitere Untersuchungen anstellen.

Die Siemens AG bestätigt auf Anfrage von NDR und SZ eine Geschäftsbeziehung zu einem Unternehmen, dem Zwangsarbeit vorgeworfen wird: "Die KTK Group ist ein Lieferant der Siemens AG. Bis zum Erscheinen des Berichts hatten wir keine Kenntnis von den genannten Vorwürfen." Siemens wies in seiner Stellungnahme darauf hin, dass das Thema "sehr ernst" genommen werde und der Konzern ausschließlich mit Lieferanten arbeite, die sich gegen Zwangsarbeit aussprechen. Sollte es dennoch dauerhaft zu Verstößen gegen den konzerneigenen "Code of Conduct" kommen, "beendet Siemens die Zusammenarbeit und streicht das Unternehmen von der Lieferantenliste", so der Konzern.

Adidas gab an, seine Zulieferer bereits im vergangenen Jahr angewiesen zu haben, nicht mehr mit einem problematischen Garnhersteller zusammenzuarbeiten: "Das Unternehmen hat bis zum Frühjahr 2019 Vorprodukte für einen unserer Sublieferanten geliefert. […] Wir haben unsere Zulieferer bereits im Frühjahr 2019 ausdrücklich aufgrund der damals publik gewordenen Vorwürfe angewiesen, kein Garn aus der Region Xinjiang zu beziehen und keine Aufträge an Huafu zu vergeben." Auch die Zusammenarbeit mit zwei weiteren Firmen aus dem Aspi-Bericht dementierte der deutsche Sportartikelhersteller.

Volkswagen, Bosch und Daimler dementierten den Bericht gänzlich und teilten mit, dass die in dem Bericht benannten Firmen keine direkten Lieferanten seien. 

Lieferketten nicht einfach nachzuverfolgen

Alle deutschen Konzerne betonten, dass sie Fragen der Menschenrechte und Arbeitsbedingungen sehr ernst nähmen. Siemens, Puma und Adidas gaben explizit an, dass Zwangsarbeit ein Ausschlusskriterium für die Zusammenarbeit mit Zulieferern sei.

Drinhausen, Expertin für chinesische Innenpolitik, sieht durchaus Schwierigkeiten bei der Überprüfung der Lieferketten, wie sie sagt. Sie wünsche sich aber, dass "von deutscher Seite signalisiert wird: Wir wissen, dass in diesem Land Dinge passieren, die wir so nicht mittragen können."

Die chinesische Regierung wies die Vorwürfe zur Zwangsarbeit von Uiguren am Montag zurück. Dem Bericht lägen keine Fakten zugrunde, erklärte das Außenministerium in Peking. Vielmehr ziele die Studie darauf ab, die "Erfolge Chinas bei der Bekämpfung des Terrorismus und Extremismus" in der Provinz herabzuwürdigen.

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