Wer infiziert sich mit Corona? Die Ahnungslosigkeit der Politik

Stand: 04.03.2021 13:00 Uhr

14 von 16 Bundesländern haben nach Recherchen von NDR, WDR und SZ keine Erkenntnisse darüber, welche Menschen sich besonders häufig mit Corona infizieren - und können daher nicht gezielt reagieren. Mediziner kritisieren diese Ahnungslosigkeit.

Von Florian Flade, Armin Ghassim, Markus Grill, Jonas Schreijaeg und Andrej Reisin, NDR/WDR

Wer im Berliner Bezirk Neukölln wohnt, hat offenbar ein fast doppelt so hohes Risiko, mit Corona infiziert zu werden als im benachbarten Treptow-Köpenick. Woran das liegt? Das weiß man nicht. Auffällig ist: In Neukölln leben auf einem Quadratkilometer 7000 Menschen, in Treptow 1600. In Neukölln liegt die Arbeitslosenquote bei 16 Prozent, in Treptow bei acht Prozent. Ähnlich sind die Unterschiede beim Haushaltseinkommen: In Neukölln beträgt es 1825 Euro im Monat, in Treptow-Köpenick 2200 Euro. In Neukölln haben 47 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner einen Migrationshintergrund, in Treptow nur 17 Prozent. 

"Wir wissen aus internationalen Studien, dass Menschen, die sozial benachteiligt sind, sich häufiger infizieren", sagt Prof. Peter Sawicki, einer der Begründer der evidenzbasierten Medizin in Deutschland, der heute als Arzt in Duisburg arbeitet. "Aber in Deutschland ist die Studienlage dazu sehr dünn." Weil man nicht wisse, wer sich infiziere, wisse man auch nicht, welche Gruppen man besser schützen müsse. 

NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" haben alle Gesundheitsministerien in Deutschland gefragt, welche Erkenntnisse sie zum sozialen Status der Corona-Infizierten haben, wie groß die Haushalte sind, wie hoch das Einkommen ist, wie häufig sie einen Migrationshintergrund haben. 14 von 16 Bundesländern konnten keine dieser Fragen beantworten. Brandenburg teilte zum Beispiel mit: "Diese Daten liegen der Landesregierung nicht vor, weil sie nicht erhoben werden." Rheinland-Pfalz schrieb: "Diese Daten haben wir nicht." Sachsen teilte mit: "Zur sozialen Herkunft liegen uns keine Daten vor" - und Thüringen schrieb: "Auch dazu haben wir keine Erkenntnisse." Nordrhein-Westfalen antwortete als einziges Bundesland gar nicht. 

Lauterbach spricht von "Trauerspiel"

"Es ist ein Trauerspiel, dass wir so wenig über diese Fragen wissen", sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. "Das sind alles Daten, die mich auch brennend interessieren."

Karl Lauterbach | Bildquelle: dpa
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Spricht von einem Trauerspiel: Karl Lauterbach

Der Medizinsoziologe Nico Dragano von der Universität Düsseldorf hat im ersten Halbjahr 2020 die Daten von knapp 1,3 Millionen AOK-Versicherten ausgewertet und festgestellt, dass Bezieher von Hartz-IV fast doppelt so oft wegen Corona ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten wie Erwerbstätige. Aber schon die Frage, welche Berufsgruppen möglicherweise stärker betroffen sind, kann Dragano nicht beantworten. Dabei ist er sich sicher: "Es würde uns weiterbringen, wenn wir die Menschen mit besonders hohem Infektionsrisiko besser eingrenzen könnten."

In anderen Ländern gibt es Informationen

Wer in Deutschland etwas wissen will über den sozioökonomischen Hintergrund von Infizierten, muss in die USA oder nach Großbritannien schauen. Die Infektiologin Muge Cevik von der schottischen St. Andrews Universität berät die britische Regierung in der Pandemie. Sie sagt: "Viel wichtiger als die Ausbreitung von Mutanten zu stoppen, ist es, die Menschen in den sozial benachteiligten Gegenden besser zu schützen." Man sehe in vielen Ländern, dass vor allem Menschen, die in Fabriken arbeiten, als Essensauslieferer, in Supermärkten oder als Reinigungskräfte überdurchschnittlich gefährdet seien.

Auch lägen in Großbritannien mehr Menschen mit nicht typisch britischen Nachnamen auf den Intensivstationen. "Aber das Risiko liegt natürlich nicht im ethnischen Hintergrund, sondern an den Lebens- und Arbeitsbedingungen", sagt Cevik mit Blick auf die vom staatlichen britischen Gesundheitsdienst erhobenen Daten. "Menschen aus ethnischen Minderheiten arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Jobs und leben in beengten Haushalten."

Das ist auch in Deutschland so: Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten überdurchschnittlich häufig in schlecht bezahlten, aber als systemrelevant geltenden Jobs, die oft nicht im Home-Office möglich sind - etwa in der Pflege, Reinigung oder Post. Laut Zahlen des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung  machen sie in diesem Sektor 35,5 Prozent aus, deutlich mehr als ihr Anteil am Arbeitsmarkt von 22,9 Prozent.

Mehr Migrantinnen und Migranten auf Intensivstationen?

Ob in Deutschland mehr Menschen mit Migrationshintergrund auf den Intensivstationen liegen, ist allerdings unbekannt. Auch das wissen die Landesgesundheitsministerien nicht, und die Krankenhäuser selbst führen dazu keine Statistik, wie eine Umfrage von NDR, WDR und SZ unter den mehr als 30 Unikliniken ergab. Die "Bild"-Zeitung zitierte dazu RKI-Präsident Lothar Wieler aus einem nicht-öffentlichen Gespräch. Dabei soll er gesagt haben, dass Muslime einen Anteil von 4,8 Prozent an der Bevölkerung hätten, auf den Intensivstationen betrage ihr Anteil aber 50 Prozent.

Jens Spahn und Lothar Wieler | Bildquelle: EPA
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Keine Informationen darüber, welche Berufsgruppen oder Milieus besonders betroffen sind: Wieler und Spahn.

Auf Anfrage dazu lässt Wieler mitteilen, die Aussage sei "aus dem Zusammenhang gerissen" und habe sich auf Schilderungen aus drei Intensivstationen bezogen. Generell lägen dem RKI "keine Informationen zu einem etwaigen Migrationshintergrund" der Infizierten vor. Allerdings gebe es mehrere Studien über den sozialen Hintergrund von Infizierten, bei denen erste Ergebnisse im April vorgestellt werden sollen, teilte eine RKI-Sprecherin mit.

"Keine einzige Interventionsstudie"

In Deutschland verfügen somit nur zwei Länder über Daten zum sozioökonomischen Hintergrund von Corona-Infizierten: Berlin und Bremen. "Gerade in Stadtteilen mit hoher Wohnraumdichte, niedrigem Durchschnittseinkommen und höheren Armutsquoten haben wir höhere Neuinfektionsquoten gehabt", sagt der Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin. Ähnlich der Befund in Berlin: Hier sind Arbeitslosigkeit, niedriges Haushaltseinkommen, enge Wohnverhältnisse, einfache Wohnlage und Migrationshintergrund Faktoren, die das Risiko einer Infektion steigen lassen.

Forscher Sawicki sagt im Gespräch mit Panorama: "Wenn wir wüssten, welche Patientengruppen kaum zu schützen sind aufgrund der beruflichen Exposition, dann könnte man die Leute zuerst impfen, die am meisten gefährdet sind. Dann hätten wir den größten Nutzen der Impfungen." Bisher will man nur Grundschullehrerinnen und -lehrer bevorzugt impfen - allerdings ohne die empirischen Daten zu haben. Sawicki kritisiert: "Wir haben in Deutschland keine einzige Interventionsstudie, die untersuchen würde, wie man Infektionen in besonders gefährdeten Gruppen reduzieren kann."

Über dieses Thema berichtete die Sendung "Panorama" am 04. März 2021 um 22:00 Uhr.

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