Schulöffnungen Das sächsische Experiment

Stand: 25.02.2021 21:14 Uhr

Schon seit Mitte Februar sind in Sachsen die Grundschulen wieder geöffnet. Das Infektionsgeschehen dort sollte wissenschaftlich begleitet werden - laut Kultusministerium durch zwei Forscher. Doch laut Kontraste wissen die beiden nichts davon.

Von Silvio Duwe und Pune Djalilehvand, rbb

Als eines der ersten Bundesländer öffnete Sachsen am 15. Februar wieder die Klassenzimmer an den Grundschulen - und das sogar in Landkreisen, in denen die Inzidenz zu diesem Zeitpunkt über der Marke von 100 lag. Ohne Wechselunterricht, in voller Klassenstärke, ohne Maskenpflicht im Unterricht. Die Hygienekonzepte haben sich - trotz sich rasant ausbreitender Mutationen - im Vergleich zum Sommer kaum verändert.

Kultusminister Christian Piwarz rechtfertigte die schnellen Öffnungen am 15. Februar: Man müsse dafür Sorge tragen, dass Kinder nicht in ihrer Entwicklung behindert werden. Er hoffe, dass sich der Trend der sinkenden Infektionszahlen fortsetzen werde. Wichtig wäre dabei, das Pandemiegeschehen bei der Öffnung der Grundschulen genau im Blick zu halten, mahnen Expertinnen und Experten im Gespräch mit Kontraste. Dies sei auch wichtig, um Konzepte für sicheren Schulunterricht unter Pandemiebedingungen zu vergleichen und zu verbessern.

Konzept für Landesregierung nie angekommen?

Doch diese Möglichkeit lässt die sächsische Landesregierung nach Kontraste-Recherchen verstreichen: Ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern um den Leiter des Institutes für medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie, Markus Löffler, stellte der Landesregierung demnach ein "Konzept für eine wissenschaftlich begleitende Vorgehensweise zum Monitoring eines kontrolliert geöffneten Schulbetriebs" vor.

Das Ziel der Forscherinnen und Forscher: Corona-Infektionen schnell erkennen, Kontakte nachverfolgen und den Infizierten nach der notwendigen Quarantäne schnell wieder eine Teilnahme am Unterricht zu ermöglichen. Doch die Wissenschaftler erhielten bis heute keine Antwort aus der Landesregierung. Auf Nachfrage teilt das Kultusministerium mit, dass das Konzept nie beim Ministerium eingegangen sei. Doch die Mail von Löffler, unter anderem adressiert an Kultusminister Piwarz persönlich, liegt Kontraste vor.

Forscher widersprechen

Auf die Frage, ob überhaupt das Infektionsgeschehen im Zusammenhang mit der Öffnung der Grundschulen wissenschaftlich begleitet werde, verweist das sächsische Kultusministerium auf zwei Forscher aus Leipzig und Dresden, die im vergangenen Jahr im Auftrag der Landesregierung zu diesem Thema Untersuchungen an sächsischen Grundschulen durchgeführt hätten. Diese Untersuchungen würden jetzt fortgeführt, antwortet das sächsische Kultusministerium. Doch auf Anfrage von Kontraste widerspricht der Leipziger Forscher, ebenso folgt ein Dementi von der TU Dresden: Zwar liefen weitere Untersuchungen zur Auswirkung der Corona-Pandemie auf Kinder und Jugendliche. Die Beobachtung des Infektionsgeschehens an Grundschulen werde jedoch aktuell nicht fortgesetzt.

Eine wissenschaftliche Begleitung der Grundschulöffnung findet demnach entgegen der Aussagen des sächsischen Kultusministeriums nicht statt.

Keine Treiber der Pandemie, aber auch nicht unbedeutend

Interessant dabei ist, dass Kultusminister Piwarz offenbar noch von veralteten wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgeht. So sagte er am 9. Februar in einem Radiointerview, dass "gerade die ganz kleinen Kinder nicht das Problem" seien, wenn es um die Weitergabe des Virus geht. Erst ab einem Alter von ungefähr zwölf Jahren werde es dann problematischer, so der Kultusminister.

Dabei sind die Erkenntnisse der Wissenschaft längst weiter. Die Virologin Dr. Corinna Pietsch von der Universität Leipzig erinnerte daran, dass die ersten Studien zum Thema Schulen in einer Zeit durchgeführt wurden, als es insgesamt nur wenige Corona-Fälle in der Bevölkerung gab. Deshalb seien auch an Schulen nur wenige Infektionen gefunden worden. Daraus sei der falsche Schluss gezogen worden, dass es an Schulen keine Infektionen gäbe. Dabei seien Kinder zwar weniger symptomatisch, aber genauso Überträger des Coronavirus wie auch Erwachsene.

Das Robert Koch-Institut kommt in einer Analyse von Meldedaten und Studien zu dem Schluss, dass Schülerinnen und Schüler "eher nicht als 'Motor' eine größere Rolle spielen", aber dass es auch bei ihnen zu Übertragungen komme und Ausbrüche verhindert werden müssten. 

Zwar seien Kinder keine "Treiber der Pandemie", erklärte auch Christian Drosten vor wenigen Wochen in seinem Podcast, sie seien aber auch nicht unbedeutend. Jede Gruppe, und damit auch Schulkinder, trägt laut Drosten zur Pandemie bei.

Die Hoffnung auf sinkende Inzidenzen hat heute erste Risse bekommen: Im Vogtlandkreis ist die Inzidenz von 104 am Tag der Grundschulöffnung auf mittlerweile 170,8 angestiegen. Infektionen bei insgesamt 18 Schülern und sechs Lehrkräften sind dort mittlerweile bekannt. Der Landrat des Vogtlandkreises und Kultusminister Piwarz haben deshalb beschlossen, dort die Grund- und Förderschulen sowie die Kindertagesstätten wieder zu schließen, um das Infektionsgeschehen im Landkreis zu begrenzen. Auch in diesem Zusammenhang sprach Piwarz davon, dass die Zahl der Infektionen an Schulen unauffällig gering sei.

Über dieses Thema berichtete das Erste in Kontraste am 25. Februar 2021 um 21:45 Uhr.

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