Schüler betreten eine Schule mit Hinweisschild auf die Corona-Regeln an der Tür. | Bildquelle: dpa

Schule während Corona-Pandemie Länder setzen RKI-Empfehlungen nicht um

Stand: 19.10.2020 19:02 Uhr

Das Robert Koch-Institut empfiehlt, ab einem bestimmten Grenzwert Schulklassen zu teilen und die Maskenpflicht massiv auszuweiten. Die Länder setzen diese Maßnahmen allerdings kaum um.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de und Andrej Reisin, NDR

Welche Rolle spielen Schulen bei der Corona-Pandemie? Diese Frage ist weiterhin nicht eindeutig geklärt. In verschiedenen Staaten werden steigende Infektionszahlen mit der Wiedereröffnung von Schulen in Zusammenhang gebracht. In Deutschland legte Familienministerin Franziska Giffey eine Studie vor, die das Gegenteil beweisen sollte.

Doch das Robert Koch-Institut will keine Entwarnung geben: "Ausbrüche in Schulen werden nach Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen in zunehmendem Ausmaß beobachtet", schreibt das Institut in einem Papier mit Empfehlungen, das zuletzt am 12. Oktober aktualisiert wurde. Zwar könnten diese Ausbrüche "bislang gut kontrolliert werden", doch das "Ausmaß einer Übertragung innerhalb der Schulen und von den Schulen in die Familien/Haushalte ist weitgehend unklar und Gegenstand der Forschung". Zwar seien Schülerinnen und Schüler nicht "Treiber" der Pandemie, aber "prinzipiell empfänglich für eine Infektion mit SARS-CoV-2 und können andere infizieren".

Klassen sollen geteilt werden

Zudem empfiehlt das RKI, ab einem Wert von 35 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes auch im Unterricht. Und ab einem Wert von 50 sollten die Klassen geteilt und zeitversetzt unterrichtet werden, damit ein Mindestabstand von 1,5 Metern gewährleistet bleibt.

Diese Empfehlungen setzen die meisten Länder nicht um. Zwar haben einige Länder die Maskenpflicht erweitert - Hamburg auf die Berufsschulen und Oberstufe, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein auf alle ab Klassenstufe fünf. Doch eine Teilung der Klassen wird derzeit nicht vorgenommen - auch nicht, wenn der Grenzwert von 50 überschritten wurde.

Deutlich über dem Grenzwert

Zuletzt hat Hamburg den Grenzwert von mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb von sieben Tagen gerissen. Zuvor lagen bereits zahlreiche Großstädte, aber auch Landkreise teilweise um mehr als das Fünffache über diesem Wert. So liegt der Landkreis Berchtesgadener Land bei über 250 Fällen pro 100.000 Einwohner, Berlin-Neukölln bei 193 und der Landkreis Cloppenburg bei 150.

Laut RKI liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in ganz Deutschland derzeit bei gut 45 Fällen. Mehrere Bundesländer liegen zum Teil deutlich über dem Schnitt: Baden-Württemberg und Bayern nur knapp - bei 46 bzw. 47 Neuinfektionen, Berlin meldet hingegen 88, Bremen 75, Hessen 58, NRW 55, das Saarland 67. Dennoch werden die RKI-Empfehlungen nicht umgesetzt.

Der Sprecher der Hamburger Schulbehörde sagte dazu auf Anfrage von tagesschau.de, man habe keine Hinweise auf ein nennenswertes Infektionsgeschehen an Schulen. Infektionen fänden in der Freizeit statt, nicht in der Schule. Daher sehe man keine Veranlassung für weitergehende Maßnahmen. Allerdings schloss man diese explizit nicht aus, sollten die Zahlen weiter stark steigen.

Eigener Stufenplan für Berlin

Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie verwies auf Anfrage von tagesschau.de auf einen Corona-Stufenplan für die Schulen der Hauptstadt. Er solle Handlungssicherheit geben und diene "als Grundlage für ein berlinweit abgestimmtes Vorgehen". Die Schulen und Behörden sollten die Entscheidungen differenziert nach der Lage im jeweiligen Bezirk bzw. in der Stadt fällen. Klare Grenzwerte finden sich allerdings nicht, ein Aufteilen der Klassen und eine Maskenpflicht im Unterricht, wie vom RKI für die derzeitige Lage in Berlin längst empfohlen, wird zwar als letzte Option erwähnt, allerdings erst bei einem hohen Infektionsgeschehen in der Stadt sowie an der Schule selbst.

Auf die Nachfrage, warum sich Berlin nicht an den RKI-Empfehlungen orientiere, antwortete die Sprecherin der Senatsverwaltung, Berlin habe "sich in Abstimmung mit Fachleuten aus den Bereichen Wissenschaft, Medizin und Schule für dieses differenzierte Vorgehen entschieden".

In Bremen, wo die Grenzwerte von 35 bzw. 50 Neuinfektionen bereits deutlich überschritten wurden, beschloss der Senat eine Maskenpflicht für die Oberstufe sowie weitere Maßnahmen. Eine Aufteilung der Klassen gehört aber vorerst nicht dazu.

NRW verwies auf Anfrage von tagesschau.de darauf, dass weitere Maßnahmen kontinuierlich geprüft würden. Für das begonnene Schuljahr gelte "der Grundsatz, dass der Unterricht in Präsenzform den Regelfall darstellt. Darauf haben sich alle am Schulleben Beteiligten und alle Bundesländer verständigt".

"Länder machen, was sie wollen"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert das Vorgehen der Länder, diese verharrten in Unverbindlichkeiten. "Die Länder machen, was sie wollen, es gibt kein einheitliches und verbindliches Agieren. Das führt an den Schulen zu Verunsicherung und uneinheitlichen Lösungen", sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe.

GEW-Vertreterinnen forderten Präsenzunterricht in kleineren Gruppen, auch um solche Kinder besser fördern zu können, die in der Corona-Krise zu kurz gekommen seien. Dafür müssten beispielsweise Klassen geteilt werden - während ein Teil Unterricht habe, solle der Rest in der Schule betreut werden.

Die Länder hatten sich in der vergangenen Woche darauf geeinigt, die Schulen so lange wie möglich offen zu halten. Um das Risiko von Infektionen zu verringern, soll möglichst viel gelüftet werden - alle 20 Minuten für mehrere Minuten. Einhellig sprachen sich die zuständigen Ministerinnen und Minister gegen einen Vorschlag der CDU aus, die Weihnachtsferien zu verlängern.

"Illusion eines Normalbetriebs"

Der Fachjournalist Andrej Priboschek, Herausgeber des Online-Magazins "News4Teachers" und lange Jahre Referent und Sprecher im nordrhein-westfälischen Bildungsministerium, kritisiert das Lüften als praxisfern. Das werde man spätestens sehen, wenn "Wind und Regen die Unterrichtsmaterialien durch den Raum wirbeln". Er meint, die Sommermonate seien vergangen, ohne dass die Kultusminister sinnvolle Maßnahmen getroffen hätten: "Es gibt die Illusion eines Normalbetriebs, aber keinen Plan B." Eine Expertenanhörung zum Lüften habe beispielsweise erst im September stattgefunden. Die Anschaffung von Luftfiltern werde nicht erwogen - obwohl Studien deren Nutzen belegten.

Priboschek hat bereits über die nicht umgesetzten RKI-Empfehlungen berichtet. Er verweist auf die Zahl von elf Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland, "die gewissermaßen jeden Tag eine Großveranstaltung besuchen - und von denen zumindest die älteren laut Christian Drosten ähnlich infektiös sind wie Erwachsene. Zudem betonte Priboschek, es gebe durchaus Indizien, dass Schulen doch eine Rolle beim Infektionsgeschehen spielten. So sollen laut "Rheinischer Post" in NRW in elf Prozent der nachvollziehbaren Infektionsketten Schulen der Ursprung gewesen sein.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. Oktober 2020 um 18:15 Uhr.

Patrick Gensing Logo tagesschau.de

Patrick Gensing, tagesschau.de

@PatrickGensing bei Twitter

Andrej Reisin, NDR Logo NDR

Andrej Reisin, NDR

@Andrejnalin77 bei Twitter
Darstellung: