Landarbeit in der Colonia Dignidad | Bildquelle: dpa

"Colonia Dignidad" 5000 Euro für Jahrzehnte Zwangsarbeit?

Stand: 07.05.2019 03:39 Uhr

Überlebende Opfer der "Colonia Dignidad" in Chile warten noch immer auf Hilfsleistungen. Laut dem SWR vorliegenden Unterlagen sollen sie nun 5000 Euro erhalten - mehr eine Geste als eine wirkliche Entschädigung.

Von Alexander Bühler, SWR

Die Bundesregierung will endlich einen Schlussstrich unter die Causa "Colonia Dignidad" ziehen. Am 13. Mai soll eine gemeinsame Kommission aus Bundestag und Bundesregierung eine Entscheidung darüber fällen, wie die rund 180 Überlebenden faktisch entschädigt werden.

Einige von ihnen haben jahrzehntelang in der "Colonia Dignidad" gearbeitet, ohne dafür irgendeine Entlohnung zu erhalten. Die Siedlung wurde von dem deutschen evangelikalen Prediger Paul Schäfer gegründet, der seine Anhänger in den frühen 1960er-Jahren - teilweise unter Zwang - dazu brachte, mit ihm nach Chile auszuwandern. Seit zwei Jahren versucht nun eine gemeinsame Kommission aus Bundestagsmitgliedern und der Bundesregierung eine Einigung zu finden, um die Opfer der "Colonia Dignidad" besserzustellen.

"Colonia Dignidad"
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In der Sektensiedlung verrichteten die Menschen ohne Lohnzahlungen Zwangsarbeit.

Eine "Geste" für die Opfer

Nur offiziell "entschädigen" will keiner. Denn das würde einen Anspruch anerkennen. So einen Präzedenzfall wollen weder Abgeordnete noch Regierung schaffen. Denn schließlich könnten Deutschland sonst noch Ansprüche durch die Opferverbände der namibischen Herero oder anderer ins Haus stehen.

Also geht es um eine "Geste". Laut dem vertraulichen Sitzungsprotokoll vom 22. März 2019, das dem SWR vorliegt, soll aus einem Gesamtfonds jeder Betroffene einmalig circa 5000 Euro erhalten. Darauf angesprochen findet ein Abgeordneter: "Das reicht bei weitem nicht!" Um diesen Minimalkompromiss nicht zu gefährden, möchte er jedoch seinen Namen nicht nennen.

Härtefallregelung ohne viel Bürokratie gefordert

Paul Schäfer, der Gründer der Colonia Dignidad, im Jahr 2005 | Bildquelle: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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Schäfer brachte seine Anhänger teils unter Zwang dazu, ihm nach Südamerika zu folgen.

Zusätzlich soll es eine Härtefallregelung für die Opfer geben. Denn schließlich sind sie mittellos - Lohn haben sie nie erhalten. Auch in Sozialkassen hat Sektenführer Schäfer nie eingezahlt.

Sollte eines der Opfer - oder dessen Angehörige - chronisch krank werden, ist die Einmalzahlung von 5000 Euro schnell verbraucht. Daher sieht der Bundestagsabgeordnete die Organisation der Härtefallregelung kritisch, die laut Kommissionsprotokoll von der internationalen Organisation IOM durchgeführt werden soll.

"Es muss eine schlanke Härtefallregelung geben, die Bürokratisierung verhindert", sagt er. "Und sie darf nicht gedeckelt werden, denn das würde ja dem Gedanken der Härtefallregelung entgegenstehen."

Finanzbedarf soll eingedämmt werden

Doch genau das könnte den vorliegenden Unterlagen nach geschehen. Geben solle es "formal keine bedarfsunabhängige Zahlung, aber maximale Verfahrenserleichterung, so dass Opfer sie letztlich als bedarfsunabhängig wahrnehmen könnten" - so skizziert den Unterlagen zufolge das Bundeskanzleramt seinen Lösungsansatz.

Auch das Auswärtige Amt will diesen Dokumenten zufolge den Finanzbedarf eindämmen: Es sei wichtig, dass auch der Härtefallfonds in diesen Rahmen passe. Im Konzept der Bundesregierung ist demnach ein Sockelbetrag vorgesehen, der um einen Betrag für einen konkreten Verwendungszweck ergänzt werden soll. Entsprechend sollen dafür Antragsformulare und Definitionen für Bedarfe geschaffen werden. Zum Beispiel für Operationen oder Therapien, die die gesundheitlichen Folgen der Zwangsarbeit abdecken.

Offensichtlich will die Bundesregierung nicht für die Verfehlungen ihrer Vorgänger gerade stehen, die das Thema lange erfolgreich ignorierten. Doch mittlerweile sind viele mittellose Opfer in einem Alter, das sie anfällig für Folgekrankheiten aus der Zwangsarbeit in der "Colonia Dignidad" werden lässt. So steigt der Finanzbedarf - und damit auch der Druck auf die Abgeordneten, zu einer Einigung zu kommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. April 2019 um 19:42 Uhr.

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