Wirecard und Ibiza-Affäre Der schillernde Zeuge H.

Stand: 05.03.2021 04:02 Uhr

Gibt es eine Verbindung zwischen Wirecard und dem Ibiza-Video? Dazu sagt vor dem Wirecard-Ausschuss der Zeuge H. aus, der am Video beteiligt gewesen sein soll. Doch ob er die Erwartungen erfüllt, ist fragwürdig.

Marilina Görz y Moratalla und Jan-Philipp Hein, SWR

Der Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages ist um einen prominenten Zeugen reicher: Julian H. Er gilt als "Regisseur" des Ibiza-Videos, das im Frühsommer 2019 zum Sturz der österreichischen Regierung aus ÖVP und FPÖ um den damaligen Bundeskanzler Sebastian Kurz führte.

Seit Dezember 2020 sitzt er in Auslieferungshaft. Offenbar soll er Kenntnisse über mögliche Verflechtungen zwischen dem Wirecard-Skandal und der Ibiza-Affäre haben. Experten und österreichische Politiker bezweifeln allerdings, dass Julian H. einen wirklichen Beitrag zur Aufklärung leisten kann.

Weit hat es Julian H. nicht. Die Justizvollzugsanstalt in Berlin-Moabit, wo der Auslieferungshäftling seit dem 10. Dezember einsitzt, ist nur rund 1000 Meter Luftlinie vom Bundestag entfernt. In Moabit wartet der 40-Jährige auf seine Überstellung nach Österreich. Die dortige Justiz sucht ihn wegen mutmaßlicher Erpressung des Ex-Vizekanzlers Heinz-Christian Strache und wegen Drogendelikten - Vorwürfe, die sein Anwalt für "konstruiert" hält. Dennoch bestätigte das Berliner Kammergericht vor wenigen Tagen die Rechtmäßigkeit einer Auslieferung Hs.

Julian H. sieht sich als Whistleblower

Davor jedoch der Auftritt im Wirecard-Ausschuss: Um 9 Uhr am Freitagmorgen soll H.s Befragung beginnen. Große Publicity ist ihm schon seit Tagen sicher. Bereits am Dienstag hatten viele Journalisten aus Österreich an Hintergrundgesprächen teilgenommen. Die Hoffnungen, dass der Privatdetektiv Julian H. über neue Erkenntnisse verfügt, sind in Deutschland wie auch in Österreich groß, seitdem der Untersuchungsausschuss am vergangen Donnerstag bekanntgeben hat, Julian H. vorladen zu wollen.

Doch Experten dämpfen die Erwartungen. So erklärt der österreichische Historiker und Geheimdienstexperte Thomas Riegler, der sich schon lange mit dem Wirecardskandal und der Ibiza-Affäre beschäftigt: "Natürlich wäre es sehr interessant, über mögliche Verbindungen zwischen der Wirecard- und Ibiza-Affäre zu erfahren. Aber J. H. hat zuletzt alles versucht, einer Auslieferung nach Österreich zu entgehen. Der Auftritt vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss verschafft ihm Zeit und auch eine Bühne, um seine Version der Ereignisse zu präsentieren. Er sieht sich ja selbst als Whistleblower."

Was will Julian H. im Wirecard-Ausschuss aussagen?

In einem Papier, das dem SWR vorliegt, hat der Ermittlungsbeauftragte des Wirecard-Ausschusses für dessen Mitglieder zusammengefasst, was ihm H. über angebliche Verbindungen zwischen Wirecard, dem Ibiza-Video und der österreichischen Politik gesagt haben soll. Darin wird etwa eine Privatdetektei in Wien erwähnt, die für Wirecard "gegen Kritiker und Konkurrenten" unter anderem in London arbeitete.

Dieselbe Detektei soll angeblich auch im Auftrag des österreichischen Ex-Viezekanzlers Strache die Hintergründe des Ibiza-Videos recherchiert haben. Beides war in österreichischen Medien und Onlinediensten zu lesen. Einen Beleg dafür, dass Wirecard und Ibiza zusammenhängen, gibt es jedoch bislang offenbar nicht. Auch eine Vielzahl der weiteren Komplexe, die H. dem Ausschuss präsentieren will, sind bekannt und belegen auf den ersten Blick keine Verbindung der beiden Affären.

So heißt es aus Expertenkreisen, Julian H.s Darstellungen wirkten wie eine Mischung aus Andeutungen bereits offener Quellen und Anreicherungen aus Gesprächen, die H. führte. Auffällig sei zudem, dass H. selbst offenbar nie mit Wirecard zu tun gehabt habe.

Informationen eines anderes Zeugen

Woher hat H. also seine angeblich so brisanten Informationen? Einer, der nach eigener Aussage vergangenes Jahr mit Julian H. in Kontakt stand, trat bereits im November vor dem Untersuchungsausschuss auf: Der Migrationsexperte Kilian Kleinschmidt. Er sollte vor drei Jahren für den gesuchten Wirecard-Vorstand Jan Marsalek ein Flüchtlingsprojekt in Libyen konzipieren.

Kleinschmidt habe H. erzählt, dass Marsalek nur Interesse am Aufbau einer Miliz gehabt habe und dass der österreichische Unternehmer Martin Schlaff ihn zuvor auf ein Flüchtlingsprojekt in Ägypten angesprochen hätte. Beides will H. dem Ausschuss erzählen. Kleinschmidt: "Julian H. wollte investigativ Informationen sammeln. Dass ich jetzt im Untersuchungsausschuss Thema sein werde, war nicht abgesprochen."

Nach Kleinschmidts Erinnerung habe H. weder Kontakte zu Marsalek gehabt, noch habe er sonst spektakuläre Begegnungen geschildert, die mit Wirecard in Verbindung stünden. Bislang äußerte sich H.s Strafverteidiger zur Anfrage des SWR nicht, inwieweit mögliche Kontakte zwischen Julian H. und dem gesuchten Wirecard-Vorstand existierten.

"Julian H. ist nicht der klassische Zeuge"

Dem SWR sagte Sonderermittler Wolfgang Wieland über H: "Er ist vielleicht nicht der klassische Zeuge, aber man muss nehmen, was man hat." Denn andere Österreicher könne der Ausschuss nicht nach Berlin zwingen. Wieland traf den mutmaßlichen "Regisseur" des Ibiza-Videos nach eigenen Angaben zweimal in der Justizvollzugsanstalt in Berlin. Julian H. sei über seinen Anwalt an ihn herangetreten.

Mit großer Skepsis sieht auch der österreichischen Grünen-Politiker David Stögmüller die Befragung von Julian H.: Selbstverständlich gebe es Beweise für die Verstrickungen zwischen Österreich und Wirecard, aber keinen Beleg für eine Verbindung zwischen Jan Marsalek und Julian H. Daher fehle ihm die Fantasie, in welche Richtung die Befragung gehen soll.

Auch aus anderen Kreisen des Ibiza-Ausschusses in Österreich kommt Kritik an der Vorladung. So gehe man davon aus, dass sich Julian H. zum Helden stilisieren werde und befürchtet, dass die Vorladung des mutmaßlichen Drahtziehers der Ibiza-Affäre dem Wirercard-Ausschuss eher schade als nutze.

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