Ein Mann betrachtet Bilder auf einem Bildschirm | Bildquelle: ARD-aktuell / Weiss

Kriminalstatistik des BKA Immer mehr Fälle von Kinderpornografie  

Stand: 23.03.2020 18:06 Uhr

Das BKA warnt, dass deutlich mehr kinderpornografisches Material verbreitet wird. Immer öfter sind dafür Jugendliche verantwortlich. Die Ermittler bekommen aber zunehmend Hinweise.

Von Florian Flade, WDR

Das Video nennen die Ermittler "das Steinbruch-Video". Es zeigt die Vergewaltigung eines etwa zehn Jahre alten Jungen durch zwei Jugendliche. Aufgenommen wurde die Tat in einem Steinbruch, vermutlich irgendwo in Afghanistan. In Deutschland ist das Video bereits unzählige Male aufgetaucht. Die Polizei stellte es im vergangenen Jahr etwa auf Handys von Jugendlichen sicher. Sie sollen die Aufnahme verbreitet haben - über WhatsApp, auch auf dem Schulhof.

Es ist ein Phänomen, mit dem Polizisten und Staatsanwälte hierzulande immer häufiger konfrontiert werden: Jugendliche und Kinder, die kinderpornographisches Material besitzen, über soziale Netzwerke oder Chatprogramme auf dem Handy verbreiten oder sogar selbst erstellen. 

Rasanter Anstieg im Jahr 2019

"Wir stellen seit zwei bis drei Jahren fest, dass vermehrt auch Jugendliche kinderpornographisches Material teilen, etwa über WhatsApp", sagt Julia Bussweiler, Staatsanwältin bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Einer Einheit, die federführend Verfahren im Bereich der Kinderpornografie in Deutschland bearbeitet und führt. 

Am Dienstag wird die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2019 vorgestellt. Die gute Nachricht ist: In fast allen Bereichen - Wohnungseinbruch oder Diebstahl - geht die Kriminalität in Deutschland zurück. In einem Bereich aber steigen die Zahlen nach Informationen des WDR rasant an: "Verbreitung, Erwerb, Besitz oder Herstellung von kinderpornographischen Schriften".

Laut Bundeskriminalamt (BKA) gab es demnach im Jahr 2019 in diesem Bereich rund 12.300 Verstöße, im Vorjahr waren es noch rund 7.450 Fälle. Ein Anstieg von fast 65 Prozent. Insgesamt konnten rund 12.000 Tatverdächtige ermittelt werden - davon fast 10.000 deutsche Staatsbürger.

60.000 Hinweise aus den USA

Als Grund für die Zunahme der Kinderpornofälle nennen Ermittler insbesondere die vielen Hinweise auf Besitzer oder Verbreiter solchen Materials, die aus den USA an deutsche Behörden übermittelt werden. Die US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation National Centre for Missing and Exploited Children (NCMEC) meldet in Zusammenarbeit mit großen Internetanbietern, sozialen Netzwerken und anderen Dienstleistern wie Google, Facebook oder Microsoft nahezu täglich kinderpornografische Dateien, die etwa über Computer in Deutschland hochgeladen oder verschickt werden. 

Alleine im vergangenen Jahr soll das Bundeskriminalamt (BKA) über das NCMEC-Meldesystem rund 60.000 Hinweise bekommen haben, im Jahr 2017 waren es noch rund 35.000 Hinweise. Im BKA werden diese Meldungen zunächst gesichtet und dann aufgrund der regionalen Zuständigkeit meist an die Landespolizeien und Staatsanwaltschaften in den jeweiligen Bundesländern weitergeleitet.

"Wir rechnen damit, dass wir auch in diesem Jahr wieder mehr Meldungen aus den USA bekommen werden", sagt Staatsanwältin Julia Bussweiler. Die steigende Zahl der Hinweise aus den USA könne unterschiedliche Gründe haben. "Es könnte durchaus sein, dass das Dunkelfeld immer weiter aufgehellt wird."

Lange Haftstrafen gegen deutsche Plattform-Betreiber

In den vergangenen Jahren gelang es deutschen Ermittlern immer wieder, Plattformen für Kinderpornografie, darunter auch Foren im sogenannten Darknet, abzuschalten und deren Betreiber zu identifizieren und vor Gericht zu stellen. So verurteilte das Landgericht Limburg im März 2019 vier Deutsche zu langen Haftstrafen von bis zu zehn Jahren. Sie hatten die Kinderporno-Plattform "Elysium" betrieben, die bis zu ihrer Abschaltung im Juni 2017 mehr als 11.000 Nutzer aus aller Welt gehabt haben soll.

Eher ungewöhnlich waren die Durchsuchungen, die am 23. Oktober 2019 in elf Bundesländern stattfanden. Diesmal waren die Tatverdächtigen zwischen 14 und 21 Jahre alt. Sie sollen kinderpornografische Videos - darunter das "Steinbruch-Video" über Handychats geteilt haben. Ein Trend, der laut Staatsanwältin Bussweiler weiter anhält. 

Ermittler dürfen sich als Kind ausgeben

Oft seien es immer wieder dieselben Aufnahmen, die teilweise auf den Schulhof kursierten. "Nach unseren bisherigen Erkenntnissen gehen wir davon aus, dass oft kein pädophiler Aspekt dahinter steckt. Die Jugendlichen teilen die Videos oder Fotos ziemlich unbedarft und sorglos mit anderen. Ein Klick und weg", sagt Bussweiler. "Wir wollen klar machen, dass dies strafbare Handlungen sind. Und dass solches Material nicht einfach gedankenlos weiterverbreitet werden darf."

Um die Ermittlungen gegen die Besitzer und Verbreiter von Kinderpornografie effektiver bekämpfen zu können, wurden jüngst einige Gesetzesänderungen vorgenommen. So ist es den Ermittlern seit dem 13. März beispielsweise erlaubt, sich in einschlägigen Foren als Kind auszugeben oder auch kinderpornografisches Material künstlich zu erzeugen, um es zum Tausch oder als "Eintrittskarte" in geschlossene Foren anzubieten. Geplant ist zudem die zuständigen Referate im BKA personell zu verstärken, um die Vielzahl der Hinweise und Ermittlungsverfahren bearbeiten zu können. 

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