Ein Mann mit Maske steigt aus einer U-Bahn | Bildquelle: dpa

Beratungsstellen warnen Corona-bedingte Diskriminierung nimmt zu

Stand: 21.05.2020 18:00 Uhr

Seit Beginn der Corona-Krise gibt es Berichte über Anfeindungen von asiatisch aussehenden Bürgern. Laut Opferberatungsstellen häufen sich inzwischen Beschwerden über Diskriminierung - auch von Menschen mit Behinderung.

Von Lena Kampf, WDR

Diskrimierung im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nimmt weiter zu. Seit Januar melden sich immer mehr Betroffene bei Opferberatungsstellen, weil sie sich im Zusammenhang mit Corona-Maßnahmen benachteiligt fühlen oder rassistische Beleidigungen mit Corona-Bezug erleben mussten. 

Allein die Anti-Diskrimierungsstelle des Bundes (ADS) verzeichnete bis Mitte Mai 200 Beratungsanfragen mit explizitem Corona-Bezug. Während dabei im Februar und März Meldungen über rassistische Übergriffe, Beleidigungen oder Ausschluss von Menschen aufgrund ihrer als asiatisch wahrgenommen Herkunft dominierten, mehrten sich im April die Beratungsanfragen von Menschen mit Behinderung. 

Diskriminierung von asiatisch aussehenden Menschen

Menschen, die oft als asiatisch angesehen werden, berichteten den Beratungsstellen, dass sie beschimpft, angespuckt und angehustet oder mit Desinfektionsspray besprüht worden seien. Beleidigungen bezogen sich größtenteils darauf, dass ihnen eine Schuld an der Verbreitung des Virus zugeschrieben wurde - etwa "da kommt das Virus", oder "hallo Corona", sowie künstliches Husten. In Leipzig wurde die Fensterscheibe eines asiatischen Restaurants mit einem Hakenkreuz und in Hamburg die Gedenktafel eines chinesischen NS-Opfers beschmiert.

Außerdem gibt es viele Berichte darüber, dass Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht neben als asiatisch angesehenen Personen sitzen wollten, sich Schals oder Tücher vor die Gesichter zogen, oder Sitzplätze mit Taschen blockierten. Die ADS berät darüber hinaus mehrere Personen, denen aufgrund ihres asiatischen Aussehens der Zugang zu Arztpraxen oder Supermärkten verwehrt wurde, obwohl sie weder vor Kurzem in China waren, noch Symptome einer Covid-19-Infektion zeigten. Auch eine Absage auf eine Wohnungsbewerbung wurde damit begründet, man wolle jetzt keine Chinesen im Haus haben.

Auch Menschen mit Behinderungen betroffen

Die von Menschen mit Behinderung gemeldeten Fälle ergeben sich meist aus der Maskenpflicht, zum Beispiel dass Menschen mit Behinderung, die aus medizinischen Gründen keine Maske tragen können oder dürfen, vor Supermärkten oder öffentlichen Verkehrsmitteln abgewiesen werden. Dabei erlauben die jeweiligen Länderverordnungen Ausnahmen, diese sind aber Sicherheitsleuten oder anderem Personal offenbar oft nicht bekannt. Des Weiteren gibt es Anfragen von gehörlosen Menschen, die jetzt immer häufiger wegen der Masken keine Lippen mehr lesen können.

Auch der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG), der eine interne Dokumentation über Rassismus mit explizitem Corona-Bezug erstellt und dabei auch Polizeimeldungen, Presseberichte und Social-Media einbezieht, zählt zum Teil mehrere Hinweise an einem Tag.

Berater befürchten weitere Eskalation

"Deutlich wird, dass die Vorfälle mit zunehmender Dauer der Pandemie gewalttätiger werden", sagt Robert Kusche, VBRG-Vorstand und Geschäftsführer der Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie in Sachsen. Die Beratungsstellen befürchten eine hohe Dunkelziffer - und eine Verschärfung von Übergriffen zum Beispiel durch den sich radikalisierenden Protest gegen Corona-Maßnahmen auf den Straßen oder wenn es zu einer zweiten Welle mit hohen Infektionszahlen kommen sollte. 

Nur wenige rassistische Übergriffe wurden in den vergangenen Wochen auch zur Anzeige gebracht. In Berlin ermittelt das Landeskriminalamt wegen gefährlicher Körperverletzung und rassistischer Beleidigung zum Nachteil eines koreanisches Ehepaares, das Ende April in der Berliner U-Bahn von einer Gruppe beleidigt und angegriffen worden war. Es ist eines von sechs Beleidigungsdelikten mit Corona-Bezug in Berlin.

Koreanische Reisewarnung für Deutschland

Die Botschaft Südkoreas nimmt die Fälle so ernst, dass sie ihre Landsleute auf der Homepage ausdrücklich vor möglichen Attacken in Deutschland warnt. Auch sprach die koreanische First Lady ihre Sorgen in einem Telefonat mit der Frau des deutschen Bundespräsidenten an. 

Auf Anfrage von WDR und "Süddeutscher Zeitung" nach entsprechenden Fällen antworteten Landeskriminalämter, entsprechende Zahlen noch nicht statistisch auswerten zu können. Das LKA Bremen ermittelt in vier Übergriffen mit explizitem Corona-Bezug. Dem Bundeskriminalamt wurden seit Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland "in Einzelfällen rassistisch motivierte Körperverletzungsdelikte bzw. Beleidigungen im Kontext Corona gegen Bürger mit asiatischer Herkunft beziehungsweise äußerem Erscheinungsbild bekannt". 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Mai 2020 um 18:14 Uhr.

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