Erosion am Strand von Tamil Nadu

Illegaler Abbau in Indien Tödlicher Sand

Stand: 20.06.2019 19:05 Uhr

In Indien werden Journalisten massiv bedroht, wenn sie zu Umweltproblemen beim Sanddabbau recherchieren. Auch deutsche Firmen haben den wichtigen Rohstoff aus dem Land bezogen.

 Von Lena Kampf und Andreas Spinrath, WDR

Das letzte Video, das der Journalist Jagendra Singh auf seiner Facebook-Seite postet, streamt er am 1. Juni 2015 aus dem Krankenhaus in Shahjahanpur, im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Er liegt auf einer Trage, hat Verbrennungen am ganzen Körper und kann nicht mehr in die Kamera blicken. "Die Arschlöcher haben mich mit Benzin übergossen. Sie hätten mich doch verhaften können. Warum wollten sie mich töten?", sagt er unter Schmerzen. Eine Woche später stirbt er an seinen Verletzungen. Er wurde nur 46 Jahre alt.

Bis heute ist sein Tod nicht aufgeklärt. Singhs Tochter sagt, er sei angegriffen und angezündet worden, weil man ihn mundtot machen wollte. Die indische Polizei hingegen spricht von Selbstmord.

Sandabbau Indien
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Die Journalistin Sandhya Ravishankar wurde aufgrund ihrer Recherchen zur Sandmafia bedroht.

Minister soll hinter Machenschaften stehen

Singh hatte sich durch seine Berichterstattung mit dem Sozialminister des Bundesstaats Uttar Pradesh angelegt. Laut Singh verantwortete dieser illegalen Sandabbau in der Provinz. Singh hatte Fotos von einem illegalen Abbaugebiet am Fluß Garra gemacht, wo Männer mit Baggern tiefe Löcher in die Sandbänke gruben. Die Polizei beschuldigte er, bestochen worden zu sein. Deswegen schaue sie nicht hin, behauptete er.

Wochen vor seinem Tod wurde er bereits einmal überfallen, ihm wird der Knöchel gebrochen. Der Minister und die Polizei sagen bis heute, dass die Vorwürfe in Singhs Berichterstattung falsch sind und sie versichern, nichts mit dem Tod des Journalisten zu tun zu haben.

alt Das Recherche-Projekt Green Blood | Bildquelle: Getty Images

Forbidden Stories - Green Blood Projekt

Ziel der "Forbidden Stories" ist es, die Arbeit von ermordeten, bedrohten oder inhaftierten Journalisten fortzusetzen. Nach dem "Daphne-Project" widmet sich das "Green Blood-Project" jetzt schweren Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen durch Bergbau - und den Bedrohungen von Journalisten, die dazu recherchieren.

Seit 2009 sind laut einer Studie vom "Committee to Protect Journalists" (CPJ) mindestens 13 Journalisten getötet worden, die zu Umweltthemen recherchiert haben. Dazu kommen 16 weitere Todesfälle, die bislang nicht aufgeklärt wurden. Reporter von "Forbidden Stories" haben auf drei Kontinenten die Recherchen von bedrohten und getöteten Journalisten fortgeführt. An dem Projekt beteiligt sind unter anderem WDR, "Süddeutsche Zeitung", "Zeit", "Guardian" und "Le Monde".

Wer Fragen zum Sand stellt, lebt gefährlich

Der Fall Singh wirft auch vier Jahre später noch viele Fragen auf. Fragen, die der Journalistin Sandhya Ravishankar keine Ruhe gelassen haben. Ebenso wie er recherchiert sie zum illegalen Sandabbau, allerdings am südlichen Ende von Indien, mehr als 2000 Kilometer entfernt von Singhs Heimatort.

Auch Ravishankar sagt, dass sie massiv bedroht wird, seitdem sie versucht, die Hintergründe des Geschäfts mit den Mineralien vom Sandstrand in der Provinz Tamil Nadu aufzuklären. Sie sagt, sie habe sich mit der "Sandmafia" angelegt, einer Clique von einflussreichen Geschäftsleuten, die sich ohne Rücksicht auf Verluste am "neuen Gold" bedienen. "Mindestens 85 Prozent von legalem und illegalem Abbau in Tamil Nadu gehen auf eine einzige Firma in zurück", sagt Ravishankar. Diese Firma geht juristisch gegen ihre Berichterstattung vor.

Auf Anfrage sagt die Firma, die Vorwürfe seien falsche Unterstellungen und Teil einer Schmierkampagne eines Konkurrenten. Abbau von Sand betreibe die Firma nur in erlaubten Umfang. Sie sei auch nicht Teil irgendeiner "Sandmafia". Ein Sprecher wirft Ravishankar vor, sie sei von einem Konkurrenten gesteuert.

Weltweit begehrt

Sand ist weltweit der wichtigste Rohstoff für die Baubranche, der vor allem in Beton, aber auch für Sandstrahler verwendet wird, ebenso wie in Kosmetika, Reinigungsmitteln oder der Automobilbranche. Gemessen am Volumen ist Sand heute der zweit meist gehandelte Rohstoff der Welt: Das UN-Umweltprogramm schätzt den jährlichen Umsatz auf 40 bis 50 Milliarden Tonnen - und warnt zugleich vor den Folgen: Erosion, Zerstörung von Lebensraum, verschmutztes Grundwasser und erhöhte Gefahren von Dürren oder Überschwemmungen.

Die wirtschaftliche Entwicklung Indiens treibt den Bedarf der örtlichen Industrie nach Sand und Kies seit Jahren an. "Die Sandmafia gilt derzeit als eine der prominentesten, gewalttätigsten und undurchdringlichsten Gruppen der organisierten Kriminalität in Indien", sagt Aunshul Rege, Professorin an der Fakultät für Strafrecht der Temple University in Philadelphia.

"Schon am ersten Tag der Recherche wurde ich gewarnt, das Thema besser nicht anzufassen", sagt Sandhya Ravishankar. Nach den Verleumdungsklagen gegen ihre Berichterstattung folgten später Bedrohungen am Telefon, erst gegen ihre Familie, dann hieß es, man würde sie vergewaltigen, so erzählt sie es.

Ein Treffen mit einem ihrer Informanten sei gefilmt und später im Internet veröffentlicht worden. Ihre Quellen konnte sie nicht mehr schützen. Die Firma, die Ravishankar verklagt hat, betont, dass sie mit den Drohungen nichts zu tun habe. Das wäre das letzte, was sie machen würden. Sie würden lediglich juristische Schritte gegen die Reporterin unternehmen.

"Forbidden Stories" übernimmt

Als der Druck zu groß wurde, zog Ravishankar mit ihrem Mann an einen anderen Ort. Sie arbeitet jetzt für das Rechercheprojekt "Green Blood" mit der Organsation "Forbidden Stories" zusammen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Recherchen von bedrohten, inhaftierten oder getöteten Journalisten weiterzuführen.

Ravishankars Recherchen haben enthüllt, dass bis zu 837 Millionen Tonnen in Tamil Nadu illegal abgebaut wurden - das geht aus einem vertraulichen Bericht des "Indian Bureau of Mines" hervor, der Ravishankar zugespielt wurde. Die Behörde stellte außerdem Verletzungen der Genehmigungen und Lizenzen fest und fehlende Umweltzertifizierungen. Das heißt, es sollen Sanddünen in eigentlich geschützten Gebieten abgebaut worden sein. Seitdem schwemmt das Wasser aus dem Indischen Ozean über die küstennahen Ebenen.

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Erosion am Strand von Tamil Nadu. Fischer sagen, etwa 300 Menschen hätten in den letzten Jahren ihre Häuser verloren.

Erosion und Süßwasservernichtung

"Forbidden Stories" hat in dem Dorf Kovalam mit Fischern gesprochen, die die Schuld für die Erosion beim Sandabbau sehen: Etwa 300 Menschen hätten in den letzten drei bis vier Jahren ihre Häuser an das Wasser verloren. Aufgrund der fehlenden Sandbarriere vermische sich Süßwasser mit dem Salzwasser des Meeres. "Die Bananenpflanzen haben sich nicht an das Salzwasser gewöhnt und gingen kaputt", sagt ein Bauer aus Kuttam. Er habe das Land verkaufen müssen.

"Die USA und Deutschland beziehen die meisten sogenannten Granatprodukte aus Tamil Nadu", heißt es in den Notizen eines Treffens des Bergbauministeriums. Granat wird vor allem für Sandstrahler oder andere Schleifvorgänge verwendet.

Im Jahr 2013 hatte die lokale Regierung aus ökologischen Gründen ein Verbot für den Sandabbau privater Firmen in Tamil Nadu ausgesprochen. Ein Expertenbericht an das Hohe Gericht in Madras, wo ein Rechtsstreit über das Verbot anhängig ist, zeigt, dass zwischen 2013 und 2016 noch zwei Millionen Tonnen Mineralien exportiert wurden.

Lieferungen auch nach Deutschland

Aus Zollunterlagen des Hafens von Thoothukudi geht hervor, dass bis 2016 auch Mineralien nach Deutschland exportiert wurden - von mehreren Firmen. Im November 2016 setzte die Zollbehörde dann schließlich das Verbot um und blockierte Exporte. Von dieser Blockade - egal ob für legal oder illegal abgebaute Mineralien - waren auch deutsche Firmen betroffen: Die Bundesregierung nennt als Beispiel die Dinslakener Ampeco GmbH.

Der Geschäftsführer von Ampeco wandte sich umgehend an das deutsche Generalkonsulat in Chennai und bat um Hilfe. Der Vizegeneralkonsul schrieb tatsächlich an die indischen Behörden und ein Vertreter der deutschen Botschaft begleitete Ampeco zu einem Treffen mit dem indischen Wirtschaftsministerium und dem Bergbauministerium.

Das geht aus Unterlagen hervor, die "Forbidden Stories" über eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz vom Auswärtigen Amt erhielt. Auf schriftliche Fragen des "Forbidden Stories"-Netzwerks antwortete Ampeco in den vergangenen Wochen nicht. Stattdessen forderten sie in einem Schreiben die Herausgabe sämtlicher gespeicherter Informationen über Ampeco und seinen Geschäftsführer.

Firma sieht keine Schuld bei sich

Weitere Fragen wollte dieser auch telefonisch bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht beantworten. In einer Petition an die indische Regierung beklagte sich Ampeco vehement über die Blockade des Sandexports, die nur aufgrund von Gerüchten über das Fehlverhalten Einzelner zustande gekommen sei.

Das Auswärtige Amt betonte, ihr Einsatz sei kein Lobbying gegen das Exportverbot gewesen. Aspekte der Menschen- und Arbeitnehmerrechte sowie des Umweltschutzes im Rahmen der Außenwirtschaftsförderung würden beachtet und gewahrt.

Nach Tamil Nadu ist Ravishankar aus Angst um ihre Sicherheit bisher nicht zurückgekehrt. "Es gab dort eine Hand voll Journalisten bevor ich anfing, aber sie wurden schikaniert und ihre Familien waren verängstigt und bedroht, deshalb mussten sie sich zurückziehen. Sie hatten keine Wahl", sagt Ravishankar. Gemeinsam mit "Forbidden Stories" will sie weiter über die indische Sandmafia berichten, sagt sie. Auf der Online-Plattform "The Lede". "Aufgeben hätte einfach nicht meiner Natur entsprochen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Juni 2017 um 13:30 Uhr.

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