Der Schriftzug "Wirecard" prangt am Firmensitz des Zahlungsdienstleisters in Aschheim bei München. | Bildquelle: dpa

Chronologie eines Absturzes Die letzten Tage von Wirecard

Stand: 27.11.2020 18:12 Uhr

Der ehemalige Wirecard-Vorstandschef Markus Braun hat bis zuletzt ein mutmaßliches 1,9 Milliarden-Loch als "Missverständnis" bezeichnet und eine Meldung an den Kapitalmarkt damit aufgeschoben. Das zeigen Recherchen von WDR, NDR und SZ.

Von Arne Hell, Lena Kampf und Katja Riedel, WDR

Ex-Wirecard-Vorstand Markus Braun soll die Informationen der Wirtschaftsprüfer im Aufsichtsrat noch bis zuletzt angezweifelt haben, sie hätten wohl "nicht richtig recherchiert". Eine Ad-Hoc-Meldung an die Finanzmärkte lehnte Braun lange ab, obwohl Anwälte des Aufsichtsrats das für zwingend hielten. Braun soll mehrmals behauptet haben, die Bestätigung der philippinischen Banken über die Milliardenguthaben würden bald eintreffen. Das alles zeigen Gespräche im Umfeld von Wirecard mit Aufsichtsräten, Ermittlern, Wirtschaftsprüfern und Abgeordneten des Untersuchungsausschusses.

Sie zeichnen erstmals ein genaues Bild der Zeit vor dem Wirecard-Crash: Die letzten Tage des erfolgreichen, wenngleich schon in der Kritik stehenden Dax-Konzerns Wirecard beginnen für die Aufsichtsräte mit einem Anruf ihres Vorsitzenden Thomas Eichelmann, am 16. Juni dieses Jahres. Zehn Tage später werden die Manager einen Antrag auf Insolvenz einreichen müssen. Denn innerhalb dieser zehn Tage wird sich ein Verdacht immer stärker erhärten: 1,9 Milliarden Euro, die sich auf Treuhandkonten bei Banken in den Philippinen befinden sollten, sind offenbar erfunden worden. Ein großer Teil des Konzernvermögens: spurlos verschwunden.

Wirtschaftsprüfer informieren Aufsichtsrat

Darüber setzten die Wirtschaftsprüfer des Konzerns von EY den Aufsichtsrat an jenem 16. Juni in Kenntnis. EY werde möglicherweise kein Testat für das Jahr 2019 erteilen und habe die Bankenaufsicht BaFin bereits darüber informiert. Der Grund: Erkenntnisse, die EY-Mitarbeiter in der philippinischen Hauptstadt Manila herausgefunden haben, und über die sie Eichelmann in Kenntnis setzen. In Manila hatten sie nach angeblichen, treuhänderisch verwalteten Bankguthaben bei drei Bankhäusern gesucht - und bei den dortigen Chefs Auskünfte erhalten, die die Existenz der Treuhandkonten und Milliardenguthaben infrage stellten.

Dafür fand EY nach und nach, so ergibt es sich aus den internen Unterlagen, Anhaltspunkte für massive Täuschungen. Die Dokumente, die ein philippinischer Treuhänder nach Aschheim geschickt hatte und die nun den EY-Prüfern vorlagen, wirkten "spurious" (falsch), formulierten gleich zwei Bankenchefs. Die forensischen Teams der Wirtschaftsprüfer glichen Unterschriften auf den Dokumenten mit Schriftproben der angeblich Unterzeichnenden ab - und kamen zu dem Ergebnis, dass es sich offenbar um Fälschungen handelte. EY fällte nach einigen Tagen die Entscheidung, den Konzernabschluss nicht zu testieren.

Dramatische Tage in Aschheim

Ab dem 16. Juni brechen dramatische Stunden und Tage an. Es sind Tage voller eiliger Telefonschalten und Vor-Ort-Termine in der Konzernzentrale in Aschheim. Auch der Wirecard-Vorstandschef Jan Marsalek wird zugeschaltet: Er gibt sich vollkommen überrascht. Kurze Zeit später wird Marsalek selbst von der Bildfläche verschwinden, ebenfalls nahezu spurlos, so wie zuvor das Konzernvermögen. Doch noch ist er offenbar unter seiner Email-Adresse bei Wirecard erreichbar und schreibt von dieser den philippinischen Treuhänder an, "Mr. Tolentino".

Der antwortet "Mr. Jan", der ihn am 17. Juni um 4:42 Uhr über die Befunde und den Verdacht der EY-Prüfer in Kenntnis setzt: Dies sei ein "Missverständnis". Vermutlich, weil es sich um ein Treuhandkonto handele, kein normales Bankkonto. Er werde sich sofort um Bankbestätigungen kümmern. Trotz Versprechungen verstreichen Tage, ohne dass der Treuhänder die Vorwürfe entkräften kann. Wer Täter und wer Opfer ist, bleibt offenbar für viele Beteiligte unklar.

Ad-Hoc-Meldung am 18. Juni

Die Anwälte des Aufsichtsrats von Wirecard rieten bereits am 16. Juni dringend, den Kapitalmarkt sofort zu informieren. Doch insbesondere Konzernchef Braun kämpft den internen Unterlagen zufolge bis zuletzt gegenüber dem Aufsichtsrat dagegen an. Am Vormittag des 18. Juni wird die sogenannte Ad-Hoc-Meldung veröffentlicht, Braun versichert noch am selben Morgen, Unterlagen aus Manila mit Bestätigungen über die Konten und die Milliardensumme würden innerhalb von 30 Minuten eingehen. Doch nichts kommt.

Nachdem die Ad-hoc-Meldung erfolgte, wirft Braun den Aufsichtsräten vor, damit sei Wirecard "der Stecker gezogen" worden. Immer wieder hatte er in den Tagen zuvor versucht, die Ad-hoc-Meldung hinauszuzögern.  Immer wieder trug er vor, dass die Bankguthaben echt seien, EY habe vielleicht  "nicht richtig recherchiert". Es sei "absurd", völlig überraschend bei einer Bank aufzulaufen, um dann Auskünfte zu erhalten. Da es sich um Treuhandkonten handele, unterlägen diese eben einer größeren Geheimhaltungsstufe, trägt er unter anderem vor. Die Unterlagen liefern keine Antwort darauf, ob der Manager die Realität nicht annehmen wollte, oder ob er bewusst die Unwahrheit gesagt hat. Vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages hat Braun zuletzt eine Vernehmung verweigert. Nur von einer Täuschung aller hat er  gesprochen. Und: Er bestreitet alle Vorwürfe gegen ihn persönlich.

Absturz eines Dax-Konzerns

Die Aufseher stellen Marsalek noch am selben Tag, dem 18. Juni, frei. Die Wirecard-Aktie stürzt ab, sie ist am Abend nur noch etwa ein Drittel wert, der Beginn eines Sturzes ins Nichts. Der verbliebene Wirecard-Vorstand veröffentlicht in der Nacht ein Video, in dem es heißt, Wirecard sei wohl Geschädigter in einem gigantischen Betrugsfall geworden. Im Konzern ist inzwischen ein neuer Vorstand eingesetzt, James Freis. Er teilt den Aufsichtsräten, die ihn bestellt haben, schnell seine Sicht der Dinge mit - eklatante Widersprüche und Ungereimtheiten. Der Aufsichtsrat befördert Freis einen Tag später, am 19. Juni, zum Konzernchef - nachdem Markus Braun nach massivem Druck seinen Rücktritt erklärt hat und so seiner Abberufung zuvorkommt.

Der neue Vorstandschef James Freis gräbt sich weiter durch die Unterlagen. Am 21. Juni teilt er den Aufsichtsräten das ernüchternde Ergebnis mit: Wirecard verbrenne etwa 400 Millionen Euro im Jahr. Und es gebe keinerlei Anhaltspunkte, dass es die angeblichen Geschäfte mit Drittpartnern in Asien, aus denen die 1,9 Milliarden Euro erwirtschaftet worden sein sollten, je gegeben hatte. Dies erfahren die Kapitalanleger auch in einer weiteren Ad-hoc-Meldung am 22. Juni. Am selben Tag stellt die Staatsanwaltschaft München Haftbefehle gegen Marsalek und Braun aus. Der Verdacht, dass das Geld also nicht verschwunden ist, sondern nie existiert hat, verdichtet sich. Als das Unternehmen kurz darauf zu einem "Fall Wirecard" wird, kommen Ermittler und der Insolvenzverwalter zu ähnlichen Ergebnissen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 27. November 2020 um 19:06 Uhr.

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