Kommentar

Trisomie-Bluttest Ein Stück mehr Gerechtigkeit

Stand: 19.09.2019 18:30 Uhr

Die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses, dass die Kassen die Kosten für Trisomie-Bluttests übernehmen sollen, ist eine wissenschaftlich-technische, keine ethische. Sie schaffe vor allem ein Stück mehr Gerechtigkeit.

Ein Kommentar von Christopher Jähnert, ARD-Hauptstadtstudio

Der Gemeinsame Bundesausschuss aus Kassen, Ärzten und Kliniken hat entschieden - und zwar wissenschaftlich-technisch, wie es seine Aufgabe ist. Ethik hat ausdrücklich keine Rolle gespielt.

Die Frage war: Ist der Bluttest medizinisch gesehen eine Verbesserung oder nicht? Und tut er das, was er soll? Wenn ja: Dann muss die Kasse den auch übernehmen. Und da gibt es eigentlich keinen Zweifel. Er ist definitiv ein Fortschritt. Zugelassen ist er sowieso schon länger. Und das war ja das Problem: Wer ihn sich leisten konnte, der konnte ihn schon seit Jahren auf eigene Kosten durchführen lassen und war nicht angewiesen auf die deutlich riskantere Fruchtwasseruntersuchung. Sie zahlte die Kasse bisher schon, wenn es angebracht war.

Der Arzt entnimmt bei dieser Untersuchung mit einer Spritze eine Probe aus dem Bauch. Dabei können Mutter und Kind verletzt werden. Das Risiko einer Fehlgeburt liegt bei bis zu zwei Prozent. Beim Bluttest kann das nicht passieren. Also war bisher das Signal: Ihr könnt euch die paar hundert Euro nicht leisten? Tja. Pech! Dann müsst ihr wohl den gefährlichen Test machen. Den zahlt die Kasse ja.

Nur in begründeten Einzelfällen

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat dem ein Ende gesetzt. Er hat aber auch Haltelinien eingezogen: Die Tests sollen nicht automatisch passieren, sondern wie bisher nur in begründeten Einzelfällen. Grundsätzlich müssen Kassen den Test aber bezahlen, wenn ein Arzt das für richtig hält und begründen kann. Der GBA konnte also im Prinzip nicht anders entscheiden. Eine ethische Betrachtung steht ihm nicht zu.

Aber: Der Chef des Gremiums Josef Hecken setzt da jetzt auf den Bundestag. Leider habe der noch keine Entscheidung getroffen, sagt er. Was er meint: Der Bundestag muss irgendwann entscheiden, wie weit wir gehen wollen. Manche sprechen von einem Dammbruch oder einem Präzedenzfall und stellen die eigentliche Frage: Was wollen wir alles über ein ungeborenes Kind wissen? Denn testen kann man theoretisch ziemlich viel - von verschiedenen Krankheiten bis zur Haarfarbe.

Wie ist der Umgang mit Anderssein?

Aber muss das sein? Und wenn ja: Wie gehen wir überhaupt mit Anderssein um? Vielleicht ist das ja die Grundfrage, die hinter allem steckt. Denn letztlich heißt das ja: Wenn man alles testet, was man testen kann, dann prüft man ein ungeborenes Kind auf Dinge ab, die man nicht haben möchte. Und was macht man dann? Abtreiben, wenn einem etwas nicht passt?

Zugegeben, das ist vielleicht ein bisschen extrem formuliert. Aber genau das passiert ja schon. Wenn Eltern die Nachricht bekommen, dass ihr Kind mit Down-Syndrom zur Welt kommen wird, dann entscheiden sich die meisten gegen dieses Kind. Und das ist auch erst mal nicht zu kritisieren. Denn: Die Entscheidung einer Abtreibung muss jeder selbst treffen. Niemand kann werdenden Eltern dies abnehmen.

Gründe gibt es viele. Manche trauen sich nicht zu, ein Kind mit Down-Syndrom aufzuziehen. Wieder andere haben Angst vor der finanziellen Belastung oder Diskriminierung. Wir als Gesellschaft können diese persönliche Entscheidung nicht übernehmen. Der Bundestag auch nicht und der Gemeinsame Bundesausschuss schon gar nicht. Er konnte mit der seiner nun getroffenen Entscheidung erst mal für ein Stück Gerechtigkeit und gleiche Bedingungen für alle sorgen. Und das hat er getan.

Kommentar zum Bluttest: Es ging um medizinische Gerechtigkeit
C. Jähnert, ARD Berlin
19.09.2019 17:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 19. September 2019 um 18:06 Uhr.

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