Streit beim EU-Gipfel Lauter Egoisten

Stand: 26.03.2021 02:10 Uhr

Beim EU-Gipfel deutet nichts auf ein Vorwärtskommen bei den Impfstoffen hin, meint Holger Beckmann. Statt den Herstellern Druck zu machen, begann die Union einen unnötigen Verteilungskampf.

Ein Kommentar von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Bei aller Sympathie für die grundsätzliche Idee, dass die Europäische Union in dieser Krise zusammenhalten und gemeinsam durch sie hindurchkommen möchte. Das ist das, was ihre Präsidentin, ihre Staats- und Regierungschefs, die meisten Europa-Abgeordneten immer und immer wieder betonen: Es geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen.

Allein - sie tun es nicht. Und dieser mühsame Video-Gipfel von Europas 27 ist einmal mehr der enttäuschende Beweis dafür. Denn es gibt nichts, was auf ein Vorwärtskommen mit Blick auf die immer noch viel zu knappen Corona-Impfstoffe in der EU hindeutet. Gar nichts. Sie haben es nicht fertig gebracht, wahrscheinlich hätten sie es auch gar nicht können, weil in diesem unschönen Spiel die Impfstoffhersteller die wirklich Mächtigen und die Staaten nur die Bedürftigen sind.

Unnötiger Verteilungskampf

Man weiß, wer bei einem solchen Kräfteverhältnis entscheidet und über wen entschieden wird. Und trotzdem: Die Regierungschefs hätten nicht noch oben drauf untereinander und vorher einen Streit um eine vermeintlich gerechtere Verteilung der Vakzine in der EU anzetteln müssen - und dieser Vorwurf geht diesmal eindeutig Richtung Österreich und seinen Kanzler Sebastian Kurz, den Wortführer dieser Attacke, die erwartungsgemäß verpufft ist und Europa einmal mehr unnötig geschwächt hat.

Denn wer sich streitet, der demonstriert Schwäche - und darüber lachen in diesem Falle die anderen, die am längeren Hebel sitzen, und denen die EU doch glaubwürdig mit Exportkontrollen und Exportverboten drohen wollte: Den Impfherstellern. So wird das jedenfalls nichts mit dem Drohen.

Johnson lacht

Und noch jemand wird lachen: Boris Johnson in London, der sich damit rühmt, nicht mehr dazu zu gehören und deshalb bessere Verträge gemacht zu haben mit AstraZeneca oder den anderen, der seinen Brexit nun richtig auskostet. Er wird jedenfalls kaum fürchten müssen, dass demnächst weniger Impf-Dosen aus der EU in sein Vereinigten Königreich exportiert werden - dazu ist man sich in Europa viel zu uneinig.

Es ist bitter in diesen Zeiten: Aber diese EU ist ein Staaten-Bündnis aus lauter Egoisten, die im Zweifel nur ihren eigenen, schnellen Vorteil suchen. Deshalb bestellt Ungarn Impfstoff in Russland, noch bevor die Europäische Arzneimittelbehörde ihn zugelassen hat, deshalb zetteln Österreich und andere interne Konflikte an oder lässt Dänemark immer noch AstraZeneca-Impfdosen liegen. Man wird sich also weiter irgendwie durchlavieren müssen, um die Pandemie eines Tages doch noch hinter sich zu lassen können. Bis dahin hilft der EU vorerst nur eins: Das Prinzip Hoffnung; auch, wenn das viel zu wenig ist.

Kommentar: Zerstritten in der Krise - die EU und ihre Impf-Strategie
Holger Beckmann, ARD Brüssel
26.03.2021 01:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. März 2021 um 00:00 Uhr in den Nachrichten.

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