Kommentar

Ein Jahr nach Anschlag in Halle Nichts ist besser geworden

Stand: 09.10.2020 21:45 Uhr

Nach dem Anschlag in Halle sollte alles besser werden. Doch die Realität sieht anders aus. Täglich kommt es in Deutschland zu antisemitischen Straftaten - eine demokratische Bankrotterklärung.

Ein Kommentar von Kerstin Palzer, ARD-Hauptstadtstudio

Oktober 2020 und wir müssen zugeben, dass jüdische Menschen in Deutschland gefährdeter leben als christliche. Wir müssen Synagogen von der Polizei bewachen lassen und der Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Halle rät davon ab, dass man mit Kippa in deutschen Städten spazieren geht. Das ist eine einzige demokratische Bankrotterklärung.

Nach dem rechtsextremistischen Anschlag in Halle sollte alles besser werden und nichts ist besser geworden. Letztes Jahr gab es 2032 antisemitische Straftaten in Deutschland. Das sind etwa fünf pro Tag. Eine ganze Bewegung behauptet, dass die Profiteure der Corona-Krise jüdisch sind. Verschwörungsmythologen und Demonstranten heften sich den Juden-Stern der Nazis an und entwerten so das Leid der jüdischen Opfer.

Wie soll so Normalität funktionieren?

Antisemitismus ist ganz aktuell. Und für das jüdische Leben in Deutschland ist es noch mal schwieriger geworden. Wie soll auch Normalität funktionieren, wenn gleichzeitig jüdisches Leben bewacht werden muss und sich hinter Mauern und guten Holztüren schützen muss?

Oktober 2020 und in Deutschland spricht der Innenminister von Sachsen-Anhalt davon, dass - weil jüdische Einrichtungen jetzt bewacht werden müssen - nicht mehr genug Polizei für all die anderen polizeilichen Aufgaben da sei. Das klingt so, als wären die Jüdinnen und Juden daran schuld, dass es vielleicht zu wenig Polizei gibt. Das klingt nach denen - den Juden - und uns, der "normalen" Gesellschaft. Und das finde ich falsch. Ich möchte nicht, dass Jüdinnen und Juden daran zweifeln, dass sie hier dazugehören, dass Deutschland ihr Zuhause ist.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Oktober 2020 um 20:00 Uhr.

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