PK von Spahn und Lauterbach Schulterschluss der Antipoden

Stand: 19.03.2021 19:47 Uhr

Nach dem vorsorglichen Aussetzen der AstraZeneca-Impfungen galt Jens Spahn erneut als angeschlagen. Doch der Gesundheitsminister hat die Kurve gekriegt. Nun zeigte er sich sogar mit seinem populärsten Kritiker.

Ein Kommentar von Lothar Lenz, ARD-Hauptstadtstudio

Was für eine Woche für den Bundesgesundheitsminister. Am Montag musste Jens Spahn den AstraZeneca-Impfstoff aus dem Rennen nehmen, und der Minister wirkte kraftlos und enttäuscht, als er vor die Kameras und Mikrophone trat.

Spahn wusste: Es gab in dieser Situation nichts zu gewinnen. Hätte er weiter impfen lassen mit AstraZeneca - die nächste schwere Komplikation wäre ihm persönlich angelastet worden. Und: Er hätte die Expertinnen und Experten des Paul-Ehrlich-Instituts demontiert, die vor den möglichen Nebenwirkungen dieses Impfstoffs gewarnt hatten.

Gemeinsamer Auftritt mit dem Kritiker Lauterbach

Und heute, am Ende der Woche? Da bringt derselbe Jens Spahn die Souveränität auf, seinen populärsten Widersacher mit aufs Podium der Bundespressekonferenz zu laden, den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Kaum ein Tag vergeht, an dem Lauterbach nicht die Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern konterkariert. Anfang der Woche noch provozierte Lauterbach mit der Aussage, dass er hätte weiter impfen lassen mit AstraZeneca, trotz der bekannt gewordenen möglichen Nebenwirkungen.

Es wurde heute ein bemerkenswerter Auftritt der beiden Antipoden in der gemeinsamen Pressekonferenz. Beide betonten, dass der Wiedereinstieg in die AstraZeneca-Nutzung richtig und wichtig sei. Denn die Corona-Lage insgesamt sei ernst, sehr ernst. Die dritte, exponentielle Infektionswelle schreite voran. Schon zu Ostern drohten dramatische Ansteckungszahlen und volle Intensivstationen. Keine Zeit also für politische Streitereien, sagten Lauterbach und Spahn, und forderten gemeinsam den Weg zurück in einen härteren Lockdown.

Klare Ansagen an die Bund-Länder-Konferenz

Alles verimpfen, viel testen - und in den Osterferien keine Reisen: Eine klare Ansage an die Bund-Länder-Konferenz, die heute übers Impfen beraten hat und am Montag dann über den weiteren politischen Fahrplan in der Pandemie entscheiden will. "Das Land ist wundgescheuert nach einem Jahr Corona", konstatierte der Bundesgesundheitsminister heute auch - es gehört zu Spahns Berufsprofil, dass er auch für die allgemeine Unzufriedenheit verantwortlich gemacht wird. Auch wenn er das längst nicht in allen Punkten ist.

Ja, es stimmt: Das Hin und Her um den AstraZeneca-Impfstoff diese Woche hat noch mehr Tempo rausgenommen aus der ohnehin schleppenden Impfkampagne. Aber es hat auch gezeigt, dass die Sicherheits-Mechanismen funktionieren. Eine Bundesregierung, die so massiv für das Impfen wirbt, muss sicherstellen, dass mögliche Risiken bekannt und benannt werden - sonst gibt es auf Dauer kein Vertrauen. Spahn hat die Kurve gekriegt in dieser heiklen Woche. Und alle, die schon seinen Rücktritt gefordert hatten, müssten jetzt nur noch sagen, wer denn eigentlich tauschen möchte mit dem Bundesgesundheitsminister.

Kommentar: Jens Spahn hat die Kurve gekriegt
Lothar Lenz, ARD Berlin
19.03.2021 16:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau24 am 19. März 2021 um 10:00 Uhr.

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Lothar Lenz, WDR

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