Kommentar

Kommentar zur Vatikan-Konferenz Leben im Paralleluniversum

Stand: 24.02.2019 20:04 Uhr

Der Vatikan ist mit dem Ergebnis der Anti-Missbrauchskonferenz zufrieden - die Betroffenen dagegen sind enttäuscht. Das zeigt: Viele Kirchenobere leben in einer Art Paralleluniversum.

Ein Kommentar von Tassilo Forchheimer, ARD-Studio Rom

Der Papst und die in Rom versammelten Bischöfe und Kirchenoberen haben positiv überrascht - vor allem sich selbst. Die Betroffenen draußen vor den Mauern des Vatikans dagegen sind tief enttäuscht.

Unterschiedlicher könnten die Perspektiven kaum sein.

Aus Sicht der Kirche hat es bei der Anti-Missbrauchskonferenz erhebliche Fortschritte gegeben. Das Thema Missbrauch sei endlich da, wo es hingehöre, ganz oben auf der Prioritätenliste. Das müsse wirklich jeder Konferenzteilnehmer verstanden haben. Die Kurie in Rom und die nationalen Bischofskonferenzen müssten nur noch all die guten Vorsätze in die Realität umsetzen, so die römische Perspektive.

Große Skepsis bei Betroffenen

Aus Sicht der Opfer ist das zu wenig. "Gute Vorsätze haben wir schon oft gehört", sagen sie. Die Kirche hat über Jahrzehnte bewiesen, dass unter ihrem Dach Anspruch und Wirklichkeit oft nicht zusammenpassen. Von daher ist die Skepsis groß, dass den Worten Taten folgen.

Dass der Papst und seine Bischöfe das wirklich wollen, ist glaubwürdig. Die persönliche Betroffenheit war spürbar. Ebenso die Erkenntnis, dass es sich nicht schlecht anfühlt, ehrlich zu sein und erlittenes Unrecht wieder gut zu machen. Einige Bischöfe scheinen tatsächlich erst jetzt verstanden zu haben, was in Missbrauchsopfern vorgeht und was es bedeutet, wenn ausgerechnet Geistliche übergriffig werden.

Schwere Gefühlsblindheit

Ganz offensichtlich leben viele Kirchenobere in einer Art Paralleluniversum, das es ihnen schwer macht, Gefühle anderer Menschen richtig einzuschätzen. Deutlich wurde das auch in jenen Momenten, in denen Frauen vor der Bischofsversammlung sprechen durften und die kirchlichen Würdenträger bis hin zum Papst erstaunt feststellten, dass der weibliche Blick auf die Dinge die Konferenz sehr bereichert habe, genauso wie der direkte Kontakt mit Missbrauchsopfern.

Wie kann es sein, dass diese Kirchenmänner so lange blind waren für das große Leid im eigenen Haus? Es spricht viel dafür, dass all das mit verkrusteten Strukturen und Tabus zu tun hat, die der katholischen Kirche wie schwere Steine um den Hals hängen. Der Missbrauchsskandal ist ein Symptom, nicht die Ursache.

Kommentar zum Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan
Tassilo Forchheimer, ARD Rom
24.02.2019 19:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Februar 2019 um 20:00 Uhr.

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