Menschen demonstrieren gegen die Nominierungen von Regisseur Roman Polanskis Film "J'accuse" für den César. | Bildquelle: AFP

Französischer Filmpreis César-Eklat um Roman Polanski

Stand: 29.02.2020 09:19 Uhr

Ungeachtet heftiger Proteste im Vorfeld ist Roman Polanski mit dem César ausgezeichnet worden. Der mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontierte Filmemacher erhielt den höchsten französischen Filmpreis für die beste Regie.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Es war die vorletzte Verleihung des Abends, die dann doch noch zum Eklat führte: Der Preis für den besten Regisseur ging an Roman Polanski für "J’accuse" (deutscher Titel: Intrige), ein Drama über den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus, der 1894 zu Unrecht wegen Landesverrats verurteilt worden war.

Während sich Viele im Saal noch nicht so recht entscheiden konnten, ob sie nun applaudieren sollten oder nicht, verließ die französische Schauspielerin Adèle Haenel, nominiert für die beste weibliche Hauptrolle, demonstrativ den Saal. Andere Frauen folgten ihr. Haenel hatte Ende 2019 die "MeToo"-Debatte in Frankreich neu entfacht. Polanski auszuzeichnen, hatte sie im Vorfeld der "New York Times" gesagt, sei ein Schlag ins Gesicht aller Opfer.

Schauspielerin Adèle Haenel | Bildquelle: AFP
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Schauspielerin Adèle Haenel verließ demonstrativ den Saal, nachdem der Preis für Polanski verkündet wurde.

Wütende Proteste vor dem Saal

Es war der dritte César für "J’accuse" an diesem Abend. Und wie bereits vor der Preisverleihung gab es auch danach große Proteste vor dem Salle Pleyel. Obwohl der Stein des Anstoßes der Kontroverse um die Césars, Star-Regisseur Roman Polanski, bereits einen Tag zuvor seine Teilnahme an der Preisverleihung abgesagt hatte, waren Hunderte Menschen dem Aufruf von feministischen Organisationen gefolgt, hielten Transparenten hoch und skandierten "Polanski - Vergewaltiger", oder "die Césars der Schande".

Drinnen bezog Moderatorin Florence Foresti klar Stellung. Bissig und bitterböse nahm die Schauspielerin und Komikerin kein Blatt vor den Mund. Sie forderte die Filmschaffenden im Saal auf, sich genau zu überlegen, wie sie zu möglichen Césars für Polanski stehen. "Um hier heute einen gemütlichen Abend zu verbringen, müssen wir ein Thema klären, sonst werden wir an einem bestimmten Punkt ein Problem kriegen - genauer gesagt an zwölf Punkten."

Mit zwölf Nominierungen war Polankis Film absoluter Spitzenreiter. Floresti stellte direkt zu Beginn der Preisverleihung klar, dass sie den Namen Polanski an diesem Abend nicht in den Mund nehmen werde, erwähnte "J’accuse" bei der Aufzählung der nominierten Filme nicht. Auch der Schauspieler Jean-Pierre Daroussin, der den César für das beste adaptierte Drehbuch verlieh, weigerte sich, Polanskis Namen deutlich auszusprechen.

Menschen demonstrieren gegen die Nominierungen von Regisseur Roman Polanskis Film "J'accuse" für den César. | Bildquelle: AP
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Vor dem Salle Pleyel demonstrierten Hunderte Menschen gegen die Nominierungen von Polanskis Film "J'accuse".

Preise für gesellschaftlich relevante Themen

Der Streit um Polanski hatte die Akademie für den Filmpreis in eine Krise gestürzt - ihre Direktion war vor rund zwei Wochen kollektiv zurückgetreten.

Warum Polanskis Film trotz der Vergewaltigungsvorwürfe gegen den polnisch-französischen Regisseur vom November 2019 zwölfmal nominiert wurde, erklärte Sandrine Kiberlain, Präsidentin der Preisverleihung: Die nominierten Filme zeigten die Welt und Frankreich, sagte sie. "Allen voran 'Die Wütenden', die uns in die Banlieues mitnehmen. 'J’accuse' erzählt von den Schrecken des Antisemitismus, der auch heute noch nicht gebannt ist. In 'Im Namen Gottes' geht es um die Pädophilie in der Kirche, und 'Porträt einer jungen Frau in Flammen', zeigt, dass Frauen nicht selbst über ihr Leben bestimmen können."

Gesellschaftlich relevant waren große Teile der Preisverleihung. Die französische Schauspielerin Aissa Maiga stellte die fehlende Diversität in der französischen Filmwelt ins Zentrum ihrer kurzen Rede und forderte das Publikum auf, seinen Geist zu öffnen. Immer wieder schoss Moderatorin Foresti Spitzen gegen das noch immer männerdominierte Kino, das Frauen auch heute oft genug dazu degradiert, einfach nur hübsch auszusehen. 

Sieger des Abends war das Sozialdrama "Die Wütenden" von Regisseur Ladj Ly, das den Alltag aus Gewalt und Rassismus in einem Pariser Vorort beschreibt. Er räumte vier Césars ab. Die oscarprämierte Gesellschaftssatire "Parasite" des südkoranischen Regisseurs Bong Joon Ho gewann den César als bester Auslandsfilm.

Regisseur Ladj Ly | Bildquelle: YOAN VALAT/EPA-EFE/REX
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Großer Gewinner des Abends war Regisseur Ladj Ly. Sein Sozialdrama "Die Wütenden" wurde vier Mal ausgezeichnet.

Polanskis Schatten liegt über der Gala

Zu Beginn des Abends betonte Moderatorin Foresti, der Abend hätte mehr zu bieten als die Kontroverse um einen alten weißen Mann. "Ich habe beschlossen, dass er nicht so groß ist, dass er seine Schatten auf diesen Abend und die anderen Nominierten wirft."

Am Ende des Abends allerdings zeigte sich, dass dem nicht so war, und dass Polanski, obwohl oder gerade weil der 86-Jährige nicht anwesend war, im Mittelpunkt der Césars stand.

César: Polanski gewinnt Filmpreis trotz Protest
Sabine Wachs, ARD Paris
29.02.2020 08:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Februar 2020 um 08:50 Uhr.

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