Die Impfpflicht für alle Schüler | Bildquelle: imago/Jochen Tack

Nordrhein-Westfalen Impf-Pflicht? Kölner Uniklinik-Ärztin rät ab

Stand: 21.02.2019 06:00 Uhr

Beim Impfschutz gibt es in Deutschland noch Defizite. Kann eine Impf-Pflicht die Lage verbessern? Antworten von der Leiterin der Infektionsambulanz der Uniklinik Köln.

Der Deutsche Ethikrat diskutiert am Donnerstag (21.02.2019) in Berlin im Rahmen einer Anhörung mehrere Impfstrategien. Derzeit erarbeitet das Gremium eine Stellungnahme zum Thema "Impfen als Pflicht?".

Die Leiterin der Infektionsambulanz der Universitätsklinik Köln, Clara Lehmann, hat sich schon eine Meinung gebildet. Impfen gehört zu ihrem Alltag.

WDR: Weshalb ist Impfen wieder so ein Thema?

Clara Lehmann: Weil in letzter Zeit wieder häufig Masernfälle und andere Infektionskrankheiten aufgetreten sind. Betroffen sind sowohl Kinder als auch Erwachsene.

Dr. Clara Lehmann, Leiterin der Infektionsambulanz der Uniklinik Köln
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Ärztin Clara Lehmann von der Uniklinik Köln

WDR: Woran liegt das?

Lehmann: Es besteht keine ausreichende Herden-Immunität. Das bedeutet: Wenn man sich eine ganze Bevölkerung anschaut, muss immer ein bestimmter Anteil geimpft sein, damit Infektionserkrankungen nicht aufkommen. Das ist in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern leider nicht mehr gegeben, weil sich die Leute nicht mehr impfen lassen.

WDR: Wann ist die sogenannte Herden-Immunität erreicht?

Lehmann: Das hängt immer davon ab, was es für eine Infektionskrankheit ist. Je ansteckender eine Infektionserkrankung ist, desto höher muss diese Herden-Immunität sein.

Bei den Masern liegt der Wert ungefähr bei 95 Prozent. Es ist bei dieser Krankheit also eine sehr hohe Durchimpfungsrate nötig, damit eine Herden-Immunität vorliegt. Bei nicht so ansteckenden Krankheiten liegt sie tiefer.

WDR: Brauchen wir eine Impfpflicht?

Lehmann: Nein, eine solche Pflicht ist nicht zielführend. Es gibt zu viele Wege, eine solche Pflicht zu umgehen.

Der Ruf nach einer Impfpflicht ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Hysterie.

WDR: Was schlagen sie stattdessen vor?

Lehmann: Aufklären und Vertrauen schaffen. Es geht darum, den Menschen zu vermitteln, dass Impfen etwas Positives ist: Es ist die beste Erfindung, die es in der Medizin gibt.

Impfen ist Gesundheitsvorsorge und keine Strafe. Pflicht hingegen klingt nach Strafe – das ist nicht der Sinn einer Impfung.

WDR: Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie vor?

Lehmann: Die Kinderärzte, die Hausärzte und auch die Fachärzte: Alle müssen ihren Patienten vermitteln, dass Impfen das Normalste der Welt ist. Auch der Gynäkologe oder der HNO-Arzt sollte fragen: 'Wie sieht es mit Ihren Impfungen aus?'

Man kann sich auch überlegen, ob Ärzte in die Kindergärten und die Schulen gehen und dort die Kinder impfen – mit dem Einverständnis der Eltern.

WDR: Wie groß ist die Gefahr von Impfschäden?

Lehmann: Gravierende Nebenwirkungen kommen extrem selten vor. Sie sind viel seltener als zum Beispiel eine Komplikation durch eine Maserninfektion, die im Extremfall auch tödlich enden kann.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Quelle: wdr.de

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