Prozessakten i FallLügde auf einem Tisch im Landgericht Detmold

Nordrhein-Westfalen Lügde-Prozess: Schwierige Zeit für die Betroffenen

Stand: 01.08.2019 06:00 Uhr

Der Lügde-Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. Beate Kriechel, die als Kind sexuelle Gewalt erfuhr, kritisiert, dass Opfer während des Prozesses keine Therapie erhalten.

Die Kölnerin Beate Kriechel ist Autorin des kürzlich veröffentlichten Buchs "Für immer traumatisiert? Leben nach dem sexuellen Missbrauch in der Kindheit". Betroffene berichten dort über Missbrauchserfahrungen und Strategien, damit umzugehen. Kriechel hat als Kind selbst sexuelle Gewalt erfahren.

Beate Kriechel
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Beate Kriechel, Buchautorin und selbst Betroffene

WDR: Einige der jungen Opfer in Lügde haben bis heute keine Psychotherapie begonnen. Etwaige Aussagen im Prozess sollten nicht verfälscht werden - so das Argument. Ist das ein übliches Vorgehen?

Beate Kriechel: Ja, leider. Es gibt zwar keine rechtliche Weisung, dass man keine Therapie machen darf, aber es wird davon abgeraten. Das geht auf die 90er Jahre zurück, als Strafverteidiger den Satz „Missbrauch mit dem Missbrauch“ prägten. Beratungsstellen und Therapeuten wurde unterstellt, sie könnten den Opfern den Missbrauch suggerieren.

Dieser Auffassung folgen die Verfahren bis heute. Aber inzwischen gibt es Forderungen, dass die Kriterien für juristische Wahrheitsfindung in solchen Verfahren überarbeitet werden müssen.

WDR: Manche Missbrauchsverfahren dauern mehrere Jahre. Ist das überhaupt zumutbar?

Kriechel: Das Problem ist, dass die Verfahren meist nicht opfersensibel gestaltet sind. Fast die gesamte Beweislast liegt bei den Opfern. Sie müssen ihre Glaubwürdigkeit beweisen, nicht die Täter. Außerdem müssen Betroffene oft mehrfach aussagen und ihre Aussage über einen langen Zeitraum konstant halten – was für Menschen, die ein Trauma erlitten haben, schwierig ist. All das ist belastend.

WDR: Bekommen Betroffene von Missbrauch denn eine Chance auf eine adäquate Behandlung?

Kriechel: Es gibt viel zu wenig Beratungsstellen. Gerade auf dem Land herrscht ein großer Mangel. Hinzu kommt, dass die Einrichtungen chronisch unterfinanziert sind. Auch die Finanzierung von Therapien durch die Krankenkassen wird der Lage von Betroffenen nicht gerecht. Ich habe es beispielsweise erlebt, dass ich mitten in einer Therapie eine Pause machen musste, weil die vorgesehenen Stunden aufgebraucht waren.

WDR: Wie verarbeitet man einen Missbrauch? Kann man daraus möglicherweise auch irgendwann Stärken entwickeln?

Kriechel: Wichtig ist, dass Betroffene Unterstützung erfahren. Und Stärken entwickelt man nicht aus dem Missbrauch selbst, sondern aus dem Bewältigungsprozess heraus – auch, wenn man das oft erst im Nachhinein so sieht und einordnet.

WDR: Sie sind der Ansicht, dass man trotz allem erlittenen Leid mit der Begrifflichkeit Opfer vorsichtig umgehen sollte. Können Sie uns das erklären?

Kriechel: Ich wehre mich nicht generell gegen den Begriff Opfer, sondern dagegen, dass Betroffene ausschließlich auf die Opferrolle festgelegt und damit als zerstört und nicht mehr lebensfähig gesehen werden. Das wird vielen Betroffenen einfach nicht gerecht.

Das Gespräch führte Nina Giaramita.

Quelle: wdr.de

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