Trauer nach Tod von fünf Kindern

Nordrhein-Westfalen Tote Kinder in Solingen: "Solche Taten deuten sich immer an"

Stand: 07.09.2020 08:20 Uhr

Wie kann es dazu kommen, dass Eltern ihre Kinder töten, wie es mutmaßlich eine Mutter in Solingen getan hat? Im Interview erklärt ein Psychotherapeut und Trauma-Experte die Hintergründe solcher Taten.

Eine Mutter in Solingen soll ihre fünf Kinder getötet haben. Im Interview mit dem WDR erklärt der Essener Psychotherapeut und Trauma-Experte Christian Lüdke, wie es dazu kommen kann, dass Eltern ihre Kinder töten.

Mann im schwarzen Anzug im Profil
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Psychotherapeut Christian Lüdke

WDR: Mit welchem Motiv töten Eltern ihre eigenen Kinder? Ist es nur Überforderung?

Christian Lüdke: Eine Überforderung ist kein Motiv, um seine Kinder zu töten, sondern höchstens Auslöser. Dahinter steckt wesentlich mehr - häufig massive Persönlichkeitsstörungen oder Beziehungsstörungen in der Partnerschaft. Oft bauen sich über viele Jahre Gefühle von Überforderung und Hilflosigkeit auf. Das Töten ist dann letztlich eine ganz primitive Form der Konfliktbewältigung: Diese Probleme sollen jetzt einfach aufhören.

WDR: Töten solche Eltern dann aus spontaner Erregung?

Lüdke: Eltern töten ihre Kinder nicht aus Affekt. Oft haben sie Bindungsstörungen, hatten als Kind selbst nie eine eigene starke emotionale Bindung in ihrer Familie. Sie durften oft nie im Mittelpunkt stehen, sondern haben ein Leben lang das Gefühl, am Rande der Welt zu stehen.

Sie kümmern sich sehr intensiv um ihre Kinder und geben ihnen all das, was sie selbst am allernötigsten gehabt hätten. Dadurch entsteht eine unglaubliche Ohnmacht. Die Gewaltausübung gegen die Kinder verwandelt diese Ohnmacht dann in ein kurzzeitiges Erleben von Allmacht. Dann kann man all seine Wut und Aggressionen entladen - und will einfach nur, dass diese Ohnmacht endlich aufhört.

WDR: Warum tötet man dann ausgerechnet die eigenen Kinder?

Lüdke: Wenn Eltern ihre Kinder töten, dann ist es oft der verzweifelte Versuch, im Sinne einer psychischen Störung die Kinder vor einer Welt beschützen zu wollen, in der sie selbst nicht bestehen können. Oft glauben solche Eltern sogar, ihren Kindern durch das Töten etwas Gutes zu tun. Sie glauben dann: Ich habe das Leben gegeben, also habe ich auch das Recht, das Leben zu nehmen.

WDR: Wieso verliert man dann all seine Hemmungen?

Lüdke: Eltern, die ihre Kinder töten, befinden sich in einem Zustand innerer Leere. Sie werden es vermutlich in ihrer Fantasie viele Tage lang durchgespielt haben. Normalerweise wacht man in dem Moment auf, in dem man das erste Kind tötet. Dann spürt man: Ich habe Unrecht getan.

Wer dann noch weitere Kinder tötet, der ist in einer vollkommenen gefühlsmäßigen Vollnarkose. Solche Mütter oder Väter entladen dann ihre komplette Wut. Wer so etwas tut, hat also offensichtlich einen Tatplan.

WDR: Gibt es nichts, was einen in so einem Moment wachrütteln könnte?

Lüdke: Wer so etwas tut, ist vollkommen fokussiert. Der hat nur diesen einen Willen: "Ich will meine Kinder töten." Sie lassen sich dann durch nichts beirren. Selbst wenn es Schreie, Gegenwehr, einen Kampf gäbe - sie bleiben bei ihrem Tatplan und ziehen ihn bis zum Schluss durch.

Man nennt das Impuls-Kontroll-Störung. Das heißt: Sie können ihr eigenes Handeln nicht mehr kontrollieren, nicht mehr stoppen.

WDR: Warum bleiben einzelne Geschwisterkinder manchmal verschont?

Lüdke: Die Mütter oder Väter, die ihre Kinder töten, erkennen dann, dass es ein großes Unrecht ist, was man da gerade tut. Sie beruhigen dadurch ihr eigenes Gewissen. Dadurch, dass sie ein Kind verschonen, wollen sie zeigen, dass sie auch noch liebevolle Anteile in sich haben. Es ist eine Form der emotionalen Wiedergutmachung.

WDR: Lassen sich solche Taten vorab erkennen und somit verhindern?

Lüdke: Solche Taten deuten sich immer an. Man kann im Verhalten solcher Mütter oder Väter Änderungen feststellen. Sie ziehen sich zurück, isolieren sich, sind teilweise aggressiv in der Sprache: "Wenn es so weitergeht, dann seht ihr alle noch schwarz, dann werdet ihr an mich denken!"

Solche Taten lassen sich also verhindern. In den meisten dieser Fälle gibt es aber nur wenige Menschen, die diese Signale wahrnehmen und die sich dann auch noch vorstellen können, dass es zu so einer schlimmen Tat kommen könnte.

Die Fragen stellte Dorothea Schluttig. Aufgeschrieben von Jörn Seidel.

Wer sich mit Suizidgedanken trägt, empfindet seine persönliche Lebenssituation als ausweglos. Doch es gibt eine Fülle an Angeboten zur Hilfe und Selbsthilfe, auch anonym.

Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge ist unter den Rufnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 sowie 116 123 rund um die Uhr erreichbar. Sie berät kostenfrei und in jeder Hinsicht anonym. Der Anruf hier findet sich weder auf Ihrer Telefonrechnung noch im Einzelverbindungsnachweis wieder.

Menschen muslimischen Glaubens können sich an das muslimische Seelsorgetelefon wenden. Es ist ebenfalls kostenfrei und anonym 24 Stunden am Tag unter der Rufnummer 030/44 35 09 821 zu erreichen.

Chat der Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge bietet Betroffenen auch die Möglichkeit an, sich Hilfe per Chat zu holen. Dazu meldet man sich auf deren Webseite an.

E-Mail-Beratung der Telefonseelsorge

Menschen mit Suizidgedanken können sich auch an die E-Mail-Beratung der Telefonseelsorge wenden. Der E-Mail-Verkehr läuft über die Webseite der Telefonseelsorge und ist deshalb nicht in Ihren digitalen Postfächern zu finden.

Überblick auf Hilfsangebote

Darüber hinaus hat die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) zahlreiche Informationen zu Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und sozialpsychiatrischen Diensten aufgelistet, an die sich Suizidgefährdete und Angehörige wenden können, um Hilfe zu erhalten. Entsprechende Informationen finden Sie unter nachfolgendem Link.

Quelle: wdr.de

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