Schlusslicht

Pfeile, Kabel und die Abkürzung "usw." sind bei einer Baustellenbegehung der zweiten festen Spielstätte des Berliner Ensembles an einer Wand zu sehen. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Politik-Abkürzungen Eskia, NoWaBo und "die M"

Stand: 12.07.2020 04:50 Uhr

In den Neunzigerjahren grüßten die Fantastischen Vier "MfG" - noch heute ist die Liebe der Deutschen zu Abkürzungen ungebrochen. Auch im Berliner Politikbetrieb sind unzählige Kürzel in Gebrauch.

Von Kilian Pfeffer, ARD-Hauptstadtstudio

Wenn der UAL eine Unterlage an den PSTS MDB um Freigabe weiterleitet, und der mit violett ZDA und nicht WV notiert - dann blickt wirklich kein Außenseiter mehr durch.

Kurze Aufklärung: UAL heißt Unterabteilungsleiter, PSTS Parlamentarischer Staatssekretär. MdB bedeutet in diesem Fall Mit der Bitte, kann aber auch Mitglied des Bundestags heißen.

ZDA bedeutet zu den Akten und WV Wiedervorlage.

"Es kann heißen: Ich bin ein Insider"

Mit großer Selbstverständlichkeit werden diese Abkürzungen in der politischen Bürokratie in Berlin verwendet. Klar: Damit wird etwas ganz kompakt ausgedrückt, auf den Punkt gebracht. Das spart Zeit und beim Schriftverkehr Platz.

"Aber gleichzeitig ist es dazu da, um anzuzeigen: Ich weiß, was das heißt, ich bin einer von denen, die Ahnung von diesem Thema haben", erklärt der Sprachwissenschaftler Professor Horst Simon, der sich mit der gesellschaftlichen Dimension von Sprache beschäftigt. "Das führt natürlich zu Gruppenbildung, und es kann heißen: Ich bin ein Insider. Ich weiß, wie es geht. Du bist kein Insider, du sagst es irgendwie anders, oder du weißt gar nicht, was das bedeutet."

Eskia, NoWaBo und "die M"

Es gibt eine gewisse Lust der Deutschen am Abkürzen. Ministerin oder Minister - das wird oft Min. abgekürzt. Doch im Bundesministerium für Bildung und Forschung, kurz BMBF, wird Ministerin Anja Karliczek intern M oder Die M genannt.

Anja Karliczek (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung. | Bildquelle: dpa
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Im Bildungsministerium ist aktuell Anja Karliczek die "M"...

Judi Dench
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... für James Bond schlüpfte zeitweise Judy Dench in die Rolle.

M - wie James Bonds Chefin. Nun ja, bei allem Respekt vor Bildungs-M Karliczek, man assoziiert nicht sofort die Geheimdienstchefin des MI6 mit ihr. Aber das ist eben eine Wortspielerei, die mit Abkürzungen besonders gut funktioniert: "Je nach Kontext kann dieselbe Kurzform ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen. Und wer jetzt Freude an Wortspielen hat, kann da genau an solchen Stellen gewisse Abkürzungen, gewisse Kurzwörter refunktionalisieren, in neue Kontexte einbinden oder mit diesen verschiedenen aufgerufenen Kontexten Spielereien machen", sagt Simon.

Lust auf Wortspielereien hatten offenkundig auch die Fans der beiden SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter Borjans - letzterer abgekürzt NoWaBo: Es sollen die Jusos gewesen sein, die das Wort Eskabolation schufen, eine Mischung aus Esken, Nowabo und Eskalation.

Tja, wenn bloß die SPD in Umfragen so gut abschneiden würde, wie dieser Name klingt. Immerhin ist er lässiger als der schon legendäre Versprecher von der Parteilinken Hilde Matheis auf dem SPD-Bundesparteitag:

"Mit Walter und mit Eskia kriegen wir das hin…"

Humorfreie Zone bei der AfD

Zurück zu den Abkürzungen. Gelegentlich wird anhand häufiger verwendeter Kürzel auch klar, wer in einer Abteilung wichtig ist. Im Kanzleramt ist oft die Rede von LKB, das ist die Leiterin des Kanzlerbüros, Beate Baumann.

Deutlich wird anhand von Abkürzungen auch, was eine Partei gerade umtreibt. In der AfD spricht man häufig von POM oder PAV: Das Parteiausschlussverfahren, POM die Parteiordnungsmaßnahme. Lustige, originelle Abkürzungen findet man nicht bei der AfD, sagt ein kritischerer Fraktionsmitarbeiter, die Partei sei ja eher eine humorfreie Zone.

Fast schon selbstverständlich: Dass Mitarbeiter von Politikern gern die Initialien ihrer Chefs verwenden. FM - Friedrich Merz, CL - Christian Lindner, oder AKK - Annegret Kramp-Karrenbauer.

AKK ist auch das Kürzel für die bulgarische Version der Automatischen Kalaschnikow AK47, kein unpassender Name für eine Verteidigungsministerin. Als CDU-Parteichefin hatte AKK allerdings nicht die Durchschlagskraft eines Sturmgewehrs.

Begründung: Olaf will das

Eine große Durchschlagskraft hat offenbar Olaf Scholz im BMF, dem Bundesfinanzministerium. Denn wenn Mitarbeiter begründen, warum sie gerade dieses oder jenes tun, reicht einfach die Aussage: O W D. Steht für: Olaf will das.

Das ist gewissermaßen die Krönung: wenn der Vorname des Ministers ausreicht, um eine Arbeit zu rechtfertigen.

Abkürzungswut in Berlin
Kilian Pfeffer, ARD Berlin
11.07.2020 21:29 Uhr

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