Spaniens Rodrigo (l.) im Duell mit Niklas Süle | Bildquelle: dpa

Nations League Deutschland verschenkt Sieg gegen Spanien

Stand: 03.09.2020 23:23 Uhr

Beim Neustart in die Nations League sah es bis tief in die Nachspielzeit gut aus für die deutsche Nationalmannschaft - doch in der 96 Minute wurde der Sieg gegen Spanien noch verschenkt.

Von Christian Hornung

Das 1:1 (0:0) hatten sich die Deutschen am Ende selbst zuzuschreiben. Nach einem lange Zeit sehr ordentlichen Auftritt rächten sich am Ende zu viel Sorglosigkeit im Abschluss und eine zu passive Taktik in den letzten 20 Minuten.

"Das ist sehr ärgerlich", gab Timo Werner kurz nach dem Ende im ZDF zu. "Wir haben uns zu tief hinten reindrücken lassen. Aber es waren auch nur vier Minuten Nachspielzeit angezeigt. Am Ende hatten wir so viele Verteidiger auf dem Platz, da hätten wir den Ball aber auch klären können."

Gosens und Sané hadern

Leroy Sané meinte: "Im Großen und Ganzen war es ordentlich, aber es ist natürlich immer ärgerlich, so spät noch ein Gegentor zu bekommen." Bundesrainer Joachim Löw analysierte: "In der ersten Halbzeit war es taktisch eine sehr ansprechende Partie, da sind wir früh draufgegangen und haben viel Druck gemacht. In der zweiten Hälfte sind wir ein bisschen zu tief hinten drin gewesen und haben entscheidende Kopfballduelle verloren. So ein spätes Gegentor tut natürlich weh."

Debütant Robin Gosens haderte: "Es geht mir ordentlich auf den Zünder, dass wir in der sechsten Minute der Nachspielzeit noch so ein Ding kassieren. Alles in allem war es aber ein Riesenabend für mich und ich bin froh, dass ich die Vorlage zu unserem Tor geben konnte. Jetzt will ich natürlich gerne weiter dabeibleiben - aber dazu muss ich erstmal wieder eine geile Saison spielen."

Kehrer mit der ersten Chance

Nach zehnminütigem Abtasten im Mittelfeld hatte Toni Kroos die erste zündende Idee der Partie. Mit einem präzisen Flügelwechel ermöglichte er dem aufgerückten Thilo Kehrer eine gute Kopfballchance - David de Gea im spanischen Tor entschärfte den Aufsetzer aber mit etwas Mühe.

Nur zwei Minuten später stimmte nach einem Fehlpass von Julian Draxler die Abstimmung zwischen Torwart Kevin Trapp und Emre Can nicht, Rodrigo zögerte aber zu lange, so dass ihm Trapp mit einer riskanten Grätsche von hinten den Ball wieder abluchsen konnte.

De Gea mit starken Paraden

In dieser Phase ging es hin und her: Auf der anderen zwang Julian Draxler de Gea zu einer Fußabwehr. Der bei Manchester United in der abgelaufenen Saison extrem flatterhafte Keeper war Sekunden später wieder brillant auf dem Posten, als Leroy Sané den linken Winkel anvisiert hatte.

Die Spanier blieben aber gefährlich, nach einem abgelegten Kopfball hatte Sergio Busquets eine gute Schusschance, Trapp war aber rechtzeitig im bedrohten Eck. Das DFB-Team ließ sich danach etwas zu weit in die eigene Hälfte drängen, hatte aber durch Timo Werner und Sané zwei ordentliche Konterchancen, die aber ungenutzt blieben.

Can und Rüdiger extrem fehlerhaft

Kurz vor der Pause kamen die Spanier noch einmal gefährlich vors deutsche Tor, weil einmal mehr der auffällig langsame Can patzte: Rodrigo scheiterte aber erneut an Trapp. Neben Can war auch Antonio Rüdiger ein großes Problem in der deutschen Abwehr, immer wieder führten seine Fehlpässe im Aufbau zu gefährlichen Situationen.

Ausgesprochen blass bis beinahe unsichtbar agierte im ersten Durchgang auch Debütant Robin Gosens von Atalanta Bergamo. Das änderte sich nach fünf Minuten im zweiten Durchgang schlagartig. Ilkay Gündogan spielte Gosens mit einem überragenden 50-Meter-Pass frei, der legte den Ball am Strafraum perfekt quer auf Werner - und der neue Chelsea-Stürmer vollstreckte eiskalt flach ins linke Eck.

Werner im Doppel-Pech

Danach hatten die Deutschen in Stuttgart alles im Griff. Erst scheiterte Werner aus halbrechter Position am erneut gut reagierenden de Gea - dass er wegen Abseits anschließend zurückgepfiffen wurde, war eine Fehlentscheidung. Sekunden später stand Werner nach einem (zu) selbstlosen Abspiel von Sané erneut frei vor dem spanischen Tor, der Winkel war aber etwas zu spitz, so dass er nur das Außennetz traf.

In der 66. Minute hatte dann Can das 2:0 auf dem Fuß. Der Dortmunder war nach der Auswechslung des angeschlagenen Sané und der Einwechslung von Matthias Ginter ins Mittelfeld vorgerückt und hatte Pech, dass nach seiner Klasse-Einzelleistung de Gea noch einen Fuß an den Ball bekam.

Zu wenig Entlastung

Von Spanien kam bis zur 70. Minute gar nichts mehr, erst Thiagos Schlenzer knapp am rechten Eck vorbei sorgte für ein bisschen Gefahr. Diese Szene sorgte allerdings für eine Verschiebung der Kräfte. Die Taktik von Bundesrainer Joachim Löw, nach Sanés Auswechslung nur noch mit einer Spitze weiterzuspielen, erwies sich als riskant: Deutschland hatte kaum noch Entlastung und stellte sich viel zu tief hinten rein.

Löw setzte dem ganzen noch die Krone auf, als er kurz vor dem Ende Werner durch einen weiteren Innenverteidiger ersetzte: Mit Robin Koch waren am Ende zehn Defensivspieler auf dem Platz. Allerdings fiel den Spaniern vor dem Tor auch nicht mehr allzu viel ein.

Löws Defensivtaktik rächt sich am Ende

Die wenigen Halbchancen entschärfte der sehr aufmerksame Trapp. Und als Ansu Fati in der Nachspielzeit per Kopfball traf, machte Sergio Ramos den Treffer durch einen rüden Ellenbogenschlag gegen Ginter zunichte. Als alles schon nach einem sicheren Sieg aussah, trafen die Spanier dann aber doch noch: Gaya bugsierte den Ball in der 96. Minute aus kurzer Distanz über die Linie.

Etwas bizarr an diesem Ausgleich war die Tatsache, dass ausgerechnet die grobe Unsportlichkeit von Sergio Ramos für die Verlängerung der Nachspielzeit gesorgt hatte. Der Kapitän der Spanier sagte hinterher: "Wir fahren zufrieden nach Hause, weil wir uns für unseren Aufwand am Ende noch belohnt haben." Über seinen Ellenbogenschlag ins Gesicht von Ginter sagte er nichts.

Quelle: sportschau.de

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