Beim Zielsprint der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt kam es zu einem Horrorsturz. | Bildquelle: ANDRZEJ GRYGIEL/EPA-EFE/Shutters

Polen-Rundfahrt Staatsanwaltschaft ermittelt nach Horrorsturz

Stand: 07.08.2020 17:04 Uhr

Wenige Meter vor dem Zielstrich der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt ist Fabio Jakobsen am Mittwoch schwer gestürzt. Nach einer fünfstündigen OP lag der Niederländer zwei Tage im künstlichen Koma - daraus ist er jetzt wieder erwacht. Verursacher Dylan Groenewegen hat sich entschuldigt.

"Wir haben gute Nachrichten aus dem Krankenhaus in Sosnowiec. Fabio Jakobsen ist nach dem Koma jetzt wach. Sein Zustand ist gut", teilten die Tour-Organisatoren am Freitag (07.08.2020) per Twitter mit. "Der Patient ist bei Bewusstsein, er wird nicht mehr künstlich beatmet, der Blutdruck ist normal. Wir sind sehr zufrieden mit seinem Zustand", sagte der stellvertretende Klinikdirektor Pawel Gruenpeter laut Nachrichtenagentur PAP. Nun stehe die Rehabilitation an. In etwa zwei Wochen könne Jakobsen voraussichtlich nach Hause zurückkehren. Eine Rückkehr in den Sport hält er für möglich.

Am ersten Todestag des Belgiers Bjorg Lambrecht war die Polen-Rundfahrt der Radprofis erneut von einem schweren Unfall überschattet worden. Im Finale der ersten Etappe in Kattowitz stürzte Jakobsen bei rund 80 km/h brutal in die Absperrgitter. Im Sprint um den Sieg hatte der Niederländer Dylan Groenewegen (Jumbo-Visma) seinen Landsmann vom Team Deceuninck-Quick Step kurz vor der Ziellinie bei höchstem Tempo abgeräumt.

Insgesamt gab sich Gruenpeter vorsichtig optimistisch. "Auf der Basis der Untersuchungen gehen wir davon aus, dass das Nervensystem keine Schäden aufweisen wird", sagte er dem Portal Wirtualna Polska. Allerdings warnte der Mediziner auch: "Die klinischen Symptome können sich noch ändern."

Groenewegen entschuldigt sich

Groenewegen brachte am Folgetag sein Bedauern über den folgenschweren Sprint und den schrecklichen Sturz seines Landsmanns Jakobsen zum Ausdruck. "Was gestern geschehen ist, ist schrecklich. Ich finde keine Worte, um zu beschreiben, wie leid es mir tut für Fabio und die anderen, die gestürzt sind oder betroffen waren", schrieb er auf Twitter.

Nach Angaben von Jakobsens Team Deceuninck-Quick Step hat er schwere Verletzungen im Gesicht. "Alle Knochen in seinem Gesicht sind gebrochen", sagte Patrick Lefevere, der Manager des Rennstalls, im belgischen Radio, wie die niederländische Nachrichtenagentur ANP berichtete. Der Zustand sei "sehr schlimm."

Auch Groenewegen muss operiert werden

Auch der Verursacher des Sturzes musste operiert werden. Der Direktor des Teams Jumbo-Visma, Richard Plugge, erklärte am Donnerstag auf der Homepage des Teams, Groenewegen habe sich einem Eingriff am Schlüsselbein unterzogen.

Teamchef Merijn Zeeman und Direktor Plugge hatten Groenewegen im Krankenhaus im polnischen Opole besucht. "Dylan findet es schrecklich, was geschehen ist. Er war sichtlich angeschlagen. Auch für ihn zählt zur Zeit nur die Genesung von Fabio und der anderen, die bei dem schrecklichen Sturz verletzt wurden." Die Team-Leitung will in Kürze ausführlich mit Groenewegen über den Hergang des Unfalls reden.

Staatsanwaltschaft eingeschaltet

"Das war ein krimineller Akt von Groenewegen. Er gehört dafür in den Knast, dafür würde ich vor Gericht ziehen", hatte Lefevere schon am Mittwoch getwittert. Inzwischen hat sich die Staatsanwaltschaft von Kattowitz eingeschaltet. "Bis jetzt wurden drei Zeugen befragt, einschließlich eines Veranstalters", sagte Beata Ksiazek-Nowicka von der Staatsanwaltschaft der polnischen Nachrichtenagentur PAP. Die Polizei hat bereits Aufnahmen des Unfalls sowie die Räder der verletzten Fahrer gesammelt. Jakobsen stürzte nach rechts in die Absperrung und prallte gegen einen Fotografen. Groenewegen flog ebenfalls vom Rad, überquerte die Ziellinie aber als Erster. Der Jumbo-Profi wurde allerdings nach kurzer Zeit disqualifiziert und Jakobsen zum Sieger des Rennens erklärt.

Diverse weitere Fahrer stürzten in der Folge, zum Teil spektakulär über umherfliegende Gitter. Der unmittelbar an Bahngleise grenzende Zielraum glich einem Schlachtfeld, mehrere Krankenwagen hielten an der Ziellinie.

"Dumme Bergab-Sprints"

Der Radsportweltverband kündigte am Mittwochabend bereits Maßnahmen an: "Die UCI verurteilt auf das Schärfste das gefährliche Verhalten des Fahrers Dylan Groenewegen, der Fabio Jakobsen wenige Meter vor dem Ziel in die Absperrung geschickt und damit einen Massencrash ausgelöst hat", hieß es in einem Statement. Der Weltverband teilte mit, dass der Fall wegen des "unakzeptablen Verhaltens" sofort für weitere Sanktionen an die Disziplinar-Kommission weitergeleitet worden sei.

Fahrervereinigung fordert Strafen

Die Fahrervereinigung CPA hat die UCI aufgefordert, die für den folgenschweren Unfall Verantwortlichen "ausfindig zu machen und strafrechtlich zu verfolgen". In dem Statement fordert die Vereinigung außerdem "schwere Strafen für diejenigen, die Unfälle verursachen".

"Wir können die Sicherheit der Athleten nicht mehr dem Glück anvertrauen oder hoffen, dass der Veranstalter richtig handelt", sagte CPA-Präsident Gianni Bugno: "Strenge Regeln und noch strengere Kontrollen sind notwendig." Fehler zu machen sei "menschlich, aber manchmal kann es schwerwiegende Folgen haben. Die Fahrer müssen ausgebildet werden. Wir sind die ersten, die exemplarische Strafen für diejenigen fordern, die Fehler machen, aber wir erwarten dieselbe Professionalität von denen, die eine Veranstaltung organisieren. Als CPA fordern wir seit Jahren, dass die Barrieren überprüft werden und sicher sind. Wir haben das auch in der letzten Sitzung der UCI-Arbeitsgruppe für Technik und Reglement gefordert. Bisher sind unsere Appelle aber ungehört geblieben", sagte Bugno.

Der deutsche Fahrer Simon Geschke äußerte nach der Etappe deutliche Kritik an den Veranstaltern: "Jedes Jahr derselbe dumme Bergab-Sprint bei der Polen-Rundfahrt. Jedes Jahr frage ich mich, warum die Organisatoren denken, das sei eine gute Idee. Massensprints sind gefährlich genug, man braucht kein Bergab-Finale mit 80 km/h!"

Deutsche Fahrer nicht vom Sturz betroffen

Vor exakt einem Jahr am 5. August 2019 war der Belgier Lambrecht auf der 3. Etappe der Tour de Pologne bei Regen gegen einen Betonpfeiler geprallt und später im Krankenhaus gestorben. Der Lotto-Soudal-Jungprofi wurde nur 22 Jahre alt.

Die deutschen Profis waren vom Crash nicht betroffen. Topsprinter Pascal Ackermann (Kandel/Bora-hansgrohe) lag zu weit zurück und kam unbeschadet als 16. ins Ziel, auch sein Teamkollege Maximilian Schachmann (Berlin) war vier Tage nach seinem vierten Platz bei Strade Bianche nicht ganz vorne dabei. John Degenkolb (Gera/Lotto-Soudal) griff bei mehr als einer Minute Rückstand nicht in den Sprint ein, bester Deutscher war sein Teamkollege Roger Kluge (Eisenhüttenstadt) auf Platz neun.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 06. August 2020 um 02:41 Uhr.

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