Auszubildung im Bäckerhandwerk

Ausbildungsmarkt in der Krise Wer will schon Bäcker oder Fleischer werden?

Stand: 01.08.2016 19:00 Uhr

Tausende junge Leute beginnen Anfang August eine Berufsausbildung. Viele Lehrstellen sind noch unbesetzt. Zugleich suchen aber viele Bewerber noch eine Stelle. Woran liegt das?

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

Beleuchtungen, Photovoltaikanlagen, Datennetzwerke - damit haben Geschäftsführer Tobias Koppen und sein Team in Oberhausen zu tun. Der Elektrobetrieb hat 63 Mitarbeiter, seit heute auch sechs neue Lehrlinge. Einer von ihnen hat erst am Freitag seinen Vertrag unterschrieben. Die Lehrlinge zu finden sei nicht einfach gewesen, erzählt Koppen.

Dabei hatte er über 100 Bewerber. "Viele wollen den Beruf ergreifen, aber die Zugangsqualifikationen sind ein Problem", sagt Koppen. Die Voraussetzung: Gute Noten in Mathematik und Physik sowie ein guter Realschulabschluss oder die gymnasiale Oberstufe.

Doch nur mit guten Noten ist es nicht getan: "Der Bewerber braucht auch eine gute Einstellung zur Arbeit. Wir arbeiten unter den Augen des Kunden, müssen zum Beispiel pünktlich sein." Das wird in einem Praktikum getestet. Das Ergebnis: "Oft fehlt die Einstellung bei den Bewerbern", sagt Koppen. "Vor allem sucht das elektronische Handwerk Nachwuchs", sagt Andreas Ehlert, Präsident des Nordrhein-Westfälischen Handwerkstages, zu tagesschau.de. Der Grund: Die Branche wächst besonders stark. Alleine im Düsseldorfer Raum suchen die Unternehmen noch 129 angehende Elektroniker.

Zahl der Ausbildungsverträge gesunken

Dem Bildungsbericht 2016 zufolge sank die Zahl der neuen Ausbildungsverträge im vergangenen Jahr auf etwa 480.000. Insgesamt ist die Zahl der Ausbildungsverträge im dualen System aus betrieblicher Lehre und Berufsschule von 2006 bis 2015 um etwa 50.000 zurückgegangen. Nur jede fünfte Firma in Deutschland bildet noch aus. Zugleich klagen die Unternehmen, dass ihnen die Bewerber fehlen.

Bewerber fehlen auch im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dort sind zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres im Handwerk noch viele Lehrstellen unbesetzt. Gesucht wird Nachwuchs in allen Branchengruppen - zum Beispiel für Augenoptiker, Sanitärtechniker oder Dachdecker. Nach dem offiziellen Beginn des Ausbildungsjahres am 1. August würden erfahrungsgemäß im Herbst noch etliche Lehrverträge abgeschlossen. Dennoch rechnet die Arbeitsgemeinschaft der Industrie- und Handelskammern in NRW für dieses Jahr mit einer steigenden Zahl unbesetzter Lehrstellen.

Auszubildende: Dachdecker
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Dringend gesucht: Dachdecker...

Auszubildende: Kochlehrlinge | Bildquelle: dpa
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... und Köche. Aber bringt der Job Perspektiven?

Perspektive nach der Ausbildung?

Offene Lehrstellen gibt es traditionell im Bereich Bau, Bäcker, Konditor oder Fleischer - ein bundesweiter Trend, sagt Bildungsforscher Martin Baethge vom Soziologischen Forschungsinstitut an der Universität Göttingen: Bestimmte Berufe mit einem hohen Ausbildungsangebot seien für Jugendliche nicht attraktiv. Das liege an Ausbildungsinhalten, Ausbildungszeiten und Bezahlung. "Etwa die Hälfte derjenigen, die zum Beispiel eine Ausbildung zum Koch oder Bäcker gemacht haben, ist danach nicht ausbildungsadäquat beschäftigt. Das ist schwierig", kritisiert Baethge.

Ein Problem: Angebot und Nachfrage nach Lehrstellen passen häufig nicht zusammen: "Die Angebot-Nachfrage-Relation ist seit mehr als einem Jahrzehnt unausgeglichen. Das Angebot unterschreitet die Nachfrage deutlich", sagt Baethge zu tagesschau.de. Dabei gibt es regionale Unterschiede: In den Ballungszentren von Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Hamburg sei das Angebot deutlich zu niedrig für die hohe Nachfrage. In bestimmten Bereichen von Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern hingegen ist es umgekehrt. "Dort gibt es zu wenige Bewerber", sagt Baethge. Im Osten habe dies auch etwas mit dem demografischen Wandel zu tun, es gebe dort inzwischen deutlich weniger Schulabsolventen.

Viele freie Stellen

Beispiel Sachsen-Anhalt: In dem ostdeutschen Bundesland dürfte theoretisch kein junger Erwachsener auf der Suche nach einem Ausbildungsbetrieb leer ausgehen. Doch nach Angaben der zuständigen Arbeitsagentur in Halle suchen noch etwa 3300 Jugendliche eine Stelle. Frei sind noch 4400 Lehrstellen. Heißt im Klartext: Viele werden frei bleiben. "Für viele Unternehmen, insbesondere in den neuen Ländern, ist die Situation mit Blick auf die eigenen Fachkräfte der Zukunft sehr angespannt", sagt der Chef der Arbeitsagentur-Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen, Kay Senius, zu tagesschau.de. Auch in Thüringen rechnet man damit, dass in diesem Jahr wieder viele Stellen unbesetzt werden. Auf 2600 Bewerber ohne Lehrstelle kommen derzeit 5000 offene Stellen. Unbeliebt sind hier vor allem Handel, Gastronomie und Friseurhandwerk.

Besonders schwierig finden Jugendliche mit Hauptschulabschluss einen Ausbildungsplatz: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beklagt, dass unter den Jugendlichen ohne Ausbildungsvertrag überdurchschnittlich viele mit Hauptschulabschluss seien. "Es kann nicht sein, dass Unternehmen eine Bestenauslese betreiben und gleichzeitig über Bewerbermangel klagen", kritisiert Sandro Witt vom DGB Hessen-Thüringen. Die Firmen müssten Bewerbern aller Schulzweige eine Perspektive geben. Auch Wissenschaftler Baethge sieht hier die Betriebe in der Pflicht: Sie müssten die Bewerber ausbildungsreif machen und dabei unterstützt werden. Es liege nicht nur an der Abneigung der Jugendlichen gegenüber bestimmten Jobs, auch die Betriebe müssten bestimmte Ausbildungen attraktiver gestalten.

Jugendliche wollen studieren

Insgesamt geht der Trend immer weiter zur Akademisierung: Inzwischen macht mehr als die Hälfte eines Jahrgangs Abitur. Viele streben akademische Berufe an, keine Ausbildung. "Qualifikatorisches Upgrading auf dem Arbeitsmarkt" nennt Wissenschaftler Baethge das. Während die Universitäten bei rund 2,8 Millionen Studenten aus allen Nähten platzen, ist das Interesse an der beruflichen Bildung im stetigen Sinkflug. Das Handwerk setzt inzwischen auf die Studienabbrecher, ein Drittel aller Studienanfänger. "Denen machen wir gute Angebote, Studienzeiten können auf die duale Ausbildung angerechnet werden", sagt der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer, zu tagesschau.de. Er warnt vor der "Akademisierungsfalle": Bis 2030 werde es drei Millionen mehr Akademiker geben und eine Million weniger Fachkräfte. "Der Umfang der Akademisierung geht am Arbeitsmarkt vorbei", warnt Wollseifer.

Studenten im Hörsaal
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Viele junge Menschen streben heute ein Studium an.

Hoffnung auf "Meister-Bafög"

Das Bundesbildungsministerium reagiert auf das gesunkene Interesse an der dualen Ausbildung, will sie aufwerten: Während im vergangenen Jahr noch das Interesse am "Meister-Bafög" nachließ, soll nun die berufliche Weiterbildung attraktiver werden: Das "Meister-Bafög" bekommt ab heute ein neues Etikett - heißt nun "Aufstiegs-Bafög". Das bedeutet mehr Geld für angehende Handwerksmeister und Fachkräfte. Die Botschaft: Auch Lehrberufe sind attraktiv und bieten Aufstiegsmöglichkeiten. Das Handwerk hofft auf einen spürbaren Nachfrage-Schub. "Das Gesetz setzt ein wichtiges Signal zur Attraktivitätssteigerung der höheren Berufsbildung. Die Förderung wird in weiten Teilen spürbar verbessert. Es ist ein Schritt hin zur Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Bildung", sagt Wollseifer.

Was ist neu am "Aufstiegs-Bafög"?

Das "Aufstiegs-Bafög" soll Aufstiegswilligen die Entscheidung für eine Weiterbildung finanziell erleichtern und Familienfreundlichkeit in den Mittelpunkt stellen. Die Förderbeiträge steigen für Lebensunterhalt und Lehrgangskosten. Zudem erhöhen sich die Zuschläge für Kinderbetreuung und der sogenannte Erfolgsbonus. Die Erhöhung der maximalen Unterhaltsbeiträge wirkt sich so aus: Für Alleinstehende gibt es einen Zuwachs von 697 auf 768 Euro im Monat, für Alleinerziehende von 907 auf 1003 Euro, für Verheiratete mit einem Kind von 1122 auf 1238 Euro, für Verheiratete mit zwei Kindern von 1332 auf 1473 Euro.

Auch in den Betrieben hofft man auf die Unterstützung: Elektro-Unternehmer Tobias Koppen sieht es positiv, wenn der Meister gefördert wird: "Ein Unternehmen zu führen, muss wieder unternehmerisch interessant werden. Der Weg dahin muss ermöglicht werden", sagt Koppen: "Das sichert die Zukunft der mittelständischen Unternehmen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 1. August 2016 um 22:15 Uhr.

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