Eine Hand feilt an einem Werkstück. | Bildquelle: dpa

Fehlende Bewerber Corona-Lücke bei den Azubis

Stand: 01.12.2020 16:02 Uhr

Im Sommer sah es noch so aus, dass sich viele Betriebe keine Ausbildungsstellen leisten können. Jetzt suchen viele nach Jugendlichen, um offene Lehrstellen zu besetzen.

Von Ingrid Bertram, WDR

Pierre Drescher hat kaum Zeit für ein Interview. In seinem Malereibetrieb in Dortmund ist ständig Kundschaft. Von Malerarbeiten über Bodenbeläge bis zu Elektroarbeiten bietet Drescher alles aus einer Hand. 20 Mitarbeiter sind dafür im Einsatz. Zwei Lehrlinge hat er derzeit, aber er könnte noch zwei weitere gebrauchen. Doch es bewerben sich immer weniger, sagt Drescher. "Früher hatten wir die Bewerbermappen stapelweise auf dem Tisch." Jetzt müssen er und sein Sohn selbst auf die Suche nach geeigneten Jugendlichen gehen.

Zwölf Prozent weniger Bewerber

Bundesweit fehlt es an Bewerbern. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl um mehr als zwölf Prozent gesunken - auf knapp 200.000 Bewerber. So wenige gab es schon lange nicht mehr. Gleichzeitig wurden auch acht Prozent weniger Lehrstellen angeboten. Aber dennoch konnten viele Stellen nicht besetzt werden. Allein in Nordrhein-Westfalen sind jetzt noch 5900 Ausbildungsstellen zu vergeben.

Corona macht Auswahlverfahren schwer

Über die Handwerksammer suchen Drescher und sein Sohn regelmäßig. Aber Corona macht es den Betrieben und Jugendlichen besonders schwer. Die Bewerbungsphase im Frühjahr fiel mitten in den Lockdown. Viele Betriebe mussten von jetzt auf gleich auf digitale Bewerbungsgespräche umschwenken, Handwerkskammer und IHK mussten Bewerbungsmessen online aus dem Boden stampfen.

In vielem habe man sich bemüht, und vieles sei gelungen, meint Berthold Schröder von der Handwerkskammer Dortmund. Doch eines konnten sie nicht mehr nachholen: die praktische Berufsorientierung rund um Ostern. Normalerweise machen da viele Schulabgänger ihre Praktika und entscheiden sich im besten Fall für einen Betrieb. Das ist dieses Jahr ausgefallen.

Verunsicherung unter den Jugendlichen

Auch unter den Jugendlichen ist die Verunsicherung groß. Denn natürlich gibt es Branchen wie die Gastronomie, Automobilindustrie oder auch Friseure, in denen deutlich weniger Lehrstellen angeboten wurden. Manche Betriebe haben erst im vergangenen Monat ihre Ausbildungsplätze gemeldet, weil das Geschäft jetzt wieder läuft.

"Das 5. Quartal"

Seit September stecken die Arbeitsagenturen und die Handwerks-, Industrie- und Handelskammern viel Energie in die Nachvermittlung. "Das 5. Quartal" heißt die Aktion, bei der Betriebe und Jugendliche zusammengebracht werden. Mit Erfolg, meint Christoph Löhr von der Arbeitsagentur NRW: Im Oktober waren allein in dem Bundesland noch 11.000 Ausbildungsstellen nicht besetzt. Bis heute konnten 5000 Stellen nachvermitteln werden.

"Man kann auch im Dezember eine Ausbildung beginnen", sagt der Handwerkskammer-Experte Schröder. Doch er weiß, das Fenster schließt sich bald. Wer jetzt die Lehre beginnt, muss den Stoff von August bis heute nachholen. Und viele Absolventen haben sich mittlerweile für andere Wege entschieden: Fachabitur, freiwilliges soziales Jahr oder einfach nur Jobben, um Geld zu verdienen.

Facharbeitermangel nimmt zu

Der Azubi-Mangel wird sich ins nächste Jahr verlagern. Aber im kommenden Frühjahr werden wahrscheinlich noch immer Praktika fehlen, die Berufsberatung wird weiter digital stattfinden. Gleichzeitig wächst die Lücke bei den Fachkräften: In den kommenden fünf Jahren werden allein in NRW 340.000 Beschäftigte aus Ausbildungsberufen in Rente gehen.

An den Jugendlichen liege es nicht, sagt BA-Experte Löhr. "Es gibt viele Jugendliche, die gerne eine Ausbildung machen." Doch viele wissen nicht, dass es noch offene Stellen gibt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. Juni 2020 um 09:25 Uhr.

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