Eine Alitalia-Maschine auf dem Rollfeld  | Bildquelle: AFP

Alitalia und Benetton Vom bösen Buben zum Retter

Stand: 16.07.2019 17:05 Uhr

Nach dem Brückeneinsturz von Genua war die Benetton-Familie als Betreiber in die Schusslinie der Regierung geraten. Jetzt hilft sie bei bei der Rettung der teilstaatlichen Fluglinie Alitalia - ein kluger Schachzug.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Der Einstieg von Benetton bei Alitalia ist auch die Geschichte einer spektakulären Kehrtwende. Die Regierung in Rom, und speziell Wirtschaftsminister Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung, hatte der Unternehmerfamilie aus Ponzano Veneto den Kampf angesagt und ihr mit Entzug ihrer wichtigsten Einnahmequelle gedroht.

Der Chef der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung, di Maio | Bildquelle: AP
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Erst harte, dann warme Worte für Benetton: Wirtschaftsminister Di Maio.

Ausgangspunkt des heftigen Konflikts Regierung gegen Benetton war der 14. August vergangenen Jahres. Da stürzte in Genua eine Autobahnbrücke ein - und die populistische Fünf-Sterne-Bewegung machte dafür als Hauptverantwortlichen schnell den Betreiber Autostrade per l’Italia aus, der sich im Besitz der Benetton-Familie befindet.

Di Maio macht Benetton für Katastrophe verantwortlich

Im Wettlauf um das politische härteste Auftreten nach dem Unglück sprach sich der Wirtschaftsminister dafür aus, dem Benetton-Unternehmen so schnell wie möglich alle Lizenzen für den Betrieb von Autobahnen in Italien zu entziehen. Es war nicht weniger als eine wirtschaftspolitische Kriegserklärung Di Maios. "Diese Leute hätten mit dem Geld, das sie von den Italienern an den Mautstellen eingenommen haben, die Brücke instandhalten müssen", sagte Di Maio. "Das hat ihre Firma nicht gemacht und die Brücke ist eingestürzt. Dafür muss sie bezahlen."

Heute klingt Di Maio ganz anders. Mit ihrem Last-Minute-Einstieg in das Konsortium für la Nuova Alitalia, die neue Alitalia, hat die Benetton-Familie der Regierung und dem Wirtschaftsminister das Gesicht gerettet. Monatelang hatte Di Maio vergeblich nach einem weiteren, potenten Geldgeber in Italien gesucht, ehe sich kurz vor Ablauf der Bieterfrist die Benetton-Familie mit ihrem Infrastrukturkonzern Atlantia bereit erklärte, bei der Rettung der Airline mitzumachen.

Der Wirtschaftsminister verkündete den Einstieg von Benetton in einem Facebook-Post mit einer Mischung aus Erleichterung und Begeisterung: "Wir können sagen, dass wir die Basis für einen Neustart der Alitalia gelegt haben. Wir haben es geschafft, eine Lösung zu finden - und dies ist ein großes Ergebnis."

Kaum Interessenten für Alitalia

Für die Regierung und Di Maio drohte die Causa Alitalia zur Blamage zu werden. Rund ein Jahr lang zeigten seriöse Unternehmen dem Wirtschaftsminister die kalte Schulter, wenn es um eine Beteiligung an der Fluglinie ging, die - trotz jahrelange Verluste - immer noch als nationales Symbol in Italien gilt. Die Bieterfrist musste viermal verschoben werden. Die Lufthansa verzichtete, weil sie in das angeschlagene Unternehmen nur einsteigen wollte, wenn der Staat sich komplett zurückzieht.

Nun also steht Benetton mit seinem Atlantia-Konzern als Retter kurz vor ultimo ein - um gemeinsam in einem Konsortium mit der staatlichen Eisenbahngesellschaft Ferrovie dello Stato, der US-amerikanischen Fluggesellschaft Delta und auch einer Beteiligung des Finanzministeriums, die Fluglinie wieder flott zu machen.

Pleite vor zwei Jahren

Vor zwei Jahren hatte Alitalia Insolvenz anmelden müssen, seitdem fliegt die Airline nur dank eines staatlichen Brückenkredits. Benetton ist für die Regierung ein Segen - nicht nur weil ihr Atlantia-Konzern über die finanzielle Potenz verfügt, Alitalia auf die Beine zu helfen. Atlantia hat zusätzlich auch Erfahrung im Air-Business, unter der Leitung der Benetton-Familie ist der früher chaotische Flughafen Rom-Fiumicino zu einem mehrfach für Service-Qualität ausgezeichneten Spitzen-Airport geworden.

Im Konflikt mit der Regierung gibt sich Benetton, wie schon in den vergangenen Monaten, zurückhaltend-professionell und betont, der geplante Einstieg folge rein wirtschaftlichen Überlegungen. Wirtschaftsminister Di Maio lässt trotz aller Freude über den Einstieg Benettons bei Alitalia nicht erkennen, dass er im Gegenzug Zugeständnisse machen will im Streit um die Folgen des Brückeneinsturzes.

Es bleibe dabei, so Di Maio, dass die Regierung das Verfahren, der Benetton-Familie die Lizenzen für die Autobahnen zu entziehen, fortführe - ein Schritt, der angesichts der aktuellen Entwicklung bei Alitalia völlig unlogisch erscheint: Die Regierung würde einem Konzern Geld entziehen, das er auf der anderen Seite braucht, um die von der Regierung mitbetriebene Fluglinie zu retten. Aus Sicht von Benetton ist der Einstieg bei Alitalia ein politisch cleverer Schachzug.

Alitalia - oder wie Benetton vom bösen Buben zum Retter wurde
Jörg Seisselberg, ARD Rom
16.07.2019 16:07 Uhr

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