Montage von Autos | Bildquelle: dpa

Folgen der Corona-Krise Autoindustrie droht Absatzeinbruch

Stand: 17.04.2020 06:45 Uhr

Ganz langsam fahren die Autohersteller ihre Produktion wieder hoch. Doch bis die internationalen Lieferketten funktionieren, kann es noch Wochen dauern. Wann die Konjunktur wieder in Gang kommt, ist unklar. Es droht ein massiver Absatzeinbruch. Zehntausende Jobs sind in Gefahr.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Mehrere Wochen lang standen die Bänder bei BMW, Daimler, VW, Audi und Porsche still. Nun soll die Produktion schrittweise wieder angefahren werden. VW wird in der kommenden Woche die Werke in Zwickau und Bratislava hochfahren. Eine Woche später soll es in Wolfsburg und den übrigen deutschen Produktionsstätten wieder losgehen. Bei Daimler sollen einzelne Werke ab dem kommenden Montag wieder hochlaufen. Audi nimmt die Produktion eine Woche später auf. BMW lässt sich noch etwas mehr Zeit.

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Von der Rückkehr zur Normalität kann aber noch lange keine Rede sein. Das Hochlaufen bis zur vollen Kapazität wird vermutlich noch mehrere Wochen oder gar Monate dauern. "Der Hochlauf wird viel Zeit benötigen", sagt Hildegard Müller, Präsidentin des Autoverbands VDA.

Lieferkette immer noch gestört

Denn die Autohersteller sind auf zahlreiche Lieferanten angewiesen, die Bauteile wie Ventile oder Einspritzpumpen produzieren. Einige von ihnen sitzen im Ausland, zum Beispiel in Italien, und befinden sich immer noch im "Shutdown". Zudem beeinträchtigen Grenzschließungen die Einfuhr von Lieferteilen.

Selbst wenn die Lieferketten wieder stabil funktionieren, dürfte die Nachfrage nur schleppend in Schwung kommen. Automanager rechnen mit einer langen Durststrecke. Es werde womöglich Jahre dauern, bis die Industrie das Produktionsniveau des Rekordjahres 2017 wieder erreiche, meinte Conti-Chef Elmar Degenhart im "Spiegel".

Überkapazitäten von 25 Prozent

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni St Gallen prophezeit, dass in diesem Jahr die Pkw-Produktion in Deutschland auf 3,8 Millionen Fahrzeuge schrumpfen wird. Das wären 900.000 weniger als 2019 und sogar 1,3 Millionen Autos weniger als 2018. Er sieht somit Überkapazitäten von 25 Prozent.

Der dramatische Produktionseinbruch bedroht tausende Jobs. "Gut 100.000 Arbeitsplätze könnten gefährdet sein", warnt Dudenhöffer. Also jeder 12. Beschäftigte in der Autoindustrie muss um seine Stelle bangen.

Zulieferer in der Falle

Besonders hart getroffen von der Corona-Krise sind die Zulieferer. Sie sind kleiner als die globalen Autokonzerne und stehen viel stärker unter Kostendruck. Die ersten hat es schon erwischt. Der Zulieferer Leoni musste Staatshilfe beantragen. Und der Batteriehersteller Moll meldete Ende März Insolvenz an. "Bisher haben wir nur den Auftakt der Krise", sagt Conti-Chef Degenhart. "Das zweite und dritte Quartal dürften erheblich schwieriger werden."

Entwicklung der Pkw-Neuzulassungen in Deutschland
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Entwicklung der Pkw-Neuzulassungen in Deutschland

Die jüngsten Absatzzahlen zeigen schon jetzt, wie schlimm es um die Autobranche steht. Im März sackten die Neuzulassungen in Deutschland um 38 Prozent ab. In Spanien wurden 69 Prozent, in Frankreich 73 Prozent und in Italien sogar 85 Prozent weniger Autos verkauft. "Der Neuwagenmarkt liegt europaweit am Boden", stellt Peter Fuß, Autoexperte von EY fest.

Im April dürfte es noch schlimmer kommen als im März, denn die Produktion ruht seit Monatsbeginn. Auch wenn die Autohäuser ab dem kommenden Montag wieder öffnen, ist vorerst nicht mit einem riesigen Ansturm der Kunden zu rechnen. In der momentan unsicheren Lage kaufen die Bürger eher Produkte für den täglichen Bedarf wie Mehl und Klopapier als ein Auto für mehrere Tausend Euro.

Deutscher Automarkt dürfte zweistellig schrumpfen

Autoexperte Dudenhöffer rechnet mit einem Absatzrückgang von 20 Prozent in Deutschland in diesem Jahr. EY sieht im günstigsten Fall 15 Prozent weniger Neuzulassungen. Es könnte aber auch schlimmer ausfallen.  Bereits im ersten Quartal schrumpften die Verkäufe in Deutschland um 20 Prozent auf 701.300 Pkw ein.

Welt-Pkw Markt
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Welt-Pkw Markt

Auch in den anderen Regionen der Welt sieht es nicht besser aus. In Italien und Frankreich dürfte der Absatz laut Prognosen von Dudenhöffer um ein Viertel sinken. In den USA droht ein Minus von 20 Prozent. Etwas glimpflicher könnte die Entwicklung verlaufen. Im Reich der Mitte prophezeit Dudenhöffer einen Einbruch von 15 Prozent. Insgesamt dürfte der Welt-Automarkt 2020 um 18 Prozent auf gut 65 Millionen Fahrzeuge zurückgehen. Im vergangenen Jahr wurden noch fast 80 Millionen Pkw verkauft.

Hoffen auf Abwrackprämien mit Öko-Komponente

Um die Nachfrage wieder anzukurbeln, hofft die Autobranche auf Konjunkturprogramme und Kaufanreize. So schlugen die Chefs der deutschen Autokonzerne Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Abwrackprämie für ältere Benzin- und  Dieselfahrzeuge vor. Je niedriger der CO2-Ausstoß des neuen Autos ist, desto höher würden die Zuschüsse ausfallen, heißt es laut Plänen der Autoindustrie.

Branchenexperte Dudenhöffer geht das nicht weit genug. Er fordert eigene Initiativen der Autohersteller. Sie könnten beispielsweise günstige Auto-Abos anbieten. Kunden würden dann für einen fixen Monatsbeitrag einen Neuwagen für sechs, 12, 18 oder 24 Monate nutzen. Falls sie arbeitslos werden, könnten sie das Abo wieder auflösen. Vorbild sei hier Hyundai, das in der Finanzkrise 2008/09 Autokäufern ermöglichte, ihr Fahrzeug wieder zurückzugeben, wenn sie ihren Job verlieren.

Werden E-Autos endlich salonfähig?

Möglicherweise könnte die Auto-Krise den lange erhofften Durchbruch für Elektrofahrzeuge bringen. Im März zog der Verkauf von batteriegetriebenen Autos um über 50 Prozent hierzulande an. Die Neuzulassungen von Plug-in-Hybriden verdreifachten sich. Für E-Autos gibt es eine "Umweltprämie" des Bundes von bis zu 6.000 Euro.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. April 2020 um 11:00 Uhr im Wirtschaftsressort.

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