Brasilien

Vor den Präsidentschaftswahlen Brasilien tanzt am Abgrund

Stand: 05.10.2018 06:45 Uhr

Der Rechtspopulist Jair Bolsonaro, "Brasiliens Trump", ist nicht der Traumkandidat der Finanzmärkte. Doch noch mehr fürchten sie einen Sieg der Linken. Wer wird Brasilien steuern, die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas - und vor allem: wohin?

"Versöhnen statt spalten": So lautete das Motto des 2006 verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD). Das klang zwar schon damals irgendwie naiv und regte den Durchschnittszyniker zu leichtem Spott an. Wenn man aber den Zustand vieler moderner Gesellschaften betrachtet, wäre "Versöhnen statt spalten", ein Vorschlag, über den es sich lohnte nachzudenken. Gerade in Brasilien, denn vor der Wahl an diesem Sonntag ist die Wählerschaft in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas extrem polarisiert.

"Die Präsidentschaftswahlen werden von der Korruption des gesamten politischen Establishments und einer Zeit des rasanten wirtschaftlichen Niedergangs bestimmt. Beides hat dazu geführt, dass die brasilianischen Wähler mehr als jemals zuvor in der Geschichte des Landes gespalten und unzufrieden sind", kommentiert Edwin Gutierrez, Head of Emerging Market Sovereign Debt bei Aberdeen Standard Investments.

Brasiliens gigantische Verschuldung

Brasilien ist die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Im Jahr 2017 erwirtschaftete sie ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1.981 Milliarden Dollar (2017). Die Wirtschaft ist nach der scharfen Rezession in den Jahren 2015 und 2016, als das BIP um 3,6 und 3,5 Prozent schrumpfte, wieder auf dem Weg der Besserung – viel mehr aber auch nicht. Der IWF geht für 2018 von einem inflationsbereinigten Wachstum von 1,8 Prozent aus. Problematisch ist den IWF-Experten zufolge aber die hohe Staatsverschuldung. Zudem fehlten dringend erforderliche Finanzreformen. In den vergangenen fünf Jahren ist die Staatsverschuldung von rund 60 Prozent des BIP auf aktuell deutlich fast 90 Prozent gestiegen. Der in diesem Jahr bereits um rund 20 Prozent abgerutschte Real markierte zuletzt ein Zwei-Jahres-Tief.

Völlig verrohter politischer Diskurs

Die Umfragen führt der Rechtspopulist Jair Bolsonaro an. Bolsonaro wird als "Trump Brasiliens" bezeichnet und bedient die Sehnsucht nach einem starken Mann. Der als rassistisch und frauenverachtend geltende Bolsonaro ist auffällig geworden durch Hetze gegen Homosexuelle und Schwarze. Der Ex-Fallschirmjäger lobt die Militärdiktatur der Jahre 1964 bis 1985 und will mit laxeren Waffengesetzen gegen die hohe Kriminalitätsrate vorgehen.

Jair Bolsonaro
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Jair Bolsonaro

Deutlich hinter ihm liegt der frühere Bürgermeister von Sao Paulo, der Linkskandidat Fernando Haddad. Haddad (PT) tritt als Ersatz für den Ex-Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva an, der wegen der Annahme von Schmiergeld hinter schwedischen Gardinen sitzt. Im ersten Wahlgang muss einer der Kandidaten eine Mehrheit von mindestens 50 Prozent erreichen. Gelingt das nicht, folgt am 28. Oktober eine Stichwahl. Damit rechnen die meisten Beobachter.

Eine Herkulesaufgabe für den Präsidenten

Wie vergiftet das Klima ist, zeigte sich vor einigen Wochen, als Bolsonaro bei einem Messerangriff verletzt wurde. Die Straße spielt eine wichtige Rolle im Wahlkampf: Demonstrationen und Märsche für oder gegen Bolsonaro wechseln einander ab, die Stimmung ist aufgeheizt. Die Meinungen pendeln zwischen "Alle für Bolsonaro" und "Der nicht".

Die Probleme mit denen das Land zu kämpfen hat, sind ernst. "Die wirtschafts- und finanzpolitischen Aufgaben der nächsten vier Jahre stellen eine Herkulesaufgabe dar", analysieren die Experten der DZ Bank. Kurzfristig gehe es darum, die bislang nur moderate Erholung aus der tiefen Rezession von 2015/2016 zu festigen und dabei das Investitionsumfeld für die Unternehmen zu verbessern. "Die eigentliche Aufgabe heißt aber Budgetkonsolidierung", so ihr Fazit.

"Renten könnten das Budget sprengen"

Denn die Staatsverschuldung Brasiliens ist gigantisch: "Ganz gleich, wer Brasiliens neuer Präsident wird - er muss dringend das Haushaltsdefizit bekämpfen", sagt auch Douglas Reed, globaler Stratege und Ökonom im Emerging Market und Asian Equity Team von Newton IM. Also sollte nach Ansicht vieler Fachmänner gespart werden, natürlich bei den Sozialausgaben, und privatisiert werden soll unbedingt auch. "Die entscheidende Frage ist, ob die neue Regierung eine grundlegende Reform des äußerst kostenintensiven Rentensystems durchsetzen kann", meint auch Reed.

Brasilien: Staatsverschuldung 2008 bis 2018 in Relation zum Bruttosozialprodukt
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Brasilien: Staatsverschuldung 2008 bis 2018 in Relation zum Bruttosozialprodukt

Eine gründliche Reform des öffentlichen Pensionssystems sei erforderlich, schreiben auch die Analysten der DZ Bank. "Ausgaben wie jene der Rentenkasse drohen schon bald, Brasiliens Staatsbudget zu sprengen", heißt es in ihrer Studie.

Der Markt mag’s marktfreundlich

Als Menschenfreund kann man Bolsonaro gewiss nicht bezeichnen. Aber er gilt als "marktfreundlicher Kandidat" und findet mehr Beifall bei den Ökonomen als Haddad. Ihm traut man eher zu als seinem Kontrahenten, Reformen durchzusetzen. Haddad mangele es an Engagement für die Rentenreform und für andere Elemente der Haushaltskonsolidierung, behauptet Mike Hugman, Portfolio-Manager bei Investec AM. Die Investoren favorisieren einen Sieg Bolsonaros: Mit den positiven Umfragen der vergangenen Tage steigt auch der brasilianische Aktienmarkt.

Fernando Haddad
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Fernando Haddad

Die globalen Märkte dürften eine Wahl Bolsonaros ebenfalls goutieren. Zuletzt grassierte die Furcht vor einer Neuauflage der Schwellenländerkrise. Sollte Brasilien tiefer im Schuldensumpf versinken, könnte sich die Krise verschärfen, die zum einen mit der Zinspolitik der Fed zusammenhängt, aber von hausgemachten Problemen der Länder mit verursacht wird.

Bolsonaro mag marktfreundlich sein, ein Demokratiefreund ist er nicht: "Ich werde das Wahlergebnis nicht akzeptieren, wenn ich nicht gewinne", hatte Bolsonaro jüngst gesagt. Ein Sieg Haddads wäre "ein Beweis dafür, dass die PT auf Wahlbetrug setzt" - übrigens nicht gerade eine einleuchtende Schlussfolgerung. Einige Beobachter fürchten für diesen Fall bereits ein Eingreifen des Militärs.

Das mag zwar übertrieben sein. Aber ein bisschen Versöhnung, wie sie sich "Bruder Johannes" einst wünschte, klingt trotzdem wie die bessere Variante.

Quelle: boerse.ard.de
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