Rocket Internet

Rocket Internet vor Börsen-Rückzug Von der Kursrakete zum Rohrkrepierer

Stand: 23.09.2020 06:45 Uhr

Ich bin dann mal weg! Immer mehr Firmen verschwinden von der Frankfurter Börse. So will sich bereits sechs Jahre nach dem IPO die Startup-Schmiede Rocket Internet vom Parkett verabschieden - zum Leidwesen vieler Aktionäre.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Die Samwer-Brüder hatten große Pläne. Nach dem Vorbild von Google, Amazon und Alibaba sollte Rocket Internet das erste deutsche Internet-Unternehmen werden, das weltweit erfolgreich ist. Abseits der Konkurrenz von Silicon Valley und Alibaba sollte Rocket zur führenden Internet-Plattform außerhalb der USA und Chinas werden.

Kurs hat sich halbiert

Oliver Samwer vor der Frankfurter Börse
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Oliver Samwer vor der Frankfurter Börse

Im Oktober 2014 startete das Berliner Unternehmen mit großem Tam-Tam an der Frankfurter Börse - zum Ausgabekurs von 42,50 Euro pro Aktie. "We rock the internet", prangte auf den Fahnen vor dem Börsengebäude. Nach anfänglichen Verlusten zündete die Kursrakete mit Verspätung. Die Aktie schnellte bis auf 53 Euro hoch. Doch dann ging es kontinuierlich abwärts, die Kursrakete entpuppte sich als Rohrkrepierer. Heute ist das Papier mit 18,65 Euro gerade nur noch halb so viel wert wie beim Börsengang.

Der Traum vom "deutschen Amazon" an der Börse ist geplatzt. Firmengründer Oliver Samwer hat es nicht geschafft, Rocket Internet dauerhaft rentabel zu machen. Im ersten Halbjahr erzielte der Internet-Inkubator einen Verlust von zwölf Millionen Euro – nach einem Gewinn von 548 Millionen Euro vor einem Jahr. Wesentliche Beteiligungen und Gemeinschaftsunternehmen von Rocket Internet blieben im zweiten Quartal in den roten Zahlen.

Startups gründen und an die Börse bringen

Rocket Internet gründet oder investiert in Internet- und Technologieunternehmen, die es dann später an die Börse bringt und dabei Kasse macht. Das Geschäftsmodell funktioniert so: Mit hohen Verlusten wird zunächst rasch ein rasantes Wachstum finanziert. Erst wenn die Firmen eine gewisse Marktdominanz erreicht haben, steht das Thema Profitabilität im Vordergrund. Laut früheren Angaben von Samwer muss eine Internetfirma nach sieben bis zehn Jahren Gewinne erwirtschaften.

Rocket-Gründer Samwer hat sich immer wieder geärgert, dass sein Unternehmen hauptsächlich an der Profitabilität gemessen werde. Auf Roadshows und Konferenzen wies er stets auf die hohen Wachstumsraten der Startup-Schmiede hin. Während amerikanische Medien über Umsatzsprünge berichten, würde die deutsche Presse nur die Verluste sehen, klagte er.

Delisting: Keine Lust mehr auf Quartalsberichte

Nun hat Samwer genug. Der Startup-Investor will sich von der Börse zurückziehen. Rocket verspreche sich vom Delisting geringere Kosten sowie ein erhöhtes Maß an unternehmerischer Freiheit, um das Potenzial des Unternehmens und seiner Ressourcen ausschöpfen zu können, begründete Firmengründer Samwer den Schritt. Die Abwesenheit vom Aktienmarkt mit seinen Berichtspflichten und der Vielzahl von Inhabern soll den Besitzern um die Samwer-Brüder einen längerfristigen Unternehmenskurs ermöglichen, hieß es. Im Klartext: Die Rocket-Manager haben es satt, sich jedes Quartal vor Investoren und Aktionären rechtfertigen zu müssen.

Die Rocket-Aktionäre sollen 18,57 Euro je Aktie als Abfindung bekommen. Auf der heutigen Hauptversammlung dürfte das Angebot für viel Unmut sorgen. Aktionärsschützer sind empört. "Das ist eine bodenlose Frechheit", klagt die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). "Samwer hinterlässt in Deutschland verbrannte Erde", schimpft Michael Kunert, Vertreter der SdK. Anteile der Aktionäre würden gewissermaßen in die Taschen von Herrn Samwer fließen. Die Rocket-Aktionäre würden ein letztes Mal über den Tisch gezogen, kritisiert auch E-Commerce-Experte Jochen Krisch auf Twitter.

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Aktionärsschützer sehen "Betrug"

Die deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) moniert gar „legalen Betrug“. Früher hatte ein Wertgutachten über die Höhe der Abfindung für freie Aktionären entschieden. Nun orientiere sich die Abfindung allein an der Höhe des Durchschnittskurses der letzten sechs Monate vor Ankündigung des Delisting. "Das ist fatal", kritisiert Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. Die Aktionärsschützer sprechen von einem neuen Tiefschlag nach dem Wirecard-Desaster und sehen die Aktienkultur in Deutschland einmal mehr beschädigt.

Drei digitale Erfolgsgeschichten

Was bleibt von Rocket Internet nach dem gescheiterten Börsen-Ausflug? Gut 20 Beteiligungen, von denen ein paar durchaus erfolgreich sind. So haben der Online-Modehändler Zalando, der Kochboxen-Versender Hellofresh und der Essenslieferdienst Delivery Hero den Durchbruch geschafft. Sie gelten als digitale Erfolgsgeschichten.

Delivery Hero, das immer noch rote Zahlen schreibt, hat jüngst den Sprung in den Dax geschafft. Zalando hat eine ähnlich hohe Börsenbewertung wie Delivery Hero und könnte bald auch in die erste deutsche Börsenliga aufsteigen. Der Online-Modehändler ist inzwischen hoch profitabel und hat von der Corona-Krise zusätzlich profitiert. Auch Hellofresh ist ein Corona-Gewinner. An dem Kochboxen-Versender hält Rocket Internet inzwischen allerdings keine Anteile mehr. Der letzte Rest der Beteiligung wurde vor der Corona-Krise im Mai 2019 abgestoßen.

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Fortschritte macht auch der Online-Modehändler Global Fashion Group, der zu einer Art Zalando in den Schwellenländern werden soll. Die Aktien haben sich zuletzt erholt und sind über den Ausgabekurs gesprungen. Die Global Fashion Group hat ihre Verluste reduziert.

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Einige Beteiligungen enttäuschen (bisher)

Weniger gut sieht es bei den anderen Samwer-Kreationen aus. Die Aktien der Online-Möbelhäuser Home24 und Westwing notieren unter ihrem Ausgabekurs. Immerhin hat sich zuletzt Home24 in der Corona-Krise kräftig erholt. Erstmals hat im ersten Halbjahr 2020 die Rocket-Beteiligung operativ schwarze Zahlen geschrieben. Home24 lockte vor allem während des Lockdowns neue Käufer an, weil viele Möbelhäuser geschlossen waren. Ob dieser Trend anhält, muss sich zeigen. Home24 verspricht, „in nicht allzu ferner Zukunft" nachhaltig profitabel zu sein.

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Schwer tut sich Jumia, das „Amazon Afrikas“. Die Online-Plattform türmt hohe Verluste auf und hat sich aus Teilen Afrikas wieder zurückgezogen. Die an der New Yorker Börse notierte Aktie ist abgestürzt. Zur Jahreswende hat sich Rocket von Jumia getrennt.

Weitere Firmen im Rocket-Portfolio sind der Putzhilfenvermittler Helpling, der Immobilienvermittler Bluenest aus Singapur, die Logistikfirma Everstox sowie die Kaffeekette Flash Coffee. Sie sind noch nicht an der Börse. Welche Beteiligungen von Rocket das Zeug haben, zum nächsten Zalando oder Delivery Hero zu werden, wird die spannendste Frage nach dem Börsenrückzug von Rocket sein.

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Das Imperium von Rocket Internet

Zalando-Schuhe

Zalando
Zalando ist die erste Erfolgsgeschichte des Rocket-Internet-Imperiums. Das 2009 gegründete Unternehmen hat am schnellsten den Sprung in die Profitabilität geschafft und hat sich zu Europas größtem Online-Modehändler entwickelt. In der Corona-Krise lockte der Online-Händler Millionen neuer Kunden an. Die Aktien von Zalando sind im MDax gelistet und notieren mit 78 Euro klar über dem Ausgabekurs von 21,50 Euro. Zalando gilt als möglicher Dax-Aufstiegskandidat in naher Zukunft.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 24. September 2020 um 10:07 Uhr.

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