Delivery Hero

Aufstieg in den Dax Profit liefert Delivery Hero noch nicht

Stand: 24.08.2020 06:35 Uhr

Delivery Hero ist im Dax gelandet: Das erst seit drei Jahren börsennotierte Unternehmen gilt, ähnlich wie einst Wirecard, als deutsche Erfolgsgeschichte der New Economy. Ist der Lieferdienst die nächste Aktien-Blase, oder ist der Held des Tages gekommen um zu bleiben?

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

Kein Anschluss unter dieser Nummer: Wer Deutschlands neuen Dax-Konzern Delivery Hero testen und sich ein leckeres Menü liefern lassen möchte, wird enttäuscht sein: Hierzulande nimmt der Konzern keine Bestellungen mehr entgegen. Die deutschen Marken Foodora, Lieferheld und Pizza.de hat das Berliner Unternehmen Ende 2018 an den niederländischen Konkurrenten Takeaway.com für rund eine Milliarde Euro verkauft. Ein neuer Dax-Konzern ohne Deutschland-Geschäft - das ist neu in der Geschichte des deutschen Leitindex.

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Delivery Hero: Kein Deutschland-Geschäft mehr

Die Unternehmensgruppe liefert Essen in über 40 Ländern aus und besc häftigt etwa 25.000 Mitarbeiter. Der wichtigste Markt ist Asien mit einem Umsatzanteil von mehr als 40 Prozent, dahinter liegt Afrika und der Nahe Osten. In Europa ist Delivery Hero noch im Norden und im Südosten vertreten, Lateinamerika gilt als großer Wachstumsmarkt.

Jetzt liefern, Gewinne später 

Ebenso einmalig ist, dass der Dax-Konzern Delivery Hero kein profitables Geschäft macht. Dabei erlebt das Unternehmen, das im Jahr 2011 von Niklas Östberg gegründet wurde, gerade einen wahrhaft rasanten Aufstieg. Im Sommer 2017 folgte der Börsengang, der Ausgabepreis der Aktie lag bei 25,50. Aktuell müssen Anleger rund 100 Euro für einen Anteilsschein hinblättern. Alleine in den vergangenen 12 Monaten hat der Börsenwert um mehr als 130 Prozent zugelegt.

Derzeit ist der Delivery Hero an der Börse über 20 Milliarden Euro wert. Damit spielt das Unternehmen in einer Liga mit Continental oder RWE - und ist deutlich mehr wert als die Deutsche Bank. Kritiker beklagen immer wieder, dass der Bringdienst operativ noch keine Gewinne schreibe. Damit sei der Beweis, dass das Geschäftsmodell profitabel ist, noch nicht erbracht.  

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Delivery Hero: Atemberaubende Wachstumszahlen

Immer wieder erhalten sie zur Antwort: Die Börse sei eine Wette auf die Zukunft. Die Wachstumsgeschichte stimme. Da ist etwas dran. Delivery Hero liefert Wachstumszahlen, von denen arrivierte Konzerne nur träumen können.

Es ist soweit, wenn es soweit ist

Im zweiten Quartal 2020, das völlig von der Corona-Pandemie bestimmt war, verdoppelte sich der Umsatz beinahe von 315 Millionen Euro auf 612 Millionen. Im laufenden Geschäftsjahr sollen die Erlöse insgesamt zwischen 2,6 und 2,8 Milliarden Euro liegen. 2019 waren es knapp 1,5 Milliarden – fast doppelt so viel wie 2018.

Niklas Östberg
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Niklas Östberg, Gründer und Vorstandschef

Trotzdem erwirtschaftete Delivery Hero 2019 einen operativen Verlust von 648 Millionen Euro. Und das operative Minus wurde trotz Umsatzsprung größer, denn im Jahr 2018 waren es noch 242 Millionen minus. Für Beobachter deutet das darauf hin, dass mit dem Umsatz auch die Kosten steigen – wie und wann soll Delivery Hero dann Gewinne machen? Vorstandschef Östberg hält sich zu diesem Thema bedeckt, und möchte sich nicht auf ein festes Ziel festlegen lassen.  

Rettungsanker "Verticals"

Wo ist das Problem? Solange die Plattform praktisch für eine Bestellung die Vermittlungsgebühr kassiert und die Restaurants selbst liefern, ist das Geschäft für Delivery Hero lukrativ, weil geringe Kosten anfallen. Sorgen machen aber die eigenen Boten: Die Pedale der Lieferanten müssen wirbeln, wenn sich das Geschäft lohnen soll. Egal wie niedrig der Lohn ist und wie flexibel die Angestellten: Jede Minute, in der Boten nichts liefern, wird bezahlt, ohne das Geld eingenommen wird.

Wenn man als Lieferunternehmen also eigene Fahrer hat und die Lohnkosten nicht ins Nichts drückt, kann man nur Geld verdienen, wenn die Fahrtstrecken möglichst kurz sind und man die Fahrerflotte auch für sonstige Zustellungen nutzt.  

Planvoll oder getrieben?

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Delivery Hero: Auf die Schnelligkeit kommt es an

Genau das hat Östberg vor. Mittlerweile liefert Delivery Hero längst auch andere Produkte aus. Dazu gehören Arzneimittel, Blumen, Lebensmittel aus dem Supermarkt und Elektronikwaren. Sogar dem Branchengiganten Amazon will Östberg mit extrem schnellen Lieferzeiten Konkurrenz machen - von 15 Minuten nach Bestellung ist die Rede.

Delivery Hero betreibt schon eigene lokale Lagerhäuser, damit zügig zugestellt werden kann. Nur kostet auch das wieder richtig Geld, und der Erfolg ist ungewiss. Geld und Erfahrung haben Amazon und Jeff Bezos um ein Vielfaches mehr. 2019 machte Amazon bei einem Umsatz von 280 Milliarden Dollar 11,6 Milliarden Gewinn.

Übrig bleiben ist das Ziel

Umsatz Online-Food-Delivery global
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Umsatz Online-Food-Delivery global

Hinzu kommt, dass die Konkurrenz auf dem Markt für Lieferdienste riesig ist, da Experten Wachstumsraten prognostizieren, die Investoren und Unternehmen nicht gleichgültig lassen können. So sind Uber, Grab und das Softbank-Unternehmen Rappi in den Markt eingestiegen. Auch Amazon mischt mittlerweile mit.   

Eins ist jedenfalls gewiss: Nur große Anbieter, die über eine beherrschende Marktstellung verfügen, können künftig Geld verdienen. Je fragmentierter der Markt, desto höher die Kosten und geringer die Margen.

Längst sorgen Übernahmen für eine Konsolidierung der Branche, übrig bleiben werden nur die mächtigsten Spieler. Wenn Delivery Hero künftig dazugehört, sprudeln irgendwann auch die Gewinne. Andernfalls wird die Zeit im Dax nur eine kuriose Episode sein.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete BR24 am 24. August 2020 um 08:42 Uhr.

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