Ein Mann fährt auf einem Elektro-Tretroller | Bildquelle: REUTERS

Elektrische Tretroller Glänzende Zukunft für E-Scooter?

Stand: 14.06.2019 06:45 Uhr

Es ist soweit: E-Scooter werden die deutschen Innenstädte erobern. Beinahe alle Experten sagen der sogenannten Mikromobilität eine glänzende Zukunft voraus. Sharing-Dienste und sogar Autokonzerne stehen bereit, um die vielen Milliarden abzugreifen, die auf diesem Markt verdient werden können.

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

Wir haben wieder ein neues Wort gelernt: Mikromobilität. Gemeint sind damit E-Tretroller genauso wie E-Bike- und Elektroroller, die man sowohl selbst besitzen als auch – zumindest in den größeren Städten - über Leihunternehmen mieten kann. In diesem Zusammenhang wird von der „letzten Meile“ gesprochen. Darunter versteht man das Schlussglied in einer Mobilitätskette, etwa der Weg von der U-Bahn-Station zum Arbeitsplatz. Mit einem E-Scooter lässt sich dieser Weg bequem zurücklegen.

E-Scooter sollen nicht nur den Verkehr entlasten, sie böten auch den Vorteil, schnell und flexibel zu sein, finden Fachleute. Für viele Politiker und insbesondere für die einschlägige Industrie ist die Zulassung des E-Scooter ein Baustein einer ökologischen Verkehrswende und einer modernen Mobilität.

VOI Scooter
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VOI Scooter: Mann auf Spielgerät

Der Chef der Polizeigewerkschaft, Oliver Malchow, äußert sich dagegen zurückhaltend. Er sieht E-Scooter als „Spielgeräte“. Ob jemand dafür sein Auto stehen lasse, sei „die große Frage“ – die sich in der Tat auch andere Skeptiker stellen. Malchow glaubt, dass um die Geräte „eher ein Hype“ gemacht werde.

Wer bietet mehr Milliarden?

Und was für einer: Der Markt hinter dem Thema Mikromobilität soll gigantisch sein, wenn man sich nach den optimistischen Zahlenangeboten der Expertenschaft in den Beratungsunternehmen richtet. Nach Einschätzung der Experten von McKinsey lassen sich bis 2030 mit Mikromobilitäts-Angeboten in Europa bis zu 150 Milliarden Dollar umsetzen. Weltweit sollen es sogar bis zu 500 Milliarden Dollar sein, schreiben sie in einer aktuellen Studie.

„Zwei Faktoren erklärenden den aktuellen Boom“, meint Kersten Heineke, Partner bei McKinsey. „Die Nutzer mögen diese günstige und intuitive Form der Mobilität, zumal beispielsweise E-Tretroller in Städten oft das schnellste Verkehrsmittel sind.“ „Mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in Städten mit mehr als einer Million Einwohnern“, sagt Florian Weig, McKinsey-Seniorpartner.

Mikromobilität: Geschätzter Markt bis 2025
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Mikromobilität: Geschätzter Markt bis 2025

Die durchschnittliche Geschwindigkeit, mit denen man sich in diesen Städten fortbewegt, sei laut McKinsey nicht höher als 15 km/h. „Mikromobilität kann hier eine Lösung sein“, so Weig. Der Markt wachse zwei- bis dreimal so schnell wie Carsharing oder E-Hailing, also App-basierte Fahrdienste. 

Vor allem ist Rollerfahren auch ein Weg, um wieder das Kind in sich zu entdecken und herauszulassen, finden die Experten der Boston Consulting Group (BCG): „Abgesehen vom praktischen Aspekt der E-Scooter, ist es ein Element der Freude, das sie zu bieten haben. Jeder, vom Manager im Anzug bis zum Studenten in Jeans, kann sich wieder wie ein kleines Kind fühlen“, jubeln die sich sonst so vernunftgesteuert gebenden Analysten.

Für uns der Spaß, für die Industrie die Milliarden: Die Einschätzung der BCG ist zwar konservativer, trotzdem sind es immer noch 40 bis 50 Milliarden Dollar, die sie dem Markt für Mikromobilität global bis 2025 zutrauen. Weitere Vorteile laut BCG: Die Parkplatzsuche fällt weg und man gerät nicht ins Schwitzen. Den individuellen Schweißbedarf bedient dann die Fitnessindustrie – ebenfalls ein Milliardenmarkt.

E-Scooter first, Bedenken später?  

Was die potenziellen Nutzer davon halten, hat der Digitalverband Bitkom ermittelt. 43 Prozent der 16- bis 64-Jährigen würden auf private Autofahrten in der Stadt verzichten, wenn es ausreichend E-Scooter gäbe, ist das Ergebnis einer Bitkom-Umfrage. Quer durch alle Altersgruppen ist jeder zweite Bundesbürger überzeugt, dass E-Scooter ein wichtiger Beitrag zum Umweltschutz wären.

Kritikern zufolge könnten sie zudem noch ein wichtiger Beitrag zu wachsendem Risiko im Straßenverkehr sein. Die Sicht der Polizei vertritt Malchow: „Übersehen zu werden, mit anderen zu kollidieren, die Gefahr besteht natürlich.“ Was Unfallchirurgen denken, erfahren wir von Christopher Spering (Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie), der mit der „NOZ“ gesprochen hat: „Im Stadtverkehr sind E-Scooter hochgefährlich, auch weil sich andere Verkehrsteilnehmer nur extrem schwer darauf einstellen können.“

E-Scooter: Geeignet für kurze Distanzen
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E-Scooter: Geeignet für kurze Distanzen

Der ADFC kritisiert, dass das Auto immer noch 60 Prozent des Straßenraums belegt und die E-Scooter auf den ohnehin schon unterdimensionierten Rad- und Fußwegen fahren sollen. Die Naturschutzorganisation BUND warnt vor „zugemüllten“ Innenstädten.

Schluss mit dem „Gesetz des Dschungels“

Die praktischen Erfahrungen in anderen europäischen Städten zeigen, dass die Bedenken keineswegs aus der Luft gegriffen sind. In Paris werden derzeit die Vorschriften verschärft. Ein Parkverbot auf Gehwegen wurde angekündigt, der Gebrauch in Parks und Gärten soll verboten werden. Zudem soll ab Juli die Geschwindigkeit der Roller auf 20 km/h begrenzt werden - in Fußgängerzonen sogar auf acht km/h. Ab Herbst sollen in ganz Frankreich strengere Regeln gelten. Die Verkehrsministerin Elisabeth Borne will damit das „Gesetz des Dschungels" beenden.

Lime-S E-scooter
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Lime-S E-Scooter: "Gesetz des Dschungels" in den Innenstädten

Hierzulande wird das große Sharing-Business jetzt anlaufen: International gesehen dürfte das US-Startup Lime am Start sein, auch der Konkurrent Bird scheint in den Startlöchern zu stehen. Deutsche Startups wie Tier Mobility und Flash sowie das Unternehmen Hive, hinter dem Daimlers Taxivermittler Mytaxi steckt, stehen ebenfalls bereit. VW hat bald einen eigenen E-Scooter im Angebot, BMW bietet schon jetzt den X2-City E-Scooter an. Und über die verschiedenen konzerneigenen Sharingdienste ist eine Vermietung nicht ausgeschlossen. Die Kassen können also klingeln.

Grob geschätzt würden laut BCG übrigens 35 Prozent aller persönlichen Trips über Distanzen gehen, die geringer sind als zwei Kilometer. Vielleicht erinnert sich der umworbene Nutzer irgendwann an eine andere Lösung für die berühmte letzte Meile - eine Lösung, für die man keine App braucht, keine Internet-Plattform und keinen Sharing-Dienst, die sich aber trotzdem über Jahrtausende als sehr smart erwiesen hat: zu Fuß gehen. Das ist nicht nur aus verkehrspolitischen Gründen eine glänzende Idee, es ist weitgehend emissionsfrei, es ist relativ ungefährlich, kostenlos und sogar noch gesund.

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Das sind die Profiteure des E-Scooter-Booms

Bird E-Scooter

Bird E-Scooter
Der kalifornische Anbieter Bird hat als Branchenvorreiter bei der Vermietung schon gezeigt, wie stürmisch die Entwicklung sein kann. Das erst im September 2017 gegründete Start-up aus Santa Monica hat bei der Bewertung Experten zufolge die Milliarden-Dollar-Schwelle überschritten und bereits die zwei Milliarden im Visier. Wagniskapitalgeber haben Bird zuletzt weitere 150 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. Vermietet werden die E-Scooter per App für einen Dollar und dann 15 Cents je Minute.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete NDR 90,3 Aktuell am 14. Juni 2019 um 14:00 Uhr.

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