EZB-Chefin Christine Lagarde | Bildquelle: REUTERS

Ein Jahr EZB-Chefin Lagarde Oberste Moderatorin mit Schwächen

Stand: 29.10.2020 06:35 Uhr

In internen Sitzungen hält sich EZB-Chefin Lagarde zurück und moderiert die Debatten. Bei öffentlichen Auftritten unterschätzte sie nach dem Amtsantritt vor einem Jahr zunächst die Wirkung ihrer Worte.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Nach ihrem Amtsantritt am 1. November 2019 sah es zunächst nach einer ruhigen Zeit für Christine Lagarde aus. Die Wirtschaft brummte, die Arbeitslosigkeit war europaweit gesunken und ihr Vorgänger Mario Draghi hatte noch kurz vor seinem Abschied die Geldschleusen weiter geöffnet.

Eine günstige Gelegenheit für Lagarde, sich zunächst inneren Angelegenheiten zu widmen, etwa die Stimmung der Notenbankgouverneure zu heben, nachdem die rüden Führungsmethoden des Mario Draghi für Verärgerung gesorgt hatten. Auch startete die am 1. Januar 1956 in Paris geborene Französin eine Charmeoffensive in Richtung deutsche Öffentlichkeit.

Keine Erfahrung in der Geldpolitik

So trat sie auf einem Bankenkongress auf, flog zu einer Feierstunde zu Ehren Wolfgang Schäubles nach Berlin und scheute auch nicht davor zurück, sich mit Frankfurts Oberbürgermeister vor einem Teller "Grüner Soße" ablichten zu lassen. Ob sie die für französische Gaumen eher ungewöhnliche Speise auch verzehrt hat, ist nicht bekannt.

Doch anders als in der Diplomatie ist Lagarde in Sachen Geldpolitik weniger bewandert. Tatsächlich hat sie weder im Bankgeschäft noch im Zinsgeschäft eine Erfahrung vorzuweisen, war sie doch meist als Politikerin tätig. Von Juni 2007 bis Juni 2011 arbeitete sie als französische Wirtschafts- und Finanzministerin. Auch ist sie, im Gegensatz zu ihrem Vorgänger, keine gelernte Ökonomin, sondern Juristin.

Unglückliche Äußerungen

Das muss kein Nachteil sein, aber bei den internen Sitzungen zur Geldpolitik halte sich Lagarde eher zurück und höre zu, berichten Insider. Die Erklärung von Feinheiten überlässt sie ihrem Chefvolkswirt Philip Lane. Lagarde selbst übernimmt eher die Rolle der obersten Moderatorin. Doch auf den Pressekonferenzen nach der Zinssitzung der Notenbank muss sie Farbe bekennen - und offenbart dabei gelegentlich ihre Schwäche. Auch scheinen ihr die Auswirkungen ihrer Aussagen vor laufenden Kameras und Mikrofonen anfangs nicht bewusst gewesen zu sein.

So verteuerte sie im März ungewollt die Schuldenaufnahme Italiens mit der Aussage, es sei nicht Aufgabe der Geldpolitik, die Risikoaufschläge für Anleihen hochverschuldeter Staaten zu dämpfen. In der Sache hatte sie damit zwar Recht, dennoch war die Aussage ein folgenschwerer Fehler, denn die Risikoaufschläge für italienische Staatspapiere schossen unmittelbar danach in die Höhe. Damit hatte die EZB-Chefin dem ohnehin schon hart getroffenen Land die Finanzierung verteuert.

Vorsichtiger geworden

Die Renditen gingen zwar in der Folge wieder zurück, doch zeigt der Vorfall, dass die Investoren jedes Wort der Notenbanker auf die Goldwaage legen. Zuletzt verplapperte sich Lagarde auf der Pressekonferenz im September. Dabei sorgte ihre Aussage, die EZB verfolge kein explizites Wechselkursziel, für einen heftigen Anstieg des Euro. Prompt interpretierten die Märkte die Aussage so, als ob der EZB die seit Monaten beobachtete Stärke des Euro egal sei. Später musste Volkswirt Lane die Äußerung korrigieren.

Weitere Kursinformationen zu Euro in US-Dollar

Seitdem sei Lagarde bei Auftritten in der Öffentlichkeit vorsichtiger geworden, heißt es aus der Notenbank. Dennoch hat sie der EZB eine neue Offenheit verordnet und einen Bürgerdialog gestartet. Denn im Gegensatz zu ihren Vorgängern will sie die Geldpolitik für alle Bürger verständlicher formulieren.

Geldpolitik erntet bei Bürgerdialog viel Kritik

Bei der Anhörung diverser Interessenverbände im Oktober, von Gewerkschaften bis Umweltschützern, schlug der Notenbank allerdings erhebliche Kritik, ja offene Feindschaft, entgegen. Besonders die Nullzinspolitik ist offenbar vielen Bürgern ein Dorn im Auge, hat sie doch dazu geführt, dass ihr Erspartes keine Zinsen mehr abwirft. Und daran wird sich nach Aussage von Volkswirt Lane auf absehbare Zeit auch nichts ändern.

Dass Lagarde im Zweifelsfall auch rasch und entschieden handeln kann, hat sich im Frühjahr gezeigt. So verkündete sie zu Beginn der Pandemie im März ein 750 Milliarden Euro schweres Anleihekaufprogramm, das inzwischen auf unfassbare 1,35 Billionen erhöht wurde. Und auch diese Summe könnte sich angesichts der derzeit anrollenden zweiten Corona-Welle noch als unzureichend erweisen.

Ökonomen ziehen gemischte Bilanz

Welches Fazit lässt sich also nach einem Jahr Christine Lagarde an der Spitze einer der mächtigsten Institutionen der Welt ziehen? Nach Einschätzung von Volkswirten und Geldpolitikexperten, die von der "Börsen-Zeitung" dazu befragt wurden, fällt die Bilanz gemischt aus.

Anerkennung gibt es vor allem für das Corona-Krisenmanagement und die von Lagarde angestoßene erste Strategieüberprüfung seit dem Jahr 2003. Doch eine allzu offensive Geldpolitik stößt auf Kritik. So moniert etwa Friedrich Heinemann, leitender Ökonom am ZEW, dass Lagarde nun den Eindruck erwecke, auch die Klima- und Sozialpolitik in Europa machen zu wollen. "Wenn sie hier weiter so offensiv ist, läuft das auf eine Grenzüberschreitung des geldpolitischen Mandats hinaus – und gefährdet in letzter Konsequenz die EZB-Unabhängigkeit."

Vorerst keine weitere Lockerung erwartet

Eine weitere Öffnung der Geldschleusen bereits an diesem Donnerstag gilt aber als unwahrscheinlich. Ökonomen erwarten erst im Dezember eine Aufstockung und Verlängerung des Anleihekaufprogramms PEPP bis Ende 2021. Auch eine weitere Senkung des Leitzinses sei zunächst nicht zu erwarten.

So sei die Wirtschaft im dritten Quartal stärker als von der EZB erwartet gewachsen. Dem stünden angesichts steigender Neuinfektionen Wachstumsrisiken gegenüber. "In dieser unübersichtlichen Lage ein Gesamturteil zu fällen, ist nicht einfach - zumal der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl und der Brexit-Verhandlungen noch unklar sind", schreibt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Oktober 2020 um 05:40 Uhr.

börse.ard
Darstellung: