Arbeiter auf einer Einfamilienhaus-Baustelle

EZB-Ratssitzung Wird Bauen trotz Nullzinspolitik teurer?

Stand: 10.12.2020 06:35 Uhr

Auf ihrer letzten Ratssitzung in diesem Jahr dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Geldschleusen noch weiter öffnen. Was das für Verbraucher und Bauherren bedeutet.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Auch wenn die Impfungen gegen das Corona-Virus in Europa allmählich anlaufen, rechnen Volkswirte für die letzte Zinssitzung in diesem Jahr mit gleich mehreren Maßnahmen. Aus Sicht der Experten will die Europäische Zentralbank erreichen, dass die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen und Verbraucher weiterhin günstig bleiben und die Renditen der Staatsanleihen auf niedrigem Niveau verharren.

"Denn die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie sind noch lange nicht vorbei", warnt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. "Entsprechend dürfte die EZB ihren Instrumenteneinsatz hochhalten. So sollte das Wertpapierkaufprogramm aufgestockt und verlängert sowie dem Bankensektor weitere langfristige Refinanzierung zur Verfügung gestellt werden."

Verlängerung und Aufstockung erwartet

Im Blickpunkt stehen vor allem die großangelegten Anleihenkäufe der Währungshüter, darunter insbesondere das inzwischen auf 1,35 Billionen Euro angelegte Pandemie-Kaufprogramm PEPP, das eigentlich Mitte nächsten Jahres auslaufen soll.

Commerzbank Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet eine Verlängerung der PEPP-Käufe bis Ende 2021 und eine Aufstockung um 600 Milliarden Euro. Sein Argument: "Bei einer derartigen Erhöhung wäre die EZB auf der sicheren Seite, weil sie dann einen zusätzlichen Puffer für den Fall hätte, dass sie wie im letzten Frühjahr auf Ausschläge an den Märkten reagieren will."

Kein Ende der Nullzinspolitik erwartet

Ein baldiges Ende der ultralockeren Geldpolitik, sprich eine Anhebung des Leitzinses, steht also nicht auf dem Programm. Laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters unter 71 Volkswirten erwarten alle Experten, dass der Leitzins auch im vierten Quartal 2021 unverändert bei null Prozent liegen wird.

Auch bei den Strafzinsen, die Banken zahlen müssen, wenn sie Geld bei der EZB parken, dürfte sich bis dahin wenig tun. Die Befragten gehen mehrheitlich davon aus, dass der sogenannte Einlagezins bis Ende kommenden Jahres bei minus 0,5 Prozent liegen wird.

Gute Nachrichten für Hausbauer

Welche Konsequenzen wird nun eine weitere Öffnung der Geldschleusen für Bauherren und Verbraucher haben? Dass etwa die Bauzinsen billiger werden, halten Experten wie Max Herbst von der FMH-Finanzberatung eher für unwahrscheinlich. "Die EZB-Lockerung könnte zur Folge haben, dass die Anlagezinsen, Dispozinsen und Ratenkreditzinsen zumindest nicht steigen", sagte Herbst der "FAZ". Aber an eine weitere wirkliche Senkung der Bauzinsen glaube er nicht.

Dennoch wäre eine Fortführung der Nullzinspolitik eine gute Nachricht für Hausbauer und -käufer. Denn die lockere Geldpolitik der Notenbank führt dazu, dass Banken und Sparkassen Kredite zu günstigen Konditionen vergeben können. Und weil die Bauzinsen stets die Zinsentwicklung der Bundesanleihen nachvollziehen, lohnt auch ein Blick in diese Richtung.

Weil deutsche Staatsanleihen als ein Hort der Sicherheit gelten, ist die Nachfrage gerade in Zeiten der Unsicherheit hoch. Entsprechend niedrig sind die Renditen. Die zehnjährigen Bundesanleihen rentieren sogar 0,6 Prozent im Minus. Käufer müssen also Geld dafür bezahlen, statt Zinsen zu bekommen.

Noch sehr günstige Finanzierungen

Es kann also nicht überraschen, dass die Bauzinsen derzeit auf einem sehr niedrigen Niveau verharren. Ein Aufwärtstrend ist nicht zu erkennen. Zuletzt lag der niedrigste Zins für 10-jährige Hypothekendarlehen bei 0,41 Prozent. Auch längere Zinsbindungen bleiben mit rund einem Prozent äußerst günstig.

"Wer im ausklingenden Jahr einen Immobilienkredit benötigt, kann sehr günstige Finanzierungsbedingungen für sein Vorhaben nutzen. Die heutigen Zinssätze liegen oft nur bei einem Viertel oder Fünftel der zum Beispiel vor zehn Jahren üblichen Konditionen", sagt Mirjam Mohr, Mitglied des Vorstands des Immobilienfinanzierers Interhyp AG.

Leichte Verteuerung erwartet

Dennoch könnte sich die Baufinanzierung im kommenden Jahr etwas verteuern. Sollten Großinvestoren wie Pensionsfonds und Beteiligungsfirmen wieder mehr in Aktien investieren, weil sich mit Beginn der Impfungen ein baldiges Ende der Corona-Pandemie abzeichnet, fließt weniger Geld in deutsche Staatsanleihen. Deren Kurse dürften dann unter Druck kommen, was die Renditen ansteigen ließe.

Auch könnte die neu aufkeimende Hoffnung höher verzinste Anleihen als die deutschen Papiere interessanter machen. Auch eine solche Entwicklung könnte die Renditen der deutschen Staatsanleihen steigen lassen, erklärt Max Herbst von der FMH-Finanzberatung.

"Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass 2021 die sonst übliche Zinsflaute zu Beginn eines neuen Jahres ausbleibt und die Zinsen stattdessen leicht steigen", so der Experte. Doch keine Panik. "Dramatische Ausschläge nach oben sind nach jetzigem Stand trotzdem nicht zu erwarten", beruhigt Herbst.

Allerdings können bei Baukrediten Unterschiede hinter dem Komma bereits über tausende Euro mehr oder weniger entscheiden.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Dezember 2020 um 11:40 Uhr.

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